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Mai 012013
 

Was ist mit dem Gegenwind los?

Ein Stück schonungsloser Transparenz. Nachträgliche Druckfassung des am 30.04.2012 online veröffentlichten Textes

(red) Unseren StammleserInnen wird kaum entgangen sein, dass dem Gegenwind etwas die Puste ausgegangen ist. Die letzte gedruckte Ausgabe erschien Ende Januar 2012. Seitdem schoben wir den Termin für den nächsten Gegenwind von einer Redaktionssitzung zur nächsten.

Es fehlt uns gewiss nicht an Themen. Es fehlt uns schlichtweg an Personal. Und latent fehlt es uns an Geld, auch wenn wir dieses Problem in der Vergangenheit immer lösen konnten.
Seit Jahresanfang diskutieren wir ernsthaft über die Zukunft dieser Zeitung – der bundesweit am längsten, nämlich 36 Jahre durchgängig erscheinenden alternativen unabhängigen Stadtzeitung.
Die Stammredaktion, die sich wöchentlich trifft, ist von neun Leuten (Anfang der 1990er Jahre) auf vier geschrumpft: Hannes, Anette, Imke, Matthias. Die diskutieren, recherchieren und schreiben nicht nur die Themen bzw. Beiträge, sie machen die ganze Organisation von Druck, Layout, Finanzen etc., sie verteilen auch die 4500 Hefte in der ganzen Stadt und im Umland. Nicht vergessen wollen wir dabei Jochen, der auch regelmäßig und verlässlich Artikel liefert und beim Verteilen mit dabei ist. Drei haben „nebenbei“ einen Vollzeitjob, alle engagieren sich auch noch ehrenamtlich in anderen Bereichen.
2012_08_12_schule_neuendeWir sind ein eingespieltes Team, wir können uns aufeinander verlassen. Trotzdem können wir unter diesen Bedingungen oftmals unsere selbst gesetzten Qualitätsstandards hinsichtlich Inhalten, Pünktlichkeit sowie Tiefe und Sorgfalt der Recherche nicht halten.
Wir sind keine Übermenschen. Wir werden nicht jünger, wir haben auch ein Privatleben und andere Hobbys.

Was uns immer wieder aufgebaut hat, ist die Freude und Begeisterung der Kioskbetreiber, der Gaststätten und anderer Verteilstellen und der „Endkunden“, wenn wir die fertigen Hefte gebracht haben. „Endlich der neue Gegenwind – die Kunden fragen schon“ – „Bringen Sie ruhig nächste Woche noch mehr Hefte, die gehen weg wie geschnitten Brot“ – kaum lagen die Hefte da, griffen die ersten danach „- die einzige Zeitung in Wilhelmshaven, die man lesen kann“ … Für sie, unsere Leserinnen und Leser, haben wir uns ins Zeug gelegt – und hatten lange Zeit trotz durchgetippter Nächte Spaß dabei.

Alles Vergangenheit, Geschichte? Das gilt es zu diskutieren und zu entscheiden.

Zur inhaltlichen Arbeit

Seit mehreren Ausgaben reduziert sich der Gegenwind auf Anettes Hartz IV-Informationen und Schulgeplauder, Imkes Ratssplitter, dann und wann mal eine Kulturkritik und jeweils 1 oder 2 Artikel zu aktuellen Vorkommnissen (Banter See, JadeWeserPort etc). Das ist alles nicht unwichtig, aber auch nicht bahnbrechend, wenn es um Veränderungen in Wilhelmshaven geht. Man könnte fast sagen, dass ein Gegenwind mit diesen Inhalten nicht mehr zwingend notwendig ist und schon gar nicht den Inhalt unserer Präambel widerspiegelt:demo_gegen_npd_011106_transparent_2

Die Zeitung versteht sich als Diskussionsforum der Linken in Wilhelmshaven und Umgebung. Themenbereiche des GEGENWIND sind Arbeit, Kultur, Kommunalpolitik, Umwelt, Soziales.
Der GEGENWIND sieht es als seine Aufgabe an, Informationen und Kommentare zu verbreiten, die sonst keine Chance auf Veröffentlichung hätten, aufzuklären, sich einzumischen und Einfluss zu nehmen.

