Die Mehrheitsfrage

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Dez 022014
 

Fragwürdige Mehrheiten

(iz) Vor einer Woche haben wir eine online-Umfrage zum Bismarck-Denkmal gestartet, die bis zum 30.11. zur Teilnahme geöffnet war. Jetzt outen wir uns: Das war vor allem ein Experiment zur Frage „Was heißt schon Mehrheit?“

Trotzdem zuerst die Ergebnisse der Umfrage. 69 Leute haben unsere Multiple-Choice-Frage angekreuzt,und zwar

Ja, ich möchte auf jeden Fall ein Bismarckdenkmal! 10,14% / 7 TeilnehmerInnen (TN)
Geht’s noch? Die olle Pickelhaube können sich die Spender gern in ihren eigenen Garten stellen. 79,71% / 55 TN
Ist mir doch Wurst. Oder Hering. 5,80% / 4 TN
Wer zum Henker ist Bismarck? 4,35% / 3 TN

Wir haben noch nach Altersgruppe und Wohnort gefragt.
Nur ein TN ist jünger als 20. 16% sind 20-39 Jahre alt, 59% sind zwischen 40 und 59 Jahren alt und 24% sind 60-79 Jahre alt.
77% der TN wohnen in Wilhelmshaven, 11,5% im Umland und eben so viele mehr als 50 km entfernt.

Am 26. November entschied sich der Rat mit 20 zu 19 Stimmen dafür, das Denkmal als Schenkung des Drehorgelspielers August Desenz anzunehmen . In unserer Umfrage sind fast 80% der TeilnehmerInnen dagegen, dem verstorbenen Reichskanzler ein Retro-Riesen-Denkmal auf dem nach ihm benannten Platz zu setzen. Also klare Kiste. Oder?
Auf den Online-Seiten vieler Medien gibt es regelmäßig solche Umfragen zu aktuellen Themen, die nur einen oder einige wenige Tage laufen. Direkt nach dem Klick auf die gewählte Antwort kann man das Gesamtergebnis sehen, allerdings nicht die Teilnehmerzahl. Waren es 10 oder 100? Mit etwas mathematischem Interesse kann man die Größenordnung errechnen: Springt nach meinem Klick auf Antwort A deren Prozentanteil von 10 auf 20%, dann entspricht (m)eine Stimme 10%. 100% sind also 10 Stimmen, die bisher abgegeben wurden . Auf Anfrage wurde uns bestätigt, dass die TN-Zahlen sich oft im unteren zweistelligen Bereich bewegen, sie können aber auch mal dreistellig sein.

Tipps zum Manipulieren von online-Umfragen

Damit jede/r nur einmal teilnehmen kann, merkt sich das Fragesystem die IP-Adresse des Computers, von dem der Antwortklick versendet wurde. Unmittelbar nach Ihrer Antwort können Sie die Fragekästchen nicht erneut aufrufen oder anklicken. Die Adressierung ist allerdings in der Regel dynamisch, d. h. bei jeder neuen Verbindung mit einem Netz wird dem Gerät eine neue IP-Adresse zugewiesen. Probieren Sie es also am nächsten Tag nochmal. Oder am Bürorechner (was natürlich verboten ist – Sie sollen arbeiten!) oder unterwegs vom Smartphone aus. Über mehrere Tage und Geräte können Sie sich so locker als xy verschiedene Teilnehmer ausgeben.
Eine weitere Möglichkeiten, solche Umfragen zu versauen bzw. in Ihrem Sinne zu manipulieren: Verteilen Sie den Link zur Umfrage im Schneeballprinzip über Facebook, Email usw. an Leute, von denen Sie wissen, dass diese genauso votieren wie Sie. Oder bitten Sie Ihre Freunde direkt, Ihre gewünschte Antwort anzuklicken. Der Effekt lässt sich wunderbar beobachten: Binnen weniger Stunden kippt eine Umfrage komplett ins Gegenteil um.
Zwei Teilnehmer unserer Bismarck-Umfrage kritisierten, die vorgegebenen Antworten seien unsachlich formuliert. Aber sicher! Wir wollten je die Sorte Umfragen nachstellen, die wir hier sezieren. Selten steht nur „ja / nein / egal“ zur Auswahl, sondern die Antworten enthalten eine subjektiv gefärbte Begründung.
In der Summe all dieser Ungereimtheiten sind solche Umfragen und ihre Ergebnisse aus demoskopischer Sicht also völlig Banane. Sie können also nur zum Ziel haben, zur Diskussion über ein aktuelles Thema anzuregen – mehr nicht.
Leider kriegen manche Teilnehmer das in den falschen Hals. So hält sich (in WZ-Leserbriefen) hartnäckig das Gerücht, mehr als 80 Prozent der Wilhelmshavener/innen seien für den Abriss der Südzentrale. Quelle dieser Zahl ist eine online-Umfrage (Teilnehmerzahl unbekannt) der Lokalzeitung und in nachfolgenden Leserbriefen wird diese Behauptung reproduziert, bis keiner mehr fragt, wo sie ihren Ursprung hatte.
Tatsache ist: Es gibt keine repräsentative, wissenschaftlich basierte Umfrage zum Thema Abriss der Südzentrale.

