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Gegenwind 250 - Februar 2010
Viel Theater – viel Kultur
Schnee, Trashkantine, bittere Tränen und
Hikikomori mit den Augen des Gegenwind betrachtet
(iz) Die
Landesbühne trotzt der Eiszeit im Landes-Kulturetat mit einem heißen Start in
die zweite Hälfte der Spielzeit. Passend zur Großwetterlage ziehen sich Schnee
und Eis als weißer Faden durch die Aufführungen.
Die Angst vor dem Fremden
Wie bringt man den über
500 Seiten starken Roman eines Nobelpreisträgers in 2 Stunden auf die Bühne?
Regisseur Christian Hockenbrinck hat zuerst stark gefremdelt, als die
Landesbühne ihm antrug, Orhan Pamuks „Schnee“ als Theaterstück umzusetzen. Dem
Ergebnis war das nicht abträglich, widmet sich der Stoff doch dem Thema
„Fremdheit“. Den türkischen Dichter Ka (Ähnlichkeiten mit Bert Brechts „Herr
K(euner)“ sind kaum zufällig) verschlägt es nach 12jährigem Exil in Frankfurt
nach Kars, im äußersten Nordosten der Türkei. Dem westlich geprägten Istanbuler
sind seine dortigen Landsleute kaum weniger fremd als die Deutschen. Die
skurrilen Figuren, denen Ka im vom Schnee abgeschnittenen Kars begegnet,
spiegeln die Vielfalt und Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft. Zwischen
Wärme und Brutalität, zwischen den Extremen des strengen Glaubens und des vom
Militär überwachten Kemalismus existiert eine Bandbreite von Orientierungen, die
Pamuk dem Leser vor die Füße wirft, ohne plakativ eine Richtung vorzugeben.
„Mein Buch ist ein vielstimmiger Roman, in dem ich die einzelnen Stimmen nicht
kommentiere.“ Gleichwohl bekennt sich der Autor offen zur säkularen Demokratie,
weshalb er im eigenen Land höchst umstritten ist. Kritische Äußerungen zu dem
bis heute offiziell totgeschwiegenem Genozid an den Armeniern und Morden an der
kurdischen Bevölkerung brachten ihm ein Verfahren wegen „Beleidigung des
Türkentums“ ein.
Es ist keine leichte Kost, die Pamuk und auch die Landesbühne da servieren.
Eigentlich muss man mindestens zweimal lesen und schauen, um das dichte
inhaltliche Geflecht und dessen künstlerische Aufbereitung zu erfassen.
Grundkenntnisse der türkischen Geschichte, Politik und Kultur sind durchaus von
Vorteil. Ein kompakter Abriss im Programmheft leistet allen Hilfe, die außer
Döner und Badeurlaub bisher wenig von der Türkei kennen.
Mit Folklore hat die Inszenierung nichts am Hut. Das karge Bühnenbild (Julia
Plickat) ist nicht der Sparpolitik des Kultusministers geschuldet. Der Boden ist
mit Zeitungen ausgelegt, die in erster Linie die Rolle der Medien im
gesellschaftlichen Diskurs der Türkei repräsentieren, aber darüber hinaus im
Laufe der Handlung unterschiedlichste Funktionen erfüllen. Blitzschnell
entstehen aus den Blättern Teetassen, Zigaretten, Bärte oder Kopfbedeckungen.
Ansonsten wenige Requisiten, darunter nur der Schleier als zentrales Symbol, und
eine sparsam eingesetzte Schneemaschine; den Rest muss die winterliche Kulisse
vor der Tür leisten, um sich emotional in die isolierte Situation des Geschehens
zu versetzen.
Eine leicht verdauliche Aufbereitung des Buches dürfen die Zuschauer nicht
erwarten. Andersherum: Durch die weitere Verfremdung im Stil des epischen
Theaters haben Hockenbrinck, Dramaturg Marc-Oliver Krampe und das Ensemble den
Kern der anspruchsvoll-sperrigen Literaturvorlage getroffen. Das dekorative
Drumherum wie Kleidung, Essen, Landschaft bietet zwar meist den ersten Zugang zu
anderen Kulturen, aber auch die Gefahr, in folkloristischen Klischees hängen zu
bleiben, und spielt wohl deshalb auch bei Pamuk nur eine nachgeordnete Rolle.
