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Jan 182014
 

Kultureller Kahlschlag?

Wilhelmshavener kämpfen für ihre Kunsthalle

(iz) Wir schreiben den 17. Januar 2014. Eine aufgebrachte Menge hat sich versammelt, um der fehlgeleiteten Kulturpolitik der Stadt etwas entgegenzusetzen. Die Empörten tragen keine Dreadlocks, keine Piercings, keine Kapuzenpullis. Sie tragen, jedenfalls zum Teil, Armani, Rolex und ein CDU-Parteibuch in der Tasche (oder SPD, was heutzutage kaum noch einen Unterschied macht), und ihr Durchschnittsalter liegt bei 50+. Ihr gemeinsames Ziel: Die Rettung der Wilhelmshavener Kunsthalle.
Wenige Tage zuvor hatte Dr. Hartmut Wiesner einen Offenen Brief verschickt, der binnen kurzem an die 300 Unterzeichnenden aus Wilhelmshaven und dem Umland fand und in den Medien veröffentlicht wurde . Neben Einzelpersonen gehören auch Institutionen wie der Club zu Wilhelmshaven, die Jade Hochschule, die IGS, Gewerkschaften oder die Institute für Vogel- und für historische Küstenforschung zu den Unterstützern. Unterzeichnet haben kulturinteressierte Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen und „Schichten“. In dem Brief werden der Oberbürgermeister und der Rat der Stadt aufgefordert, die traditionsreiche Kunsthalle nicht in einen Topf mit nicht vergleichbaren Kultureinrichtungen zu werfen und kurzsichtig wegzusparen.


Bei der Veranstaltung sprach Wiesner klare Worte: „Der Erhalt der Kunsthalle ist unerlässlich, hier an diesem Ort und in diesem Gebäude. Touristen sind keine homogene Masse, die auf einem Eventparcours für einen Tag von Ereignis zu Ereignis ziehen. Es geht hier in erster Linie um Kunst und Kultur für Menschen, die hier arbeiten und leben wollen. Immer mehr junge Leute wandern ab. Viele, die hier arbeiten, wohnen bereits in Oldenburg.“ Diese Aufforderung zum Umdenken war am Vortag, beim Treffen der STEP+-Arbeitsgruppe Freizeit (Kultur, Erholung, Sport, Tourismus), bereits von anderer Seite vorgebracht worden: In einer mobilen Pendlergesellschaft sind Arbeitsplätze ist nicht das wesentliche Kriterium, um neue Einwohner zu gewinnen oder alte zu halten, sondern die Lebensqualität (in der Freizeit), die sich aus vielen Faktoren zusammensetzt. Und mit einem Mainstream-Kulturangebot ohne erkennbares Profil lockt man auch keine nennenswerten Touristenströme her.
Wiesner sprach sich für Erhalt und Vernetzung der kulturellen Vielfalt aus: „Alles ist bereits vorhanden: Kunsthalle, Theater, Volkshochschule, Stadtbücherei, Volkshochschule, auch die Ballettschule und Sezession Nordwest nicht zu vergessen. Verbunden ist das Ganze durch einen bereits existierenden Gang, der nur noch zu gestalten und besser zu markieren wäre: Ein zentraler Bildungs- und Lernort … Dann gelangt man über die Achse Marktstraße in den Bereich Freizeit und Unterhaltung Richtung Pumpwerk über den Bontekai zu den Museen am Südstrand“.
Nicht nur er wies an diesem Abend darauf hin, dass eine Zusammenlegung der Museumslandschaft nicht kostenneutral ist (Kauf, Umbau von Gebäuden, Umzüge, Unterhaltung leerstehender Gebäude). Und viele machen wie Wiesner derzeit im Kopf Rechnungen auf, die schwer nachvollziehbar sind: Die Kunsthalle kostet im Jahr 100.000 Euro städtischen Zuschuss, Das Gutachten zur „Einkreisung“ (WHV – Friesland), die dann, wie vorher absehbar, nicht stattfand, kostete 120.000, insgesamt wurden laut Wiesner im letzten Jahr 1 Mio Euro für Gutachten ausgegeben. Sporteinrichtungen wie Nautimo oder ein Kunstrasenplatz verschlingen ebenfalls sechs- bis siebenstellige Beträge. Wobei Wiesner betonte, dass Sport ebenfalls wichtig ist, nur müsse die Bewertung im Verhältnis stehen.
„Ein maßvoller Anbau an die Kunsthalle, im Übrigen schon einmal in den 1980er Jahren vom Rat der Stadt genehmigt, böte hervorragende Möglichkeiten, vielleicht auch schwierig zu rezipierende Ausstellungen parallel mit Themenausstellungen, die sich aus der städtischen Sammlung speisen könnten, zu ergänzen.“ Wiesner warnte davor, sich an die Popularität eines prominenten Künstlers („jeder weiß, wer gemeint ist“ 1) zu klammern, der möglicherweise seine Sammlung nach Wilhelmshaven verlegt. Auch das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg habe große Probleme, „Besucher mit der immer wiederkehrenden Präsentation ihres Stars in neuen Gewändern heranzuziehen.“ 2
Wiesner schloß mit dem Hinweis, dass er mit diesen seinen Auffassungen – als Kunstpädagoge und maler – nicht allein dasteht. Den Hunderten veröffentlichten Unterzeichnern seines Offenen Briefes schließen sich täglich Weitere an. „Ich werde täglich von entrüsteten Bürgern auf der Straße angesprochen, die mich weiter unterstützen wollen.“

