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Flaute?
Was ist mit dem Gegenwind los? Ein Stück schonungsloser Transparenz
Veröffentlicht am 30.04.2012 (red) Unseren
StammleserInnen wird kaum entgangen sein, dass dem Gegenwind etwas die Puste
ausgegangen ist. Die letzte gedruckte Ausgabe erschien Ende Januar 2012. Seitdem
schoben wir den Termin für den nächsten Gegenwind von einer Redaktionssitzung
zur nächsten.
Es fehlt uns gewiss nicht
an Themen. Es fehlt uns schlichtweg an Personal. Und latent fehlt es uns an
Geld, auch wenn wir dieses Problem in der Vergangenheit immer lösen konnten.
Seit Jahresanfang diskutieren wir ernsthaft über die Zukunft dieser Zeitung -
der bundesweit am längsten, nämlich 36 Jahre durchgängig erscheinenden
alternativen unabhängigen Stadtzeitung.
Die Stammredaktion, die sich wöchentlich trifft, ist von neun Leuten (Anfang der
1990er Jahre) auf vier geschrumpft: Hannes, Anette, Imke, Matthias. Die
diskutieren, recherchieren und schreiben nicht nur die Themen bzw. Beiträge, sie
machen die ganze Organisation von Druck, Layout, Finanzen etc., sie verteilen
auch die 4500 Hefte in der ganzen Stadt und im Umland. Nicht vergessen wollen
wir dabei Jochen, der auch regelmäßig und verlässlich Artikel liefert und beim
Verteilen mit dabei ist. Drei haben "nebenbei" einen Vollzeitjob, alle
engagieren sich auch noch ehrenamtlich in anderen Bereichen.
Wir sind ein eingespieltes Team, wir können uns aufeinander verlassen. Trotzdem
können wir unter diesen Bedingungen oftmals unsere selbst gesetzten
Qualitätsstandards hinsichtlich Inhalten, Pünktlichkeit sowie Tiefe und Sorgfalt
der Recherche nicht halten.
Wir sind keine Übermenschen. Wir werden nicht jünger, wir haben auch ein
Privatleben und andere Hobbys.
Was uns immer wieder aufgebaut hat, ist die Freude und Begeisterung der
Kioskbetreiber, der Gaststätten und anderer Verteilstellen und der "Endkunden",
wenn wir die fertigen Hefte gebracht haben. "Endlich der neue Gegenwind - die
Kunden fragen schon" - "Bringen Sie ruhig nächste Woche noch mehr Hefte, die
gehen weg wie geschnitten Brot" - kaum lagen die Hefte da, griffen die ersten
danach "- die einzige Zeitung in Wilhelmshaven, die man lesen kann" ... Für sie,
unsere Leserinnen und Leser, haben wir uns ins Zeug gelegt - und hatten lange
Zeit trotz durchgetippter Nächte Spaß dabei.
Alles Vergangenheit, Geschichte? Das gilt es zu diskutieren und zu entscheiden.
Zur inhaltlichen
Arbeit
Seit mehreren Ausgaben reduziert sich der Gegenwind auf Anettes Hartz
IV-Informationen und Schulgeplauder, Imkes Ratssplitter, dann und wann mal eine
Kulturkritik und jeweils 1 oder 2 Artikel zu aktuellen
Vorkommnissen (Banter See, JadeWeserPort etc). Das ist alles nicht
unwichtig, aber auch nicht bahnbrechend, wenn es um Veränderungen in
Wilhelmshaven geht. Man könnte fast sagen, dass ein Gegenwind mit diesen
Inhalten nicht mehr zwingend notwendig ist und schon gar nicht den Inhalt
unserer Präambel widerspiegelt:
Die Zeitung versteht sich als
Diskussionsforum der Linken in Wilhelmshaven und Umgebung. Themenbereiche des
GEGENWIND sind Arbeit, Kultur, Kommunalpolitik, Umwelt, Soziales.
Der GEGENWIND sieht es als seine Aufgabe an, Informationen und Kommentare zu
verbreiten, die sonst keine Chance auf Veröffentlichung hätten, aufzuklären,
sich einzumischen und Einfluss zu nehmen.
Zur finanziellen Situation
An Anzeigen nehmen wir momentan pro Ausgabe gut 300 Euro ein. Mitgliedsbeiträge
gibt es pro Quartal 1.110 Euro.