Buch und Stück fordern dem Publikum eine tiefere, echte Auseinandersetzung ab.
In diesem Sinne suchte und fand die Landesbühne auch die konkrete Verortung in
Wilhelmshaven. Schon während der Arbeit am Stück gab es enge Kontakte zum
türkisch-islamischen Kulturverein, zur Migrationsberatung, zum
christlich-muslimischen Arbeitskreis und zur Christus- und Garnisonkirche. Bei
der Premiere boten Informationsstände Gelegenheit, mit den Institutionen in
Kontakt zu treten. Im Anschluss an eine weitere Vorstellung lud Krampe deren
Vertreter und das Publikum zum Gespräch ein. Dabei wurde deutlich, dass es noch
viele Brücken zu bauen gilt. Kultur und Religion, Islam und Islamismus wurden in
den Beiträgen bunt durcheinandergeworfen. Und während Frau Kaya vom Kulturverein
herzlich zum Besuch der Moschee in der Admiral-Klatt-Straße einlädt, hat Pastor
Frank Morgenstern Probleme, muslimische Kinder des Christuskindergartens zum
gemeinsamen Kirchenbesuch zu bewegen. Wohlgemerkt, nicht alle: Frau Kaya
bestätigte, dass es innerhalb der Elternschaft ihrer Glaubensrichtung sehr
unterschiedliche Auffassungen dazu gibt. Interessant die Frage, ob Buch und
Stück sich konkret einem (deutsch-)türkischen bzw. europäischen Thema widmen
oder auch global übertragbar sind. Isolation oder „Diaspora“ (Morgenstern)
führen auch andernorts zu extremen Erscheinungsformen kultureller Abgrenzung.
Doch zweifellos nimmt die Türkei unter den vom Islam geprägten Staaten durch den
(eigentlich) verfassungsmäßig verordneten Laizismus (Trennung von Staat und
Religion) eine Sonderrolle ein. Und Kars ist nicht beliebig austauschbar gegen
andere Orte: “Ich wollte einen politischen Roman schreiben, und alle Hauptkräfte
der Türkei fand ich in Kars: Islamisten, türkische Nationalisten, kurdische
Nationalisten, Kirche, Armee, verschiedene ethnische Gruppen und auch
islamistische Fundamentalisten. Deshalb habe ich meine Geschichte in genau
dieser Stadt angesiedelt“, so Pamuk. Doch sieht er grundsätzlich Romane als
Annäherung an das „Andere“, sie „befreien uns von unserer Angst vor dem
Fremden“. Mit „Schnee“ hat die Landesbühne einen Teil dazu beigetragen.
