Asyl
Okt 081990
 

Alles im Griff?

Entsteht in Wilhelmshaven klammheimlich ein Asylantenwohnheim?

(hh/noa) Wohnraum ist knapper geworden in Wilhelmshaven. Das merkt jeder, der versucht, eine neue Wohnung zu finden. Besonders massiv spüren das die beiden für die Betreuung von Asylsuchenden zuständigen Mitarbeiterinnen des Flüchtlingsamtes.

Schon vor Wochen teilten sie dem zuständigen Dezernenten, Herrn Milger, mit, daß Schwierigkeiten zu erwarten seien. Das einzige, was er dazu vorzubringen hatte, war der lakonische Satz: „Wir haben alles im Griff.“
Nun ist die Katastrophe da. Die Stadtverwaltung hatte vier Tage Zeit, sich auf das Eintreffen einer zehnköpfigen kurdischen Familie vorzubereiten. Am Vormittag der Ankunft der Kurden wußte immer noch niemand, wohin mit ihnen. Eine Stunde vorher kam endlich die Nachricht, man solle sie in das ehemalige BFW-Gebäude am Banter Deich 14 – 16 bringen.
Die Räume in den beiden unteren Etagen dieses Gebäudes sind für Wohnzwecke völlig ungeeignet und stehen seit Jahren leer. Es gibt weder Küche noch Dusche. Im oberen Stockwerk und einigen Räumen des mittleren wohnen und arbeiten der bekannte Wilhelmshavener Künstler Dr. Hartmut Wiesner und seine Frau.

Menschenunwürdige Unterbringung: In diesem Raum muß eine 10köpfige Familie leben

Menschenunwürdige Unterbringung: In diesem Raum muß eine 10köpfige Familie leben

Im Gebäude war nichts für die Kurden vorbereitet. Sie wurden mit ihrem Gepäck in einen Unterrichtsraum gebracht; bestimmt eine sehr unangenehme Aufgabe für die Mitarbeiterin der Stadt, die die Gastgeberin zu spielen hatte, aber außer einem verschmutzten leeren Zimmer nichts anbieten konnte. Es war inzwischen Nachmittag, und es mußten in aller Eile wenigstens Betten und eine Kochgelegenheit herangeschafft werden.
Drei Tage später traf eine achtköpfige Familie aus Rumänien ein, und mittlerweile ist ein vietnamesisches Pärchen dazugekommen.
Der Mieter Hartmut Wiesner staunte nicht schlecht, als er von einer Berlinreise zurückkam und vor der verschlossenen Haustür stand. Er konnte mit seinem Schlüssel nicht öffnen, da das Schloß ausgewechselt war. Seine neuen Nachbarn ihrerseits trauten sich offenbar zunächst nicht, ihn ins Haus zu lassen, als er sich bemerkbar machte.
Eine Woche nach dem Einzug der Asylbewerber erhielt Wiesner eine schriftliche Nachricht von der Stadt, derzufolge die Unterbringung der Asylsuchenden lediglich befristet sei, und zwar bis Mitte März. Ab dann soll das Gebäude anderweitig wirtschaftlich genutzt werden. Dagegen sprechen andere Tatsachen. Zum einen gibt es keine Möglichkeiten, die Menschen anderweitig unterzubringen, zumal das Seemannsheim bald nicht mehr zur Verfügung steht (siehe „Seemannsheim“). Die dort derzeit untergebrachten Asylbewerber werden dann wohl auch in den Banter Deich ziehen müssen. Die Baumaßnahmen – einige Wände wurden, während die Leute schon im Haus wohnten, eingezogen – lassen eine Befristung auch unwahrscheinlich erscheinen.
Der Rat der Stadt hat vor längerer Zeit beschlossen, Asylsuchende dezentral unterzubringen, statt sie zu ghettoisieren. Es ist zu fragen, ob Herr Milger mittlerweile ein anderes Konzept verfolgt.
Bei einer zentralen Unterbringung dieser Menschen entstünden Probleme, die aus anderen Städten sattsam bekannt sind. Bei einer Änderung des städtischen Konzepts müßte dringend zusätzliches Personal für eine kompetente Betreuung eingestellt werden.
Der Ausländerbeirat und der Sozialausschuß, die eine dezentrale Unterbringung wie bisher befürworten, haben gegenüber der Stadt schon entsprechende Forderungen erhoben.

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