Eine 12seitige Ausgabe kostet 1.067 Euro, 16 Seiten 1.330 Euro.
Konkret bedeutet das, dass wir momentan pro Quartal 1 ½ 12seitige Ausgaben
finanzieren können.
Unser Problem liegt eindeutig bei den Anzeigen. Über all die Jahre haben viele
Läden und Organisationen aus dem Gegenwind-nahen Spektrum dichtgemacht bzw. sich
aufgelöst, die uns mit vielen Kleinanzeigen unterstützt haben. Aktuell sind drei
Anzeigenkunden nur noch dann bereit, die Anzeige zu bezahlen, wenn wir eine
Steuernummer angeben.
Nun sind wir kein kommerzieller Verlag und kein Verein im juristischen Sinne,
also nicht beim Registergericht eingetragen. Also haben wir auch keine
Steuernummer. Theoretisch wäre das kein Problem, vermutlich auch nicht, sogar
als gemeinnütziger Verein eingetragen zu werden. Nur würde das zusätzlichen
Verwaltungsaufwand nach sich ziehen. Unsere Buchführung ist topp, transparent
und übersichtlich, nur müssten wir sie entsprechend aufbereiten und regelmäßig
ans Finanzamt weiterreichen, zudem jährliche Vereinssitzungen, Wahlen,
Mitgliederverwaltung etc ... was auch wieder an der Redaktion kleben bleiben
würde, die sich eigentlich der inhaltlichen Arbeit widmen soll und möchte.
Dabei möchten wir die langjährige Unterstützung durch unseren virtuellen
Vereinsvorsitzenden Rolf Biermann natürlich nicht unterschlagen! Aber wir reden
immer nur von Einzelpersonen - insgesamt sechs "Macher/innen" stehen einigen
tausend Leser/innen gegenüber, die vermutlich zum größten Teil keine Vorstellung
davon haben, unter welchen Bedingungen unsere Zeitung entsteht.
Dabei ist klar, dass von den Mitgliedsbeiträgen und Anzeigeneinnahmen
ausschließlich der Druck der Zeitung finanziert wird. Für
Gegenwind-MitarbeiterInnen gibt es keine Auslagenvergütungen, Porto- und
Telefonkosten, die Internetpräsenz, technische Ausrüstung, all das wird von den
Gegenwindlern aus eigener Tasche bezahlt. Erwartet wird natürlich, dass alle
Redaktionsmitglieder auch noch ihren Förderbeitrag an den Gegenwind-Verein
entrichten.
Konsequenz: Nur noch Internet?
Seit vielen Jahren schwimmt die Printausgabe des Gegenwind tapfer im
Haifischbecken der digitalen Medienwelt mit und hat den Kopf lange oben
behalten. Dabei wurde uns schon zu Zeiten der farbigen Hochglanz-Stadtmagazine
der Untergang prophezeit. Wir haben am Graustufendruck auf Umweltpapier
festgehalten und derweil mehr als ein Mainstream-Format auftauchen und schnell
wieder absaufen gesehen.
Seit 2000 haben wir auch eine Internetseite (die ebenfalls nicht dem "hippen"
Mainstream folgt, sondern sachlich daherkommt) und seit kurzem auch eine
Facebookseite. Beide sind jedoch nur Recycling-Produkte der Printausgabe.
Eine Möglichkeit, das hier geschilderte Dilemma zu lösen, wäre ein
Gegenwind-Blog im Internet: Wir verzichten völlig auf die Printausgabe und
machen unsere Zeitung im Internet. Das hat natürlich arbeitsmäßig und finanziell
alle Vorteile – aber wir hätten in Wilhelmshaven keine anständige Zeitung mehr.
Es gibt in Wilhelmshaven das Bürgerportal mit täglichen Berichten und weitere
digitale Foren rund um Wilhelmshavener Themen. Doch sich da einfach anzuhängen
hieße, das eigene Profil des Gegenwind völlig aufzugeben.
Dann lasst
uns mal diskutieren!
Hier einige Diskussionsbeiträge aus der
Redaktion:
"Ich teile die
Einschätzung, dass ein E-Paper nicht so einprägsam wie die stoffliche
Paperausgabe ist. Eine Papierzeitung liegt eine Zeit lang auf dem Tisch, bevor
sie im Papierkorb (bei einigen auch in der Ablage ) verschwindet. Auch kann sie
zum anschließendem Klick im Internet anregen...