Zur finanziellen Situation

An Anzeigen nehmen wir momentan pro Ausgabe gut 300 Euro ein. Mitgliedsbeiträge gibt es pro Quartal 1.110 Euro.
Eine 12seitige Ausgabe kostet 1.067 Euro, 16 Seiten 1.330 Euro.
Konkret bedeutet das, dass wir momentan pro Quartal 1 ½ 12-Seitige Ausgaben finanzieren können.
Unser Problem liegt eindeutig bei den Anzeigen. Über all die Jahre haben viele Läden und Organisationen aus dem Gegenwind-nahen Spektrum dichtgemacht bzw. sich aufgelöst, die uns mit vielen Kleinanzeigen unterstützt haben. Aktuell sind drei Anzeigenkunden nur noch dann bereit, die Anzeige zu bezahlen, wenn wir eine Steuernummer angeben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANun sind wir kein kommerzieller Verlag und kein Verein im juristischen Sinne, also nicht beim Registergericht eingetragen. Also haben wir auch keine Steuernummer. Theoretisch wäre das kein Problem, vermutlich auch nicht, sogar als gemeinnütziger Verein eingetragen zu werden. Nur würde das zusätzlichen Verwaltungsaufwand nach sich ziehen. Unsere Buchführung ist topp, transparent und übersichtlich, nur müssten wir sie entsprechend aufbereiten und regelmäßig ans Finanzamt weiterreichen, zudem jährliche Vereinssitzungen, Wahlen, Mitgliederverwaltung etc … was auch wieder an der Redaktion kleben bleiben würde, die sich eigentlich der inhaltlichen Arbeit widmen soll und möchte.

Dabei möchten wir die langjährige Unterstützung durch unseren virtuellen Vereinsvorsitzenden Rolf Biermann natürlich nicht unterschlagen! Aber wir reden immer nur von Einzelpersonen – insgesamt sechs „Macher/innen“ stehen einigen tausend Leser/innen gegenüber, die vermutlich zum größten Teil keine Vorstellung davon haben, unter welchen Bedingungen unsere Zeitung entsteht.

Dabei ist klar, dass von den Mitgliedsbeiträgen und Anzeigeneinnahmen ausschließlich der Druck der Zeitung finanziert wird. Für Gegenwind-MitarbeiterInnen gibt es keine Auslagenvergütungen, Porto- und Telefonkosten, die Internetpräsenz, technische Ausrüstung, all das wird von den Gegenwindlern aus eigener Tasche bezahlt. Erwartet wird natürlich, dass alle Redaktionsmitglieder auch noch ihren Förderbeitrag an den Gegenwind-Verein entrichten.

Konsequenz: Nur noch Internet?

Seit vielen Jahren schwimmt die Printausgabe des Gegenwind tapfer im Haifischbecken der digitalen Medienwelt mit und hat den Kopf lange oben behalten. Dabei wurde uns schon zu Zeiten der farbigen Hochglanz-Stadtmagazine der Untergang prophezeit. Wir haben am Graustufendruck auf Umweltpapier festgehalten und derweil mehr als ein Mainstream-Format auftauchen und schnell wieder absaufen gesehen.
Seit 2000 haben wir auch eine Internetseite (die ebenfalls nicht dem „hippen“ Mainstream folgt, sondern sachlich daherkommt) und seit kurzem auch eine Facebookseite. Beide sind jedoch nur Recycling-Produkte der Printausgabe.
Eine Möglichkeit, das hier geschilderte Dilemma zu lösen, wäre ein Gegenwind-Blog im Internet: Wir verzichten völlig auf die Printausgabe und machen unsere Zeitung im Internet. Das hat natürlich arbeitsmäßig und finanziell alle Vorteile – aber wir hätten in Wilhelmshaven keine anständige Zeitung mehr.
Es gibt in Wilhelmshaven das Bürgerportal mit täglichen Berichten und weitere digitale Foren rund um Wilhelmshavener Themen. Doch sich da einfach anzuhängen hieße, das eigene Profil des Gegenwind völlig aufzugeben.

Dann lasst uns mal diskutieren!

