Südzentrale: Klartext

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Aug 152015
 

Offener Brief, August 2015

 

Liebe Mitglieder des Vereins zum Erhalt der Südzentrale,

liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Wilhelmshaven,

liebe Unterstützer in ganz Deutschland und darüber hinaus,

Grafik: NordwestREPRO

Grafik: NordwestREPRO

am 5. August 2015, wenige Stunden nach Erteilung der endgültigen Abrissgenehmigung, wurde die charakteristische Hauptfassade der Südzentrale unwiederbringlich zerstört. Die Bedeutung dieser symbolischen Geste muss man kaum erläutern. Erst im Anschluss begann der systematische Abriss von den Nebengebäuden bis zum Dach und den Seitenwänden der zentralen Maschinenhalle, die am 11. August endgültig zerstört wurde.

Wohl kein Gebäude hat Wilhelmshaven über seinen Tod hinaus so bewegt wie die Südzentrale. Seit dem 5.8.15 sind jahrelang geführte Diskussionen noch einmal kumuliert. Wieso konnte der Verein trotz aller Bemühungen das Gebäude nicht retten? Wieso wurde nicht schon vor 20 Jahren ein solcher Verein gegründet, sondern erst, als es (scheinbar) schon zu spät war?

Wir erhalten vor allem Anteilnahme und Danksagungen für unser unermüdliches Engagement, aber auch Vorwürfe. So sehr es uns ehrt, dass wir als oberste Instanz zur Rettung der Südzentrale wahrgenommen werden: Die einzige Instanz, die jemals zum Erhalt des Gebäudes verpflichtet war und alle rechtlichen Instrumente dafür in der Hand hatte, ist die Stadt Wilhelmshaven als zuständige Denkmalbehörde.

Es spielte somit auch niemals eine Rolle, ob es eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für oder gegen den Erhalt der Südzentrale gab; oder ob ein Verein mit fast 450 Mitgliedern eine Mehrheit repräsentiert oder nur ein Haufen realitätsferner Traumtänzer ist.

Der Schutz von Kulturdenkmalen ist keine Meinungsfrage, sondern eine gesellschaftlich anerkannte und somit öffentliche Aufgabe, die in allen Bundesländern durch ein eigenes Denkmalschutzgesetz geregelt und festgelegt ist. Es ist Bürgerinnen und Bürgern unbenommen, ihre Kommune bei der Erfüllung dieser Aufgabe zu unterstützen, ob als Einzelperson oder als großer Verein. Nicht umsonst ist unser Verein als gemeinnützig anerkannt.

Vor 20 Jahren bestand gar kein Anlass, die Südzentrale vor irgendwem zu retten. Vom Abriss war damals überhaupt keine Rede. Das Kaiserliche Kraftwerk stand seit 1987 unter Denkmalschutz und wurde erst 1993 endgültig stillgelegt. Da waren die Gebäude noch in bester Verfassung. Mangels städtischem Interesse verkaufte der Bund die Immobilie an Privathand. Nach zweifachem Weiterverkauf landete sie beim heutigen Eigentümer, der BGI Ibbenbüren. Die legte der Stadt Nutzungspläne vor, die jedoch abgelehnt wurden. Daraufhin lagen die Beziehungen zwischen Stadt und BGI lange Zeit auf Eis.

Dessen ungeachtet waren die Eigentümer gesetzlich verpflichtet, das Baudenkmal instand zu halten (§6 NDSchG). Was sie nicht taten. Die Stadt hätte sie daraufhin zu entsprechenden Maßnahmen auffordern müssen. Was sie nicht tat. Die Stadt kann und muss im Notfall, natürlich auf Kosten des Eigentümers, selbst Sicherungsmaßnahmen durchführen. Was sie ebenfalls nicht tat.

Welche rechtlichen Möglichkeiten und Pflichten die Untere Denkmalbehörde noch gehabt hätte, möge jede/r im Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz nachlesen. Es ist im Internet im Volltext einsehbar und für jeden verständlich.