Hintergrund / Vorgeschichte

Im Zuge der Haushaltsberatungen 2013 (Ratssitzung vom 27.2.) wurde die Neuordnung der städtischen Kulturlandschaft zur Diskussion gestellt. Der Vorschlag der Verwaltung „Überführung des Küstenmuseums (unter temporärer Schließung) in ein Stadtmuseum unter Einbeziehung der städt. Kunstsammlung/Kunsthalle mit klarer Beziehung zum Marinemuseum und Wattenmeerhaus“ wurde von der CDU/SPD-Mehrheit wie folgt geändert: „Überführung des Küstenmuseums und der städtischen Kunstsammlung/Kunsthalle (unter temporärer Schließung) in ein Stadtmuseum mit klarer Beziehung zum Marinemuseum und Wattenmeerhaus unter Beteiligung der betroffenen Institutionen“ und bei 11 Gegenstimmen und 2 Enthaltungen der Opposition mehrheitlich angenommen.
Ratsfrau Biester erinnerte daran, dass der Erhalt der Kunsthalle Gegenstand der Kulturpolitischen Leitlinien 3 sei und warnte davor, zu leichtfertig mit dem Thema umzugehen. (Dort steht auch zu lesen: „Der Standort im ‚Kulturviertel‘ und in der Mitte des ‚preußischen‘ Wilhelmshavens an der Adalbertstraße ist optimal.“ – red.)
Auf Vorschlag der Grünen wurde zudem einstimmig beschlossen, ein zweitägiges „Kulturkolloquium“ mit allen Kultureinrichtungen der Stadt, GGS, Finanzverwaltung, Kulturausschuss, WTF durchzuführen, in dem „die Zusammenlegungen, Zentrierungen, Fusionen unter Beachtung des vorhandenen städtischen Gebäudebestandes / Flächen vorbereitet“ wurden. „Aus dem Kolloquium und den Resultaten leiten sich dann die Teilbereiche eines neuen Tourismuskonzeptes und das neue Kulturkonzept ab … Die Kultureinrichtungen haben das in diesem Kolloquium entstehende Konzept innerhalb einer vom Rat festzusetzenden Frist umzusetzen.“
Der Passus „Weigerungen von Kultureinrichtungen, sich konstruktiv – auch durch ggf. notwendigen Anpassungen der Gebührenstrukturen – an der Entwicklung zu beteiligen, werden mit sofortigem Einfrieren von 50 (?) % der Zuschüsse beantwortet“ wurde zwar auf Vorschlag der Grünen erst mal aus ihrem eigenen Antrag gestrichen. Die Zielrichtung war Biehls Haushaltsrede zu entnehmen: „Ganz nebenbei stellen wir fest, dass im Bereich der Kunsthalle ein grobes Missverhältnis zwischen den Mitgliedsbeiträgen im Kunstverein und den Zuschussbeträgen der Stadt beträgt. Wenn ich höre, dass die Mitglieder im Kunstverein im Schnitt 50 € Jahresbeitrag leisten und die Beiträge für Jugendliche und Kinder im Sportverein z. T. über 100 € liegen, dann stimmt da was nicht. Vereinsbeträge im Bereich von organisierten Kunstfreunden liegen anderen Orts bei bis zu 300 bis 350 €/Jahr. Selbst der Wilhelmshavener Angelverein verlangt mehr an Mitgliedsbeitrag als der Wilhelmshavener Kunstverein.“

