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Gegenwind 250 - Februar 2010
Lösung in Sicht?
Bürgerinitiative für Methadonversorgung lässt
nicht locker
(iz) Seit
drei Monaten warten Suchtkranke in Wilhelmshaven auf eine Lösung zur
verlässlichen Substitution mit Methadon. Überforderte Ärzte warfen das Handtuch,
zuständige Institutionen kamen ihrer Verantwortung nicht nach. Ohne die
„Bürgerinitiative für die Sicherstellung der Versorgung von Drogenkranken“ wären
das Problem und die Betroffenen wohl in einer Sackgasse gelandet.
Hintergrund:
Heroinabhängige, bei denen die Entzugstherapie gescheitert ist, können mit
Methadon substituiert werden. Sie nehmen täglich in der Praxis des betreuenden
Arztes ihre Dosis des Ersatzstoffes ein und haben dann einen geregelten
Tagesablauf ohne Entzugserscheinungen und Druck zur Beschaffung. Damit wird dem
Teufelskreis aus Beschaffungskriminalität und Sekundärerkrankungen durch
infizierte Spritzen bis hin zum tödlichen „Goldenen Schuss“ entgegengewirkt.
Die betreuenden Ärzt/innen brauchen eine spezielle Fortbildung, jede/r darf
maximal 50 Substituierte betreuen (ohne diese Zusatzausbildung max. 3
Patienten). Wenn nur zwei Ärzte in einer Stadt oder Region das schultern,
bedeutet es Einsatz auch an jedem zweiten Wochenende und an Feiertagen sowie
Belastung durch die Budgetierung der Krankenkassen und viel Schreibkram.
Mindestens 200 Menschen in Stadt und Umland gehören zu dem Kreis, für den diese
Therapie sinnvoll ist. Die Diakonie schätzt die Zahl der hiesigen
Heroinabhängigen auf 400.
Chronologie:
Anfang November 2009 hatten Drs. Abelmann und Gradwohl angekündigt, die tägliche
Versorgung von Patient/innen mit Methadon einzustellen, weil sie sich mit der
Aufgabe alleingelassen und überfordert fühlen.
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat den Auftrag, die Behandlung jeder
Krankheit sicherzustellen. Die KV Wilhelmshaven blieb hier aber untätig. Die
Betroffenen starteten daraufhin eine bundesweit einmalige Aktion: Wochenlang
hielten sie in winterlicher Kälte tägliche Mahnwachen vor der KV in der
Kirchreihe ab. Schwarze Kreuze erinnerten dabei an Verstorbene, die mangels
ausreichender Unterstützung ihrer Suchterkrankung zum Opfer gefallen waren. Die
Beteiligten waren selbst schockiert, als ihnen bewusst wurde: 42 Tote waren im
Gedächtnis geblieben. Die Mahnwachen schlugen Wogen bis zum bundesweiten
Ärztekongress in Berlin, wo Abelmann über die Situation in WHV berichtete. Die
Kollegen zeigten sich beeindruckt vom Engagement der Betroffenen.
Die KV blieb stur. Die Mahnwache wurde zum Reinhard-Nieter-Krankenhaus (RNK)
verlagert. Wenn eine dezentrale Versorgung nicht mehr gewährleistet ist, bietet
es sich an, eine zentrale Schwerpunktpraxis einzurichten. Die Kosten dafür – ca.
60.000 Euro im Quartal – muss die KV übernehmen. Eine große Klinik sollte die
Voraussetzungen dafür haben, das Raumangebot und die erforderliche medizinische
und personelle Infrastruktur, auch für die psychosoziale Betreuung. Im Rat der
Stadt gab es Anträge, um über den Aufsichtsrat des RNK Bewegung in die Sache zu
bringen - erfolglos.
Ende November gründete sich die Bürgerinitiative für die Sicherstellung der
Versorgung von Drogenkranken und startete eine Informations- und
Öffentlichkeitskampagne, unter anderem über eine sehr gut gemachte Website (www.schwerpunktpraxis-wilhelmshaven.de).