Ich gehe davon aus, dass der Gegenwind durch sein Jahrzehnte langes Erscheinen
einen spezifischen Leserkreis an sich bindet, der auf inhaltliche Qualität auf
Grund sorgfältiger Recherche Wert legt. Ich habe große Zweifel, ob diese sich -
ausschließlich durch eine Internetausgabe - weiter an den Gegenwind binden
lassen...
Medien im Internet müssen sich täglich, ja stündlich (am besten jetztzeitig)
aktualisieren, um bei der Gier nach Neuigkeiten mithalten zu können. Sorgfältige
Recherche spielt da häufig eine untergeordnete Rolle. Um überhaupt bemerkt zu
werden, müsste der Gegenwind - so wie das Bürger Portal es täglich im Ansatz
versucht - mindestens einmal wöchentlich mit sorgfältig recherchierten lokalen
Neuigkeiten aufwarten. Wenn ich mir angucke, dass es der Gegenwind auf
durchschnittlich ca. 300 Klicks pro Woche schafft, dann frage ich mich, lohnt
der gesteigerte Aufwand überhaupt?!
Mein Vorschlag: Wir versuchen es noch einmal - wie damals nach dem Ausscheiden
von Wolfgang Kuschel - durch Hinweise auf die ausgezehrte Redaktion sowie die
knappen Geldzuflüsse auf die aktuelle kritische Situation hinzuweisen und damit
die Einladung zur Mitarbeit in der Redaktion bzw. der Mitgliedschaft im
Gegenwind-Verein usw. zu verbinden."
"Die Einwände sind nicht zu vernachlässigen. Wenn wir tatsächlich demnächst nur
noch online erscheinen, müssen wir einiges tun, um an unseren (bis zu - oder
mehr als) 5.000 LeserInnen dranzubleiben".
"Es geht nicht einfach nur um ein oder zwei neue Mitarbeiterinnen, es geht
auch nicht um ein paar neue Anzeigen, es geht um eine völlige Neustrukturierung
des Gegenwinds. Der Gegenwind müsste zukünftig auf eine feste rechtliche
Grundlage gestellt werden, damit es weiterhin möglich ist, Anzeigen zu
veröffentlichen, steuerlich muss der Gegenwind sich ebenfalls absichern und des
weiteren ist es nötig, eine klare Haftungsregelung zu finden."
Momentan ist es so, dass
der Chefredakteur (verantwortlich im Sinne des Presserechts - v.i.S.d.P.) mit
seinem privaten Vermögen für alles haftet, was im Namen des Gegenwind geschieht
– und da können schon verdammt hohe Beträge entstehen. Die rechtlichen
Bedingungen für einen solchen Verein o.ä. werden derzeit recherchiert.
Aus persönlichen Gründen wird Chefredakteur Hannes Klöpper zukünftig nur noch in
sehr geringen Umfang für die Gegenwind-Arbeit zur Verfügung stehen. Ein neuer
Gegenwind müsste als Gegenwind ohne Hannes Klöpper geplant werden.
Das ist natürlich ein drastischer Einschnitt. Wir erinnern uns: Als
Gegenwind-Begründer Wolfgang Kuschel 1982 ebenfalls aus persönlichen Gründen
(beruflich bedingter Wegzug aus Wilhelmshaven) die Zeitung abgeben - oder
aufgeben - musste, gab es nur eine Person, der er sein "Baby" überantworten
wollte, und das war Hannes Klöpper. Hätte dieser nicht "ja" gesagt, wäre der
Gegenwind schon damals (kurze) Geschichte gewesen.
Rolf Biermann war schon damals dabei. Er schreibt an Hannes Klöpper: Ich
weiß ja nun aus eigener Erfahrung, dass gut gemeinte Ratschläge von außen
wohlfeil sind. Du hast Recht, der GW muss sich neu erfinden. Auf nicht wenige
wirkt er etwas angestaubt. Das ist nicht nur ein technisches Problem (analog vs.
digital), auch ein inhaltliches. Die linke Verortung des GW darf natürlich nicht
zur Disposition stehen.
Die Frage ist doch, wie ihr eine
breitere Basis erreichen könnt und ob dort Leute ansprechbar sind? Als ihr den
GW von uns übernommen habt, wussten wir, wen wir ansprechen konnten.
