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Mai 022013
 

Gedenkansprache von Karl-Heinz Fürst (IG-Metall-Senioren) am 2. Mai 2013 am Wilhelm-Krökel-Platz in Wilhelmshaven.

gw20130502_1b1Sehr geehrte Damen und Herren!
Zu unsere Gedenkveranstaltung darf ich Sie herzlich begrüßen.
Vor 80 Jahren, am 2. Mai 1933, haben die Nazis mit der Erstürmung der Gewerkschaftshäuser die legitime Vertretung der Arbeitnehmerschaft brutal zerschlagen. Sie haben die Gewerkschaftsfunktionäre eingekerkert, gefoltert und ermordet.
Zwölf Jahre nur dauerte die blutige Herrschaft des Faschismus in Deutschland, bis sie durch die vereinten Anstrengungen der Völker zerschlagen wurde. Der Terror unter dem Hakenkreuz endete mit 60 Millionen Kriegstoten, über 6 Millionen ermordeten Juden und zahlreichen weiteren Opfern in den Konzentrationslagern.

Dieses erfüllt uns mit Trauer.

68 Jahre sind seit Kriegsende vergangen, acht Jahrzehnte seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Unsere älteren Mitbürger, die Schrecken und Gewalt der Naziherrschaft noch miterlebt haben, können sich noch erinnern.

Wir sind unseren Kollegen Hartmut Büsing und unseren vor einem Jahr verstorbenen Kollegen Bruno Weber sehr dankbar, dass sie die Geschehnisse in Wilhelmshaven vor 80 Jahren im Band 5 des historischen Arbeitskreises des DGB Wilhelmshaven aufgearbeitet haben, der im Stadtarchiv und Stadtbücherei seit 1990 zugänglich ist und für kommende Generationen zur Verfügung steht.

lm Jahre 1929 brach die Wirtschaftskrise über Deutschland herein. Die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an und die Industrieproduktion sank dramatisch ab, auch in den Jadestädten Rüstringen und Wilhelmshaven. In der Doppelstadt Wilhelmshaven / Rüstringen stieg die Arbeitslosenzahl von 3.938 im Jahre 1929 auf 7.622 im Jahre 1933 an. In den Jahren von 1929 bis 1933 führten die Gewerkschaften einen vergeblichen Kampf gegen Lohnabbau und soziale Demontage, gegen die entsolidarisierende Zersplitterung der Arbeiterschaft.
Das Fundament der Weimarer Republik zerbröckelte. Die Vertreter mächtiger gesellschaftlicher Interessen waren in der Mehrheit antidemokratisch. Nur eine politische Minderheit, mit ihnen die freien Gewerkschaften, kämpfte um den Erhalt der Demokratie. Eine Allianz aus Unternehmern und Teilen des Besitzbürgertums stützten die Nationalsozialisten politisch und finanziell.

Die deutschen Arbeiter, die am härtesten von der Wirtschaftskrise betroffen waren, blieben auch in diesen Jahren ihrer Sache treu.

Der Terror der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende begann nicht erst am Tag der Machtergreifung am 30. Januar 1933. Schon in den Jahren zuvor zogen SA-Horden durch die Straßen, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie inszenierten Saalschlachten, um ihre politischen Gegner einzuschüchtern. Bekennende Nazis im Beamtenapparat unterhöhlten die Verwaltung.

In blindwütigen Mordtaten, willkürlichen Misshandlungen und Zerstörungen erreicht der Terror, dem die Gewerkschaften schon seit dem Sturz Brünings im Juni 1932 ausgesetzt sind, seinen Höhepunkt. Schreiben um Schreiben hatte der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes an Hindenburg gerichtet. Alles Bemühen, den Reichspräsidenten an seine verfassungsmäßigen Aufgaben zu erinnern, schlug fehl.

Konservative Parteien und Verbände, wie die deutschnationale Volkspartei und der Stahlhelm, schlossen ein Bündnis mit der NSDAP und machten diese Partei in gemeinsamen Großveranstaltungen salonfähig.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Hitlers Partei, die NSDAP, bildete zusammen mit dem kleineren Koalitionspartner, der Deutschnationalen Volkspartei, die neue Reichsregierung – allerdings nicht als Ergebnis von Wahlen, sondern weil die Vorgängerregierung gescheitert war. Hitler hatte als eine Bedingung für seinen Eintritt in die Reichsregierung die Ausschreibung von Wahlen gefordert. Der Termin wurde kurzfristig für den 5. März angesetzt. Unmittelbar befand sich die Öffentlichkeit wieder in Wahlkampf, einen Wahlkampf, den die NSDAP erstmal aus der Position der Macht führen konnte.

