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Gegenwind 250 - Februar 2010
Aus
der
Schule
geplaudert
„Gemeinsame Erziehung
von Anfang an“, überschrieb das Kultusministerium Niedersachsen jüngst eine
Presseerklärung. Es geht um ein Modellprojekt für integrative Betreuung von
unter dreijährigen Kindern mit und ohne Behinderung. 185 Plätze stellen das
Kultus- und das Sozialministerium gemeinsam zur Verfügung. Schade, dass es nur
um gemeinsame Betreuung von Anfang an, nicht aber um gemeinsame Betreuung und
Beschulung bis zum Ende der Schulzeit geht. Die fürchtet die schwarzgelbe
Landesregierung weiterhin wie der Teufel das Weihwasser, und so sollen Haupt-
und Realschulen angesichts des stetigen Schrumpfens der Hauptschulen nur „enger
kooperieren“, nicht aber zusammengelegt werden. Aber immerhin: „Zur Sicherung
kleiner Schulstandorte werden die Möglichkeiten für zusammengefasste Haupt- und
Realschulen erweitert. Hierzu kann gemeinsamer Unterricht in den Klassen fünf
bis acht, mit Ausnahme der Kernfächer Deutsch, Mathematik und der ersten
Fremdsprache erfolgen. Zur Vermeidung von jahrgangsübergreifendem Unterricht
können auf Antrag auch andere Formen der Differenzierung in Kernfächern
erfolgen.“
G8 an Gesamtschulen? Nein, hier geht es nicht um abgeschottete
Wirtschaftsgipfel, sondern um die Einführung des Abiturs nach 12 Schuljahren
auch an Gesamtschulen. Die entsprechende Änderung des Schulgesetzes im letzten
Sommer hat damals für Furore gesorgt. Jetzt sind die Pläne des
Kultusministeriums so weit gediehen, dass sie in den Gremien diskutiert und den
Verbänden vorgelegt werden können, und es ist damit zu rechnen, dass die
Protestwelle wieder zunimmt. „Kernelement ist dabei, wie das Abitur nach 12
Jahren an allen Gesamtschulen durchgeführt wird. Nach der neunten Klasse
entscheidet der Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler, wer die
Einführungsphase der Oberstufe der Gesamtschule besucht. Schülerinnen und
Schüler, die am Ende der neunten Klasse dieses Leistungsniveau nicht erreichen,
würden dann, wie auch an den Haupt- und Realschulen, die dafür vorgesehene 10.
Klasse besuchen und haben die Chance, den Erweiterten Sekundarabschluss I zu
erreichen. Hieran anschließend gibt es wie bisher die Möglichkeit, das Abitur
über die Fachgymnasien, die Gymnasien oder die Oberstufe der Gesamtschulen nach
drei weiteren Schuljahren zu erreichen“, teilt das Kultusministerium in einer
Presseerklärung mit.
Die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschulen sollen also schon nach der 9.
Klasse getrennt werden, die „besseren“ auf die Oberstufe vorbereitet, die
„schlechteren“ auf das, was früher „mittlere Reife“ hieß, hingeführt werden. Ein
bisschen mehr Desintegration an den Integrierten Gesamtschulen also.
„Weniger Schulabbrecher in Niedersachsen“, hieß es direkt vor Weihnachten in der
„WZ“. Um 20 Prozent sei die Quote der Jugendlichen, die ohne Abschluss die
Schule verlassen, gesunken, und das sei ein „Erfolg des
Hauptschulprofilierungsprogramms“, wie die Kultusministerin Heister-Neumann
erklärte. Richtigerweise erklärte der WZ-Kommentator, dass diese schöne Meldung
jedoch mit Vorsicht zu genießen sei, denn die Zahl der HauptschülerInnen sinke
weiter. Eine Trendwende sei es beileibe noch nicht.
Am 21. Januar lasen wir dann, dass Wulff 2011 Lehrerstellen streichen
will. Dann nämlich verlassen zwei Jahrgänge gleichzeitig die Gymnasien, der
letzte, der noch das Abitur nach 13 Jahren macht, und der erste mit „Abi12“.
Also sinken dann die Schülerzahlen, also braucht man dann weniger Lehrer.
Logisch, oder? Und schon ist vergessen, dass man eine bessere Ausstattung der
Schulen mit Lehrpersonal, dass man bessere Arbeitsbedingungen an Schulen
versprochen hat.
Neuerdings liest man in der „WZ“ immer wieder von gemeinsamen Projekten
einzelner Schulen mit der Wirtschaft. Das geht auf einen Erlass zurück, für
den das Kultusministerium sich selbst lobt mir den Worten „Niedersachsen
Vorreiter - andere Länder interessiert“. Dazu heißt es in einer Presseerklärung
des Kultusministeriums: „Im Juni 2009 hat der Landtag mit der Änderung des
Schulgesetzes die Stärkung der Berufsorientierung der Haupt- und Realschulen
beschlossen. Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann teilte mit, dass die
Entwürfe zur Umsetzung in der Anhörung sind. ‚Mit der Stärkung der
Berufsorientierung sichern wir die Zukunftschancen unserer Kinder. Der
berufsorientierte Weg zur Ausbildung oder zum Studium wird durch die Verzahnung
der Hauptschulen mit den berufsbildenden Schulen und der Profilbildung an den
Realschulen weiter ausgebaut. Es gilt: Kein Abschluss ohne Anschluss’, sagte
Heister-Neumann. Vor allem aber sichert das Land damit den Fortbestand der
Selektion: Die Lehrpläne der drei Schulformen werden immer unterschiedlicher,
und damit wird ein Schulwechsel „nach oben“, also von der Haupt- zur Realschule
oder von der Realschule zum Gymnasium, immer schwieriger.
Anette Nowak
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