Mitte Dezember berichtete SAT1 über die Situation in WHV. Darin ließ KV-Sprecher
Scherbeitz verlauten, er könne Ärzte ja nicht zwingen, die Substitution zu
übernehmen. Natürlich nicht – aber solange die KV die erforderliche Finanzierung
verweigert, macht auch kein Arzt freiwillig mit. Zu der Zeit hatten sich bereits
vier Ärzte bereit erklärt, sich zu beteiligen, wenn die Voraussetzungen stimmen.
Anfang Januar trafen sich auf Einladung der BI Betroffene mit Unterstützern im
Banter Gemeindehaus. Vertreten waren auch die Wilhelmshavener Aidshilfe und aus
der Politik Mitglieder der Linken, der Grünen und der Freien Wähler. Anwesende
Ratsmitglieder waren nur Karlheinz Föhlinger (SPD) und Johann Janssen (Linke),
der 1989 als Arzt das Methadonprogramm in WHV ins Leben rief und bis zum
Ruhestand mit betreute. Janssen moderierte die Diskussion, berichtete über den
Sachstand und steuerte fachliche Infos über rechtliche und medizinische
Rahmenbedingungen bei. So gelang es, viele schräge Darstellungen der vergangenen
Wochen richtigzustellen.
Selber schuld?
Für Empörung sorgte eine Presseinformation von FDP-Sprecher Dr. Michael
von Teichman, der forderte, die Betroffenen binnen eines Jahres durch Entzug „zu
heilen“. “Methadon hält Betroffene in Abhängigkeit…Somit wäre ein Konzept zu
entwickeln, das mittelfristig zu einem Ausstieg aus dem Drogenkonsum
führe…Notwendig ist ein Stufenprogramm, um innerhalb Jahresfrist den Ausstieg
aus der Abhängigkeit zu erreichen, dann sind auch Mahnwachen und anderes nicht
mehr erforderlich. Die dort eingebrachte Energie sollte lieber für den
Totalausstieg genutzt werden.” Als Arzt sollte er es besser wissen. „Wie
man als Arzt solche Ansichten vertreten kann, ist mir unbegreiflich. Drogensucht
ist eine Krankheit, die eben nicht durch Willensakte, sondern durch Behandlung
gelindert werden kann, die auch nie „geheilt“ wird“, brachte es Bettina
Richter in einem Leserbrief auf den Punkt.
Es gibt noch derbere Kommentare, in der Richtung „lasst sie doch verrecken, sie
sind doch selbst schuld an ihrer Sucht“. Zum Vergleich (Anm. d. Red.): In
Deutschland sind schätzungsweise 300.000 Menschen heroinabhängig, 3 Mio
alkoholabhängig, 1 Mio (plus hohe Dunkelziffer) leiden unter suchtbedingten
Essstörungen. Ein „trockener“ Alkoholiker ist noch lange nicht (oder nie)
„endgültig geheilt“ – wer käme auf die Idee, ihm Antidepressiva zu verweigern,
die er benötigt, um die Krankheit unter Kontrolle zu halten und sein Leben in
den Griff zu kriegen? Wer würde jemandem, der sich durch ungesunde
Lebensführung, Übergewicht etc. bleibende Schäden wie einen Diabetis, Organ-
oder Gelenkerkrankungen eingehandelt hat, die notwendigen Medikamente entziehen
wollen? Bei dem Treffen waren übrigens auch zwei Alkoholiker, die den
Heroinabhängigen Verständnis und Solidarität entgegenbrachten.
Bewundernswert ist der Mut, mit dem die Betroffenen an die Öffentlichkeit gehen.
So die Wilhelmshavenerin Gaby de Winter, die seit über 20 Jahren substituiert.
Für sie ist Methadon das „Lebenselixier“. In einem Leserbrief an die WZ
schilderte sie die Situation Betroffener. Seitdem erhält sie Drohbriefe von
unverbesserlichen „Mitbürgern“, einen Brief hatte sie zu dem Treffen
mitgebracht. Unfassbar, was für menschenverachtendes Zeugs die Leute von sich
geben.
KV bleibt in der Pflicht
Im Ergebnis blieb es dabei: Auch wenn Stadt, Gesundheitsamt und andere
Institutionen ihren Teil beitragen können, die Verantwortung bleibt bei der KV.