Hier einige Diskussionsbeiträge aus der Redaktion:

img_5637_kein_zufall„Ich teile die Einschätzung, dass ein E-Paper nicht so einprägsam wie die stoffliche Paperausgabe ist. Eine Papierzeitung liegt eine Zeit lang auf dem Tisch, bevor sie im Papierkorb (bei einigen auch in der Ablage ) verschwindet. Auch kann sie zum anschließendem Klick im Internet anregen…
Ich gehe davon aus, dass der Gegenwind durch sein Jahrzehnte langes Erscheinen einen spezifischen Leserkreis an sich bindet, der auf inhaltliche Qualität auf Grund sorgfältiger Recherche Wert legt. Ich habe große Zweifel, ob diese sich – ausschließlich durch eine Internetausgabe – weiter an den Gegenwind binden lassen…
Medien im Internet müssen sich täglich, ja stündlich (am besten jetztzeitig) aktualisieren, um bei der Gier nach Neuigkeiten mithalten zu können. Sorgfältige Recherche spielt da häufig eine untergeordnete Rolle. Um überhaupt bemerkt zu werden, müsste der Gegenwind – so wie das Bürger Portal es täglich im Ansatz versucht – mindestens einmal wöchentlich mit sorgfältig recherchierten lokalen Neuigkeiten aufwarten. Wenn ich mir angucke, dass es der Gegenwind auf durchschnittlich ca. 300 Klicks pro Woche schafft, dann frage ich mich, lohnt der gesteigerte Aufwand überhaupt?!
Mein Vorschlag: Wir versuchen es noch einmal – wie damals nach dem Ausscheiden von Wolfgang Kuschel – durch Hinweise auf die ausgezehrte Redaktion sowie die knappen Geldzuflüsse auf die aktuelle kritische Situation hinzuweisen und damit die Einladung zur Mitarbeit in der Redaktion bzw. der Mitgliedschaft im Gegenwind-Verein usw. zu verbinden.“

„Die Einwände sind nicht zu vernachlässigen. Wenn wir tatsächlich demnächst nur noch online erscheinen, müssen wir einiges tun, um an unseren (bis zu – oder mehr als) 5.000 LeserInnen dranzubleiben“.

„Es geht nicht einfach nur um ein oder zwei neue Mitarbeiterinnen, es geht auch nicht um ein paar neue Anzeigen, es geht um eine völlige Neustrukturierung des Gegenwinds. Der Gegenwind müsste zukünftig auf eine feste rechtliche Grundlage gestellt werden, damit es weiterhin möglich ist, Anzeigen zu veröffentlichen, steuerlich muss der Gegenwind sich ebenfalls absichern und des weiteren ist es nötig, eine klare Haftungsregelung zu finden.“

Momentan ist es so, dass der Chefredakteur (verantwortlich im Sinne des Presserechts – v.i.S.d.P.) mit seinem privaten Vermögen für alles haftet, was im Namen des Gegenwind geschieht – und da können schon verdammt hohe Beträge entstehen. Die rechtlichen Bedingungen für einen solchen Verein o.ä. werden derzeit recherchiert.
Aus persönlichen Gründen wird Chefredakteur Hannes Klöpper zukünftig nur noch in sehr geringen Umfang für die Gegenwind-Arbeit zur Verfügung stehen. Ein neuer Gegenwind müsste als Gegenwind ohne Hannes Klöpper geplant werden.warnschild_banter_siel
Das ist natürlich ein drastischer Einschnitt. Wir erinnern uns: Als Gegenwind-Begründer Wolfgang Kuschel 1982 ebenfalls aus persönlichen Gründen (beruflich bedingter Wegzug aus Wilhelmshaven) die Zeitung abgeben – oder aufgeben – musste, gab es nur eine Person, der er sein „Baby“ überantworten wollte, und das war Hannes Klöpper. Hätte dieser nicht „ja“ gesagt, wäre der Gegenwind schon damals (kurze) Geschichte gewesen.

Rolf Biermann war schon damals dabei. Er schreibt an Hannes Klöpper: Ich weiß ja nun aus eigener Erfahrung, dass gut gemeinte Ratschläge von außen wohlfeil sind. Du hast Recht, der GW muss sich neu erfinden. Auf nicht wenige wirkt er etwas angestaubt. Das ist nicht nur ein technisches Problem (analog vs. digital), auch ein inhaltliches. Die linke Verortung des GW darf natürlich nicht zur Disposition stehen.
Die Frage ist doch, wie ihr eine breitere Basis erreichen könnt und ob dort Leute ansprechbar sind? Als ihr den GW von uns übernommen habt, wussten wir, wen wir ansprechen konnten.
Wenn ihr heute Leute findet, die die Sache übernehmen können – ohne dass ihr dabei Bauchschmerzen habt, dann macht es. Ansonsten? Man muss auch über eine letzte Nummer nachdenken dürfen. Nicht sehr erheiternd, ich weiß!“