Nach seiner Gründung im Juni 2011 gelang es dem Verein, Stadt und Eigentümer wieder an einen Tisch zu bringen. Nach anfänglicher Euphorie spürte der Vorstand jedoch schnell, dass diese beiden „Partner“ nicht mit offenen Karten spielten. Erst einzeln, später gemeinsam versuchten sie alles, um den Verein zu täuschen und hinzuhalten. Da wir nicht naiv sind und zudem über viele Kontakte verfügen, waren diese Manöver leicht zu durchschauen. Doch im Interesse unserer Mitglieder und so vieler Unterstützer und unseres gemeinsamen Zieles, dem Erhalt der Südzentrale, haben wir über Jahre gute Miene zum bösen Spiel gemacht, sind höflich und freundlich geblieben und haben unsererseits immer neue Karten offen auf den Tisch gelegt, Entwicklungs- und Finanzierungsmöglichkeiten aufgezeigt, als säßen uns faire Partner gegenüber.

Der Verein und der Vorstand haben vieles einstecken müssen, doch haben wir all die Lügen und Intrigen weniger als persönliche Kränkung empfunden denn als Affront gegen Hunderte engagierter Wilhelmshavener Bürgerinnen und Bürger. Es war deren Begeisterung für dieses Gebäude, deren Optimismus und Bürgersinn, der uns immer wieder ermutigt hat, weiterzumachen.

Im Wahlkampf 2011 hatte jede Partei, jeder Oberbürgermeisterkandidat versprochen, sich für den Erhalt der Südzentrale einzusetzen. Auf der konstituierenden Ratssitzung nahm man pressetauglich lächelnd die über 3300 Unterschriften für den Erhalt der Südzentrale entgegen, die wir in ein paar Wochen gesammelt hatten. Nicht im Sinne einer Abstimmung – für ein Bürgerbegehren hätten wir etwas länger sammeln müssen, aber das war gar nicht der Plan -, sondern als Ermutigung für die Politik. Das Foto ist Geschichte, danach passierte – mit einigen löblichen Ausnahmen aus der Opposition – im Rat nichts, was unser Anliegen mit konkreten Beschlüssen untermauert hätte.

Wir haben nie verlangt, dass unsere chronisch klamme Stadt den Erhalt der Südzentrale aus eigener Tasche finanziert. Wir wollten nur die fachliche und juristische Unterstützung von Rat und Verwaltung. Es gab genügend Gründe, um die unter OB Menzel verfügte und unter OB Wagner verlängerte Abrissgenehmigung wieder aufzuheben. Deren Grundlage war ein älteres Gutachten, wonach der Erhalt dem Eigentümer wirtschaftlich nicht zumutbar sei.

Der Verein hat der Stadt – dank solventer Mitglieder – ein umfangreiches Fachgutachten im Wert von 20.000 geschenkt, das einen Erhalt durch wirtschaftliche Nutzung aufzeigt. Dies wurde im Sommer 2014 vom Rat zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht in konkrete Beschlüsse und Handlungen umgesetzt. Zeitgleich untersuchte Professor Oltmanns mit Studierenden der Jadehochschule die Statik der Südzentrale mit dem (im November öffentlich präsentierten) Ergebnis, dass es sich um ein „recht solides Gebäude“ handelte; nur an einigen wenigen Stahlträgern wären Reparaturen erforderlich gewesen.

Frau MdB Karin Evers-Meyer teilte uns schriftlich mit, dass der Bund erhebliche Mittel zum Erhalt von Baudenkmalen zum Abruf bereithielt. Das fand im Rathaus ebenso wenig Widerhall wie ein Brief der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (der wahrlich höchsten Instanz für Denkmalpflege bundesweit), worin OB Wagner höflich aber bestimmt auf die kulturhistorische Bedeutung der Südzentrale und die Pflicht zu deren Erhalt hingewiesen wurde.

Spätestens, als der Verein den Eigentümern einen genossenschaftlich finanzierten Kaufpreis in Höhe von 800.000 Euro anbot, war die konkrete wirtschaftliche Verwertung gegeben: Das Grundstück hat einen Verkehrswert von 300.000 Euro, die Gebäude hatten für die Eigentümer ohne eigenes Nutzungskonzept einen Nullwert, wobei die Abrisskosten umgekehrt mit etwa 400.000 Euro zu Buche schlagen.

Warum die Eigentümer dieses sehr freundliche Angebot ausschlugen, bleibt ihr Geheimnis. Eines Tages werden sie und der OB offen legen müssen, was mit dem Grundstück am Fuß der für 7 Mio Euro sanierten KW-Brücke, die einst als bauliches Ensemble mit der Südzentrale errichtet wurde, passieren soll.