Bereits am 4. Februar 1933 wurden Presse- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt, kommunistische und sozialdemokratische Beamte und Personalräte entlassen und es kam zu ersten Zeitungsverboten. Am 17. Februar 1933 legte der preußische Innenminister Hermann Göring im sogenannten Schießerlass fest, dass der einzelne Polizeibeamte über den Straßenterror der SA hinwegzusehen hatte, während er gegen Aktionen der Arbeiterparteien gnadenlos vorgehen sollte. Am 28. Februar wurden die Schutzrechte politisch Andersdenkender in der sogenannten Reichsbrandverordnung endgültig aufgehoben.

Tausende von Anhängern und die Führung der kommunistischen Partei wurden in Schutzhaft genommen – damit war die Partei auch im Wahlkampf ohne Führung.

Die Führung der NSDAP hatte oft angekündigt, dass sie die Demokratie abschaffen, die sozialistische Arbeiterbewegung vernichten und den Marxismus mit Stumpf und Stiel ausrotten werde. In den Arbeiterparteien, so wie im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund gab es viele, die zum Widerstand bereit und entschlossen waren, den Kampf gegen die drohende faschistische Diktatur aufzunehmen. Die Mehrheit des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) entschied sich jedoch dafür, eine offene Opposition zu vermeiden und sich mit der Hitler Regierung zu arrangieren.

Der ungebrochene Terror der vorangegangenen Wochen hatte KPD, SPD und Gewerkschaften in einem Schockzustand versetzt und nahezu handlungsunfähig gemacht. Die Nationalsozialisten erklärten den 1. Mai, den traditionellen Festtag der internationalen Arbeiterbewegung, zu einem arbeitsfreien Feiertag, den sogenannten „Tag der nationalen Arbeit“ und begannen mit umfangreichen Vorbereitungen für Umzüge und Kundgebungen. Der ALLGEMEINE DEUTSCHE GEWERKSCHAFTSBUND bekundete seine Bereitschaft, die eigenen Mitglieder – die gleichzeitig Zielscheibe von SA-Übergriffen waren – zur Teilnahme an diesen Jubelfeiern aufzurufen. Durch angepasstes Verhalten versuchte man, die eigene Organisation zu retten.

gw20130502_1b2Der Widerstand begann nicht erst 1944, sondern einige unsere Kollegen in Wilhelmshaven / Rüstringen leisteten schon 1933 Widerstand, übernachteten im Gewerkschaftshaus am Bordumplatz und konnten den ersten Besetzungsversuch durch die Faschisten zurückschlagen.

Direkte Bedrohung der Betriebsräte der freien Gewerkschaften, bevorzugte Einstellung von Nationalsozialisten durch die Werftleitung der Marinewerft, Verfolgung von Kommunisten, Verbot des Volksblattes und Entfernung der SPD-Vertreter aus dem Rathaus, wie zum Beispiel die Absetzung des Oberbürgermeisters Friedrich Paffrath am 3. März 1933, des Ratsherren Fritz Frerichs und andere.
Noch einmal mit dem Mut der Verzweiflung wehrten sich die Werftarbeiter gegen die drohende Naziherrschaft und vertrauten Wilhelm Krökel und seinen Kollegen. Bei der letzten Betriebsratswahlen auf der Marinewerft vom 4.und 5. April 1933 behaupteten die freigewerkschaftliche Liste 1 Krökel / Watermann ihre absolute Stimmenmehrheit.

Wenige Tage später wurden die Betriebsratsmitglieder der freien Gewerkschaften und der 5-köpfige Betriebsausschuss, mit Wilhelm Krökel als Vorsitzenden, ihrer Ämter enthoben.

Noch einmal bäumten sich die Vertrauensmänner des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Wilhelmshaven/Rüstringen auf und stimmten am 29.April 1933 im Gewerkschaftshaus am Bordumplatz einstimmig, nicht an „Feiern zum Tag der nationalen Arbeit“ teilzunehmen. Doch aus Angst verkündeten nur wenige den Beschluss in den Betrieben und Werftwerkstätten.