In der Tat. In den heißen Diskussionen um die Zukunft des Gegenwind bzw. davor und danach sind schon Tränen geflossen. Wenn man/frau das über 20 oder gar 30 Jahre macht, ist es ein Teil des Lebens, der eigenen Biografie und Identität.
Mit neuem Personal ist es wirklich nicht einfach. Es kamen ja immer mal neue Leute, vor allem auch junge, was uns besonders am Herzen lag. Doch die gingen wieder, wenn sie ausbildungsbedingt die Stadt verließen, die ihnen in dieser Hinsicht keine Perspektiven bot. Oder sie sind durch das mörderische moderne Schul- und Ausbildungssystem so gestresst, dass sie dauerhaft den Kopf gar nicht frei haben, um sich ehrenamtlich in dieser Form zu verwirklichen.
Zudem muss jede/r da auch erst mal hineinwachsen. Redaktionsarbeit ist Vertrauenssache, der Schutz von Informanten und internen Informationen und Diskussionen besitzt höchste Priorität.
Insofern werden wir die von Rolf genannten „Bauchschmerzen“ sehr ernst nehmen. Auch wenn sich als Reaktion auf diesen bislang gravierendsten Notruf in der Geschichte der Zeitung neue Akteure finden, werden wir die Marke Gegenwind nicht einer beliebigen Windrichtung preisgeben. Ein Ende mit Schrecken wird es für uns nicht geben.
Unabhängig davon können Dritte, die nicht zur festen Redaktion zählen, außer Leserbriefen auch eigene Artikel einreichen, die gern in der Redaktion recherchiert, formal und / oder stilistisch überarbeitet und nachrecherchiert werden. Hierzu nochmals unser oberstes Statut:

Die Zeitung versteht sich als Diskussionsforum der Linken in Wilhelmshaven und Umgebung. Themenbereiche des GEGENWIND sind Arbeit, Kultur, Kommunalpolitik, Umwelt, Soziales.
Der GEGENWIND sieht es als seine Aufgabe an, Informationen und Kommentare zu verbreiten, die sonst keine Chance auf Veröffentlichung hätten, aufzuklären, sich einzumischen und Einfluss zu nehmen.

Doch da diese Form der (in früheren Zeiten regelmäßigen) Unterstützung gegen Null tendiert, bleiben wir allein auf der Arbeit sitzen. Nach wie vor finden viele den Gegenwind klasse und unverzichtbar, aber sie stehen nicht Schlange, um selbst aktiv mitzuwirken. Die Gründe dafür sind vielfältig, oft raubt der moderne Alltag schon alle Energie, oder es fehlt der Mut oder das Selbstvertrauen, selbst etwas zu Papier zu bringen …

Wat nu?

img_9471Die Diskussion ist innerhalb der Redaktion noch nicht abgeschlossen. Mindestens zwei klammern sich an den Strohhalm: Wir stellen vorläufig die Printausgabe ein, machen digital weiter, und sobald Land in Sicht ist, wird wieder gedruckt.
Nach der letzten Ausgabe sind wir in ein tiefes Loch gefallen. Das wurde noch dunkler durch den Tod von Erwin Fiege, Redaktionsmitglied der ersten Stunde. Doch nach zwei Monaten Schreibblockade kam der erste frische Kick, plötzlich erste fertige Artikel.
Was tun? Für eine Druckausgabe reicht das Material nicht. Also setzen wir uns ran und bauen eine Internet-Ausgabe. Das Aussehen der Seite verändert sich ein wenig – der Gegenwind-Charakter bleibt aber erhalten. Erste Kontrollen des Seitenzählers zeigen, dass durchaus Interesse am Gegenwind besteht – oder waren das alles Leute, die auf den kompletten Gegenwind mit der Nummer 264 warten?
Nun freuen wir uns auf die Reaktionen unserer Leserinnen und Leser. Unsere Mailadresse: gegenwind.whv@t-online.de . Oder besuchen Sie unsere Facebook-Seite!

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