Eine
Steilvorlage für die Vertiefung des Themas boten die Schweizer:
„Mi-na-rett-ver-bot“
schallte es Ende 2009 vom
schneebedeckten Matterhorn durch die Welt. In einer Volksabstimmung war es den
Schweizern gelungen, ihr Käseglocken-Paradies gegen böse Symbole fremder
Einflüsse abzuschirmen. „Sind die Schweizer noch zu retten?“, fragten sich nicht
nur die Schweizer Aom Flury und Peter Hilton Fliegel, die derzeit politisches
Asyl bei der Landesbühne genießen. Im „Roten Salon“ (der passend in die „Trashkantine“
verlegt wurde) wagten sie eine satirische Analyse der Befindlichkeit ihrer
Landsleute. Zur Einstimmung gab es eine Erzählung auf Schweizerdeutsch, die
ebenso verständlich war wie der anschließend eingespielte Ruf des arabischen
Muezzins. Damit waren die Fronten schon mal klar. Die nachfolgende „Schweizer
Flurbereinigung“ entfernte alles nicht Heimische aus dem grünen Alpenland und
hinterließ eine Wüste. Und wie steht es grundsätzlich um die Gastfreundschaft,
nicht nur gegenüber Muslimen? Verzweifelt zerbricht ein deutscher Wanderer bei
dem Versuch, von einem Schweizer eine Wegbeschreibung zu bekommen. (Anm. iz:
Mir hat mal ein Schweizer seine nagelneue Straßenkarte geschenkt, als ich keinen
Ausweg nach Deutschland fand. Mit dem Erklären hat es eben nicht so geklappt …)
Zum bunten Programm gehören auch sehr gegensätzliche Kommentare aus den Medien
u. a. des Inhalts, ob „political correctness“ überhaupt noch zeitgemäß ist -
schließlich dürfen Schweizer Touristinnen auch nicht im Bikini durch Teheran
City spazieren! Das letzte Wort hatte Friedrich Dürrenmatt, nach dessen Theorie
die Schweiz einfach ein großes Gefängnis ist und die Häftlinge gleichzeitig die
eigenen Wärter sind … Fehlte nur noch Martin Suter, der seinen Eidgenossen gern
boshaft auf den Zahn fühlt, aber eine Stunde ist schnell vorbei. Die nächste
„Trashkantine“ gibt’s am 12.2. zum Thema „Nichts ist scheißer als Platz 2“ - ein
Muss für alle Fußballfreunde.
Eiseskälte
Passen „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner
Fassbinder aus dem Jahr 1974 noch in unsere Zeit? Die Zweifel eines
Pressekollegen kann ich nicht teilen. Erstens ist Fassbinder ein moderner
Klassiker, und ein Klassiker hat immer die Aufgabe, gesellschaftliche Themen der
Vergangenheit lebendig zu halten, wobei Bezüge zur heutigen Zeit nie
ausgeschlossen sind. Käme ja auch keiner auf die Idee, Schiller oder Büchner
ihre Existenzberechtigung auf modernen Bühnen abzusprechen. Zweitens ist
Fassbinders bittersüß sezierende Analyse verkorkster Beziehungen und verlogener
Lebensentwürfe (nicht nur) im Jet-Set auch heute noch zutreffend. Er war damals
einfach seiner Zeit voraus. Wer hat es in dieser piefigen Zeit schon gewagt,
gleichgeschlechtliche Beziehungen auf der Bühne zu thematisieren? Nicht zu
vergessen: Der §175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte noch bis 1994 (!)
homosexuelle Handlungen unter Strafe. Betroffen waren zwar ausschließlich Männer
– ernst zu nehmende Beziehungen zwischen Frauen entzogen sich vermutlich der
Vorstellungskraft der reaktionären Gesetzgebung. In Fassbinders Werk spielen
Frauen, ob hetero, homo oder bi, eine zentrale Rolle. Und auch „Schnee“ – ohne
Unmengen von Kokain hätte er den Marathon von über 40 Filmen und Theaterstücken
in 16 Jahren kaum geschafft; in einer tödlichen Mischung verschiedener Drogen
setzte es schließlich seinem Leben und Werk ein viel zu frühes Ende.
Eiseskälte strahlen schon Bühne und Kostüme (Frank Albert) im Studio des Jungen
Theaters aus. Viel zu weiß, um wirklich rein zu sein. Durchbrüche in der Wand
verschaffen Einblicke von außen, ermöglichen aber keinen leichten Zugang oder
Ausweg. Selbst zerknüllte weiße Entwurfsblätter am Boden gehören zur
inszenierten Ordnung dieser Designerbude, in der Petra von Kant (Julia
Blechinger) sich selbst gefangen hält. Innerlich muss die beruflich erfolgreiche
Modedesignerin allerdings dringend aufräumen. Einmal verwitwet, einmal
geschieden, umgeben von falschen Freunden und gleichzeitig Lichtjahre entfernt
von ihrer eigenen Familie, Tochter wie Mutter, sucht sie das ultimative private
Glück bei einem jungen Model. Das scheinbar naive Objekt ihrer Begierde versteht
es jedoch schnell, die ungesunde Symbiose für sich auszunutzen … Rasant treibt
Regisseurin Eva Lange ihre Darstellerinnen und das Publikum durch eine
Achterbahn der Gefühle. In den Zeiten von Hartz IV und
Wachstumsbeschleunigungsgesetz, wo der Mensch als Mensch zur Bedeutungslosigkeit
verkommt, verdient Fassbinders Petra von Kant nicht nur als Klassiker
ihren Platz auf der Bühne.