Küchentisch-Statistik

Aber auch auf anderen Ebenen wird putzig mit dem Mehrheitsbegriff jongliert. Nehmen wir als Beispiel noch einmal die Südzentrale, eines der heißest diskutierten Themen der letzten Jahre. Verfechter des Abrisses machen folgende Rechnung auf: Wilhelmshaven hat 76.000 Einwohner , der Verein zum Erhalt der Südzentrale hat 400 Mitglieder – also sind 0,5% der Einwohner für den Erhalt des Baudenkmals und der Rest ist dagegen.
Aha. Nach der aktuellen Statistik sind 982 BürgerInnen Mitglied in einem Schwimmverein. Nach obiger Rechnung finden also 1,3% der Einwohner Schwimmen gut, 98,7 Prozent sind dagegen. Für die paar People finanzieren wir aus Steuergeldern das teure Nautimo?
Ist natürlich grober Unfug. Es nutzen weitaus mehr Leute das Nautimo, als in einem Schwimmverein sind. Darüber hinaus gibt es Leute, die nicht gern ins nasse Wasser springen, aber es unterstützen, wenn Sport getrieben wird.
Will sagen: Die Annahme, wer nicht in einem Verein oder Interessensverband ist, würde dessen Ziele auch nicht unterstützen, ist völlig verquer. Amnesty international hat gerade eine neue Ortsgruppe gegründet, aber nur, weil diese erst 10 Aktive zählt, sind nicht automatisch 75.990 Wilhelmshavenerinnen für Folter und Todesstrafe.
Im Übrigen können die Bürger ohnehin nicht über einen Abriss der Südzentrale entscheiden, die sich in Privathand befindet. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen. Wenn der Eigentümer eine Abrissgenehmigung hat, kann er es tun. Wenn die Voraussetzungen für diese Genehmigung nicht bzw. nicht mehr erfüllt sind – genau das muss die Stadt als Untere Denkmalbehörde aktuell prüfen – darf er nicht abreißen.

Demoskopie und Statistik sind Wissenschaften und keine platte Rechnung, die man mal eben mit Dreisatz und Taschenrechner am Küchentisch erledigt. Dabei bergen selbst die Umfragen der bekannten Institute wie Emnid, Forsa & Co Fehlerquellen: Antwortet bei kritischen Fragen jede/r so, wie er/sie denkt, oder so, wie sie/er meint, dass es erwartet wird? Kann eine Telefonumfrage die Gruppe unter 30 repräsentativ erfassen, wenn viele davon gar keinen Festnetzanschluss mehr haben? Und wie füllen die Mitarbeiter ihre Tagesquoten auf, wenn viele Angerufene nicht erreichbar sind oder die Teilnahme verweigern?
Selbst unser demokratisch verfasstes Parlamentssystem ist kaum noch als repräsentativ zu bezeichnen. Bei 50% Wahlbeteiligung hat eine Partei mit 50% der abgegebenen Stimmen zwar rechnerisch die Mehrheit, aber tatsächlich nur 25% der Wahlberechtigten hinter sich. Und selbst diese sind frustriert, wenn „ihre“ Partei im Laufe der Legislaturperiode ganz andere Entscheidungen fällt, als sie zuvor versprochen hat.
Da werden dann Hunderte von Beschlüssen durchgewunken, auch wenn es großen verbalen Widerstand aus der Bevölkerung gibt. Es zählt nicht die Stimme der BürgerInnen, die sich für ihr Anliegen, ihre Stadt engagieren, sondern die Annahme, dass die Mehrheit im Rat oder einem anderen Parlament grundsätzlich und themenunabhängig die Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert.
Den Küchentischdemoskopen steht es frei, mit einem Bürgerbegehren zu ermitteln, wie es wirklich um die Mehrheit steht. Aber das ist komplizierter und arbeitsaufwändiger, als mal eben einen Leserbrief loszulassen mit Behauptungen, die – weil eben Leserbrief – nicht redaktionell nachrecherchiert werden.

Zählt überhaupt nur der Mehrheitswille?

Eine soziale Gesellschaft zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass sie sich auch und gerade um ihre Minderheiten kümmert. Und mit diesem gemeinsamen Anliegen entwickelt sie sich weiter. Im Laufe der Zeit und nach oftmals hartem Kampf wird ein scheinbares Partikularinteresse zu einem gesellschaftlichen Anliegen. So haben Menschen mit Behinderungen oder solche mit verschiedensten sexuellen Orientierungen heute einen besseren Stand als früher.
Nur weil sich Menschen für Soziales, Umwelt, Gesundheit, Kunst und Kultur einsetzen, können diese Werte erhalten und weiter entwickelt werden. Ob Chaka, BUND, Tierschutzverein, Verein der Kunstfreunde, die Fördervereine des Botanischen Gartens, des Küstenmuseums oder der Landesbühne, oder auch der Verein zum Erhalt der Südzentrale: Sie verfolgen nicht persönliche, sondern gesellschaftliche Interessen und Ziele, investieren dafür Zeit und eigenes Geld. „Steuergeldverschwendung!“ kreischen manche Zeitgenossen, wenn es um die finanzielle Unterstützung dieser Ziele aus öffentlichen Kassen geht. Selbst wenn das gar nicht zutrifft. So soll die Südzentrale ja gar nicht von der Stadt gekauft werden, sondern von einer Bürgergenossenschaft, wie es andernorts schon erfolgreich praktiziert wurde. Wer sich beteiligen will, kauft freiwillig Anteilsscheine, wer nicht will, lässt es bleiben. Aber das ist ein Sonderfall. Grundsätzlich verdient das ehrenamtliche Engagement für gesellschaftliche Ziele auch öffentliche Unterstützung.

 Posted by at 22:55

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