Sowohl unter OB Menzel als auch unter OB Wagner kümmerte sich die städtische Denkmalbehörde nicht um die Südzentrale. Zuletzt hatte die Stadt die Südzentrale ausdrücklich aus dem Sanierungsgebiet „östliche Südstadt“ herausgenommen, für das erhebliche Landes- und Bundesmittel in Anspruch genommen werden können.

Auch Naturschutzgesetze wurden zur Nebensache. Noch im Januar hatte die städtische Naturschutzbehörde ein Abrisstopp verhängt, nachdem europaweit streng geschützte Fledermausarten in der Südzentrale entdeckt wurden. Eigentlich nicht überraschend, solche Gebäude sind klassische Winterquartiere für Fledermäuse, nur wurde erst anlässlich der konkreten Bedrohung durch Abriss eine entsprechende Kartierung verfügt. Unlängst hat dann wohl die BGI das erforderliche Gutachten vorgelegt, das nachweisen soll, dass es im Umfeld auch Ersatzquartiere für die Tiere gibt. Nach §39 Bundesnaturschutzgesetz ist es jedoch verboten, Lebensstätten wild lebender Tiere und Pflanzen ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen oder zu zerstören. Bis jetzt hat die BGI nicht verlauten lassen, was sie nach dem Abriss auf dem Grundstück plant. Ohne eine konkrete – und von der Stadt genehmigte! – Planung gibt es aber keinen vernünftigen Grund, das für Fledermäuse wichtige Gemäuer vorzeitig zu zerstören. Schnell schob der Pressesprecher der Stadt eine andere Begründung nach: Aus Gründen der Verkehrssicherheit sei nun ein sofortiger Abriss erforderlich.

Wir sind gespannt auf die künftige Nutzung dieses für Wilhelmshaven so wichtigen Grundstückes, die es „rechtfertigt“, dass Denkmalschutz und Naturschutz ausgehebelt wurden.

Bis dahin wird möglicherweise viel Gras und Gebüsch auf dem Gelände der ehemaligen Südzentrale wachsen. Was mit unserem Verein passiert, werden im Oktober d. J. unsere Mitglieder auf der Mitgliederversammlung demokratisch entscheiden. Fest steht, dass für uns kein Gras über die ungeheuerlichen Vorgänge wachsen wird, die zur mutwilligen und unnötigen Zerstörung eines der bedeutendsten Baudenkmale der deutschen Geschichte geführt haben.

In einem vor 3 Wochen veröffentlichten Artikel über die Südzentrale konstatiert der renommierte Fachjournalist Nils Aschenbeck, Träger des Deutschen Journalistenpreises: „Südzentrale und (Kaiser-Wilhelm-)Brücke haben in ihrer symbolischen Bedeutung, die ihresgleichen sucht, geradezu das Zeug zum Weltkulturerbe. Nur der Reichstag in Berlin steht ähnlich symbolisch für die deutsche Geschichte.“ Nicht nur für ihn ist Wilhelmshaven, angesichts seines Umgangs mit einem solchen Schatz, eine „Stadt der verpassten Chancen“. Kommende Generationen von Wilhelmshavener/innen können nun nicht mehr entscheiden, ob und mit welcher Nutzung sie ihr Kulturelles Erbe bewahren wollen, denn sie wurden ja soeben enterbt.

Die Südzentrale darf kein Präzedenzfall werden, der Spekulanten ermutigt, solche Schätze mutwillig dem Verfall preiszugeben, ohne dass sie von der zuständigen Denkmalbehörde belangt, sondern stattdessen noch mit einer Abrissgenehmigung belohnt werden.

In diesem Sinne danken wir allen Vereinsmitgliedern und weiteren Unterstützern für ihr jahrelanges Engagement. Es war trotz allem nicht umsonst. Nicht Sie, nicht wir haben einen Kampf verloren – unsere Stadt, unser Land hat ein unwiederbringliches Geschichtsdenkmal verloren. Aber diesen Verlust haben Sie und wir nicht zu verantworten, wir haben alles getan, was in unseren Kräften stand, um das zu verhindern.

Lassen Sie sich nicht entmutigen und behalten Sie ihren positiven Bürgersinn!

Herzliche Grüße

im Namen des gesamten Vorstandes

Rüdiger Nietiedt

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