Weitere Aufführungen:
Fr. 12.02. / Sa 13.02. / Fr 26.02. / Sa 20.03. / Sa 27.03. jeweils 20 Uhr,
Junges Theater, Rheinstr. 91.
Eiskalt läuft es einem auch bei Hikikomori von Holger Schober
über den Rücken.
Außer Betrieb
Schon nach 5 Minuten begreift
man, warum H. sich seit 8 Jahren von der Welt abschottet: Er will nicht mehr
müssen, außer aufs Klo, der einzige Grund, überhaupt noch sein Zimmer zu
verlassen. „Du musst Du musst Du musst“ dröhnt es in den Ohren. „Du musst ein
Auto haben, du musst ein Haus haben … du musst ein Ferienhaus in der Toscana
haben … du musst einen multinationalen Konzern haben, du musst zwei
multinationale Konzerne haben, du musst sie zusammenlegen, du musst 40.000 Leute
entlassen …“ Doch es sind nicht nur die gnadenlosen Spielregeln des
Kapitalismus, die ihn verzweifeln lassen. In seinem einstündigen Fast-Monolog
erfährt man, dass er schon immer der Loser war. Auf dem Fußballplatz war er
nicht der Held, sondern Zuschauer. Und sein erster und einziger Kontakt zu einem
Mädchen ging voll peinlich in die Hose.
H. ist ein Hikikomori. So nennen die Japaner Menschen, die sich mindestens 6
Monate zu Hause einschließen. H. kommuniziert nur noch elektronisch: chatten,
skypen, selbst mit seiner Mutter verkehrt er über Videobildschirm. Die gehört zu
jener Sorte Mütter, die ihren Sohn am liebsten immer bei sich haben, auch wenn
er schon Mitte 20 ist, weshalb sie unter der Situation leidet, aber ihn trotzdem
weiter bekocht und auch sonst nichts unternimmt, um diese ungesunde Symbiose zu
beenden.
H. war schon immer ein Robinson, auch in der echten Welt hat ihn niemand
wahrgenommen. (Bis auf drei Mitschüler, die ihn mit Steinen bewarfen. Da spürte
er erstmals ein warmes Gefühl im Bauch, denn: Sie haben IHN gemeint!) Es macht
keinen Unterschied, ob drin oder draußen, er fühlt sich sowieso unsichtbar.
AUSSER BETRIEB steht auf einem Aufkleber an seinem Bett. Eine riesige Weltkarte
an der Wand und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ reichen ihm für die verschwommene
Wahrnehmung, dass da draußen noch was existiert.
Als er im Chatroom das Mädchen Rosebud kennen lernt, scheint sich das Blatt zu
wenden, die warmen Gefühle zurückzukehren. Sie will für ihn da sein. „Du musst
dich nur melden … du musst dich nur melden …“ schreibt sie ihm wieder und
wieder. DU MUSST DU MUSST DU MUSST …
In Hikikomori geht es um viel mehr als computersüchtige junge Leute. Es geht um
Leistung und Loser, um Ansprüche und Forderungen, Versagens- und Zukunftsängste.
Die Inszenierung unter Regie von Markus Steinwender ist grandios. Im stimmigen
Rahmen aus Bühne und Kostümen (Elke König) , Musik und Beleuchtung spielt sich
Jaques Freyber die Seele aus dem Leib und haut einem den dichten Text um die
Ohren, dass es nur so kracht. Unbedingt anschauen!
Weitere Aufführungen:
So 28.2. 20 Uhr, Junges Theater, Rheinstraße 91.
Gegenwind 250 - Februar 2010
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