Lokale Stärken werden verkannt

Mit Ablauf und Ergebnis des von ihnen initiierten Kolloqiums waren die Grünen gar nicht zufrieden. Sie kritisieren, „dass in der Stadt vor allem die Lobbygruppen Gehör finden, die sich für den Bestand der Museen einsetzen, während auf andere Kulturveranstalter wenig Rücksicht genommen werde“. (Jeversches Wochenblatt 14.1.2014) Letztere, die nicht konkret benannt werden, seien gar nicht erst eingeladen gewesen. Wieder hat Biehl vor allem die Kunsthalle bzw. den Verein der Kunstfreunde im Visier: „Bei der Kunsthalle scheine man die eigenen kleinen vier Wände höher einzuschätzen als Werke, die selbst im Kanzleramt an exponierter Stelle zu sehen seien. Es gehe nicht darum, die Kunsthalle als Institution aufzulösen, sondern um die Frage, wie und an welchem Standort man beide Seiten – Kunsthalle und Fetting – unter einen Hut bringen könnte. Hierzu sei aber eine offene, konstruktive Debatte notwendig. Die sei nach grüner Einschätzung derzeit nur schwer erreichbar.“ Ob es konstruktiv ist, die Kunsthalle so kleinzureden, sei dahingestellt – das ist genau das Problem, dass die Perlen Wilhelmshavens von den Entscheidungsträgern nicht wahrgenommen werden, weil sie meist in die falsche Richtung gucken.

Auch Rainer Fetting hat mal klein angefangen und gäbe es nicht öffentliche Räume wie unsere Kunsthalle und Menschen wie Viola Weigel und ihr Team, würden viele heutige Talente unentdeckt in ihren Ateliers verschmoren und ihre Werke blieben den Kunstinteressierten jenseits der Metropolen vorenthalten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung der Bauhaus-Architektur. Dass unsere Kunsthalle trotzdem (noch) nicht „offiziell“ unter Denkmalschutz steht, ist nebensächlich – Millionen pilgern nach Dessau und Weimar, dabei kann man auch in Wilhelmshaven bestaunen, wie Walter Gropius‘ funktionales Konzept, seine eigene Zeit überdauernd, im Kunsthallen-Neubau 1968 gekonnt umgesetzt wurde. Man muss es nur bekannter machen.
Die gewünschte offene Debatte – inklusive engagierten Bürger/innen – hat jetzt mit der Veranstaltung in der Kunsthalle ihren Anfang genommen. Sie lässt sich vor Ort auch besser führen als im abgekapselten Ratssaal. Nur dürfen Ratsmitglieder, die eine Zusammenlegung von Einrichtungen im Auge haben, den Museumsvertretern nicht vorwerfen, sie seien nicht konstruktiv, wenn sie aus fachlicher Sicht auf ihrer Eigenständigkeit beharren. Und erst recht darf man sie nicht mit der Androhung von Kürzungen erpressen.

1 nämlich Rainer Fetting, was Eingeweihten seit langem bekannt ist und von Werner Biehl (Ratsherr der Grünen) am 14.1. in der Tageszeitung öffentlich gemacht wurde: Die Teilnehmer am Kolloquium zur Neuordnung der Kulturlandschaft „seien darüber informiert worden, dass es Verhandlungen gebe, um dem Wunsch des in Wilhelmshaven geborenen Malers Rainer Fetting entsprechen zu können, sich mit seinem gesamten, weltbekannten und anerkannten Werk nach Wilhelmshaven zurückzuziehen.“

2 ohne zusätzliche Wechselausstellungen, Workshops und weitere Angebote kommt das Museum nicht aus – www.horst-janssen-museum.de

3 Kulturpolitische Leitlinien der Stadt Wilhelmshaven in der vom Rat der Stadt Wilhelmshaven am 19.12.2007 verabschiedeten Fassung

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