Reinhold Heise, der letzte örtliche Vorsitzende der Freien Gewerkschaften, versuchte den Zug der Freien Gewerkschaften im Zug der braunen Maifeiern mitmarschieren zu lassen; er versuchte zu verhandeln- man ließ ihn eineinhalb Stunden warten, man hat ihn nicht gar nicht erst angehört.

Otto Müller sagt später: „Das war der schwärzeste Tag.“ Am anderen Tag standen dann viele von den Werftarbeitern am Straßenrand und haben sich angeguckt, wer nun dabei war.

Die Zeitungen mit endlosen Berichten über den neugeschaffenen Feiertag der Nationalen Arbeit liegen noch frisch auf den Schreibtisch in den Gewerkschaftsbüros, als vormittags in einer reichsweiten geplanten Aktion die Schlägerbanden der Nazis in den Büros erscheinen um das seit Monaten betriebene Werk der Zerstörung zu vollenden. Die im Gewerkschaftshaus Beschäftigten, sowie die überall in den Jadestädten verhafteten Funktionsträger der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, trieb man im Gewerkschaftshaus zusammen. Das Gewerkschaftshaus am Bordumplatz wurde am 2. Mai 1933 von SA, SS und Marinesturm 115 besetzt und auf den Dach die Hakenkreuzfahne gehisst. Die gewählten Vertreter und Vorstände der Gewerkschaften verhaftete man überall in den Jadestädten und transportierte sie zum Gewerkschaftssaal, von dort in die Torpedokaserne an der Rheinstraße, wo sie verprügelt wurden. Ein Teil kam in das Gerichtsgefängnis an der Peterstraße und ins Zuchthaus nach Vechta. Unser Kollege Wilhelm Krökel, Betriebsratsvorsitzender der Marinewerft, wurde mit 400 anderen Kolleginnen und Kollegen der Werft als „Staatsfeind“ entlassen, was mit Berufsverbot, sowie mit Unterstützung- und Vermittlungssperre seitens des Arbeitsamtes verbunden war.

Wilhelm fand später Arbeit beim Norddeutschen Eisenbau in Sande. Genau einen Monat nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, wurde Wilhelm Krökel im Rahmen der Gewitteraktion verhaftet. August Sievers und Kollegen vom Norddeutschen Eisenbau waren die letzten, die Wilhelm Krökel am Bahnhof gesehen haben, als er mit den Gefangenenwagen abtransportiert wurde, nachdem er 2 Tage an der Ostfriesenstraße inhaftiert war. Das Ziel war das KZ Neuengamme bei Hamburg.

b211011Wilhelm Krökel hatte die Häftlingsnummer RD 43037 und war in Block L8,27 und zuletzt im Block 24 inhaftiert. Die Arbeitszeit betrug 12 Stunden täglich. Viel Leid mussten Wilhelm und viele seiner Mithäftlinge ertragen. Wilhelm Krökel starb am 18. Februar 1945 um 4.45 Uhr an den mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen im KZ Neuengamme, an dem Tag, als seine Frau Martha 51 Jahre wurde.

Die Erstürmung der Gewerkschaftshäuser vor 80 Jahren darf nicht vergessen werden.
Der 2.Mai 1933 war das Ende der Gewerkschaften.
Das Gedenken an die Opfer muss lebendig bleiben – sie dürfen nicht vergessen werden.

Am Ehrenmal der KZ Gedenkstätte Neuengamme ist die Aufschrift

Euer Leiden, Euer Kampf und Euer Tod soll nicht vergebens sein.

Alle Menschen guten Willens sollten sich zu eigen machen, dass niemals Krieg die Völker, und nie wieder Faschismus Menschlichkeit und Menschenwürde bedrohen.

Darum lasst uns gemeinsam den Neonazismus in all seinen Erscheinungsformen aktiv bekämpfen. Lasst uns gemeinsam eintreten für Friedenssicherung, damit die heranwachsende Generation einer Zukunft entgegen sieht, in der die Freundschaft der Völker eine glückliche Perspektive für die Menschheit schafft.

Wir gedenken allen Opfern des Nazi-Regimes, die gelitten haben und ermordet wurden. Ihr Tod und Leid erfüllt uns mit Trauer.

Lasst uns in einer Schweigeminute der Opfer gedenken.

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Foto 2: Altes Gewerkschaftshaus Markt-/Bordumstraße entnommen „Materialien für eine alternative Stadtrundfahrt“, Quelle WZ-Bilddienst)
Foto 1,3,4: gegenwind

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