Wenn ihr heute Leute findet, die die Sache übernehmen können - ohne dass ihr
dabei Bauchschmerzen habt, dann macht es. Ansonsten? Man muss auch über eine
letzte Nummer nachdenken dürfen. Nicht sehr erheiternd, ich weiß!"
In der Tat. In den heißen
Diskussionen um die Zukunft des Gegenwind bzw. davor und danach sind schon
Tränen geflossen. Wenn man/frau das über 20 oder gar 30 Jahre macht, ist es ein
Teil des Lebens, der eigenen Biografie und Identität.
Mit neuem Personal ist es wirklich nicht einfach. Es kamen ja immer mal neue
Leute, vor allem auch junge, was uns besonders am Herzen lag. Doch die gingen
wieder, wenn sie ausbildungsbedingt die Stadt verließen, die ihnen in dieser
Hinsicht keine Perspektiven bot. Oder sie sind durch das mörderische moderne
Schul- und Ausbildungssystem so gestresst, dass sie dauerhaft den Kopf gar nicht
frei haben, um sich ehrenamtlich in dieser Form zu verwirklichen.
Zudem muss jede/r da auch erst mal hineinwachsen. Redaktionsarbeit ist
Vertrauenssache, der Schutz von Informanten und internen Informationen und
Diskussionen besitzt höchste Priorität.
Insofern werden wir die von Rolf genannten "Bauchschmerzen" sehr ernst nehmen.
Auch wenn sich als Reaktion auf diesen bislang gravierendsten Notruf in der
Geschichte der Zeitung neue Akteure finden, werden wir die Marke Gegenwind nicht
einer beliebigen Windrichtung preisgeben. Ein Ende mit Schrecken wird es für uns
nicht geben.
Unabhängig davon können Dritte, die nicht zur festen Redaktion zählen, außer
Leserbriefen auch eigene Artikel einreichen, die gern in der Redaktion
recherchiert, formal und / oder stilistisch überarbeitet und nachrecherchiert
werden. Hierzu nochmals unser oberstes Statut:
Die Zeitung versteht sich als
Diskussionsforum der Linken in Wilhelmshaven und Umgebung. Themenbereiche
des GEGENWIND sind Arbeit, Kultur, Kommunalpolitik, Umwelt, Soziales.
Der GEGENWIND sieht es als seine Aufgabe an, Informationen und Kommentare zu
verbreiten, die sonst keine Chance auf Veröffentlichung hätten,
aufzuklären, sich einzumischen und Einfluss zu nehmen.
Doch da diese Form der (in früheren Zeiten regelmäßigen) Unterstützung
gegen Null tendiert, bleiben wir allein auf der Arbeit sitzen. Nach wie vor
finden viele den Gegenwind klasse und unverzichtbar, aber sie stehen nicht
Schlange, um selbst aktiv mitzuwirken. Die Gründe dafür sind vielfältig, oft
raubt der moderne Alltag schon alle Energie, oder es fehlt der Mut oder das
Selbstvertrauen, selbst etwas zu Papier zu bringen ...
Wat nu?
Die Diskussion ist innerhalb der
Redaktion noch nicht abgeschlossen. Mindestens zwei klammern sich an den
Strohhalm: Wir stellen vorläufig die Printausgabe ein, machen digital
weiter, und sobald Land in Sicht ist, wird wieder gedruckt.
Nach der letzten Ausgabe sind wir in ein tiefes Loch gefallen. Das wurde noch
dunkler durch den Tod von Erwin Fiege, Redaktionsmitglied der ersten Stunde.
Doch nach zwei Monaten Schreibblockade kam der erste frische Kick, plötzlich
erste fertige Artikel.
Was tun? Für eine
Druckausgabe reicht das Material nicht. Also setzen wir uns ran und bauen eine
Internet-Ausgabe. Das Aussehen der Seite verändert sich ein wenig – der
Gegenwind-Charakter bleibt aber erhalten. Erste Kontrollen des Seitenzählers
zeigen, dass durchaus Interesse am Gegenwind besteht – oder waren das alles
Leute, die auf den kompletten Gegenwind mit der Nummer 264 warten?
Nun freuen wir uns auf die Reaktionen unserer Leserinnen und
Leser.
Unsere Mailadresse:
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