(Allerdings könnten auch die Krankenkassen von sich aus aktiv werden, dann muss
die KV zahlen.) Im Prinzip galt es nur, den Knoten zu zerschlagen: Die
substitutionsbereiten Ärzte warten auf ein positives Signal der KV für die
Kostenübernahme, diese wiederum sagt, es gäbe noch nicht genug bereitwillige
Ärzte.
Dankenswerterweise wurde das Thema von WZ-Redakteur Stefan Giesers von Anfang an
pressewirksam begleitet. Er war auch bei dem Treffen in der Banter Kirche
anwesend und nahm die Anregung mit auf den Weg, über eine von seiner Zeitung
moderierte Podiumsdiskussion die Verantwortlichen unausweichlich in die Pflicht
zu nehmen.
Ministeriumsmühlen …
Zwischenzeitlich hat
Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler über das Bürgerportal Wilhelmshaven
einen offenen Brief erhalten, worin ihm das Problem geschildert wird, mit der
Bitte um Abhilfe. Drei Wochen später kam Antwort aus seinem Büro: „ … Der
Sicherstellungsauftrag einer Kassenärztlichen Vereinigung umfasst auch die
ausreichende Versorgung mit vertragsärztlichen Leistungen bei der
Substitutionsbehandlung der Drogenabhängigkeit gemäß den Richtlinien des
Gemeinsamen Bundesausschusses. Sollten Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die
Kassenärztliche Vereinigung ihrem Sicherstellungsauftrag nicht nachkommt, wäre
es Aufgabe der zuständigen Aufsichtsbehörde, den Sachverhalt zu überprüfen. Das
ist in diesem Fall das niedersächsische Sozialministerium. Das Bundesministerium
für Gesundheit ist hierzu nicht befugt.“ Wohl aber wäre das
Rösler-Ministerium befugt gewesen, die Angelegenheit mit einem weiteren Brief
direkt dem Nds. Sozialministerium zuzuleiten. Das hätte sicherlich eine
durchschlagendere Wirkung erzielt, als wenn nun die BI sich dorthin wendet.
Dafür hat Stefan Giesers seine Hausaufgaben erledigt: Anfang Februar lud die WZ
KV-Sprecher Helmut Scherbeitz zum Gespräch („WZ-Stammtisch“) mit Matthias
Abelmann und Johann Janssen sowie René Grotzek von der Fachstelle Sucht der
Diakonie, Ursula Aljets als Vorsitzende des Sozialausschusses und
Sozialdezernent Jens Stoffers. Immerhin: Im Mai soll die nächste
suchtmedizinische Fortbildung beginnen, kündigte Scherbeitz an. Finanziell sieht
er aber „wenig Spielraum und nur die Möglichkeit für eine Starthilfe“. Als
„Starthilfe“, also finanzielle Absicherung sind die 60.000 Euro pro Quartal für
die Schwerpunktpraxis ja auch gedacht bis die Praxis sich selbst trägt Die
Stadt, so Stoffers, kann sich an den Kosten nicht beteiligen, wohl aber
zumindest zeitweise personell mit Amtsärzten.
Bis Mai ist es noch
lange hin, wobei man die Zeit für die Einrichtung der Praxis nutzen könnte, in
der die fortgebildeten Ärzte dann die Substitution betreuen. Für die Betroffenen
wird es eng. Seit Anfang Februar bekommen sie ihr Methadon nur noch als „Take
home“ verordnet: eine Wochenration, die sie zu Hause einnehmen. Es fordert den
Patienten, die ohnehin durch die Ungewissheit und den Kampf der letzten Wochen
gestresst sind, viel Selbstdisziplin ab, das Medikament vorschriftsmäßig
einzunehmen. Abelmann fürchtet, dass einige das nicht packen. Wir drücken die
Daumen, dass sie dafür die gleiche Kraft mobilisieren können, mit der sie für
ihre Rechte auf die Straße gegangen sind. Und dass sich die Verantwortlichen
nach dem Austausch am „Stammtisch“ nicht erst mal zurücklehnen und die BI
weiterhin breite Unterstützung erfährt.
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