|
| |
Gegenwind 247 - September 2009
Mahlzeit!
Über Lebensmittelknappheit und
Lebensmittelvernichtung
(noa/mt)
Wenn Sie demnächst auf der Straße einen Lieferwagen mit der Aufschrift
„Glücksbringer“ sehen, dann brauchen Sie nicht darüber nachzudenken, was da wohl
drin sein mag. Es ist der neue Kühlwagen, den die Wilhelmshavener Tafel in der
letzten Augustwoche in Betrieb genommen hat.
Mit dem Kühlwagen ist es
der Tafel möglich, auch aus größerer Entfernung frische Lebensmittel
heranzutransportieren, und dafür sie dankbar.„An erster Stelle der
Unterstützer steht der Hersteller des Fahrzeugs, die Firma Ford, des weiteren
die überregional tätige Stiftunglife, die hiesigen Lions Clubs Wilhelmshaven und
Wilhelmshaven-Jade, Gerd-Möller-Stiftung, Ja-Wir-Stiftung (Karl-Neumann und
Helmut- Böttger-Stiftung). Weiterhin haben wir viele größere und kleinere
Spenden von Unterstützern und Mitgliedern des Vereins erhalten.
U. a. auch von den Lesern der
Nordwest-Zeitung, den Firmen arvato und arvamed, sowie den Auszubildenden des
Marinearsenals. Beim Ausbau des Kellerraums haben uns die Firmen EMU-
Einrichtungssysteme GmbH, Klempnerei Plohr und der Bauunternehmer Rykena sehr
geholfen“, schreibt der Vorstand
der Tafel in seiner Pressemitteilung zur Einweihung des Kühlwagens.
Außer dem neuen Fahrzeug gibt es eine weitere Verbesserung der
Arbeitsbedingungen: Die Tafel hat einen weiteren Raum dazugemietet, wodurch der
Arbeitsablauf optimiert werden konnte.
Über vierzig ehrenamtliche HelferInnen und zehn Erwerbslose mit AHG
(Arbeitsgelegenheit, auch Ein-Euro-Job genannt) arbeiten bei der Wilhelmshavener
Tafel, holen Lebensmittel, die in Geschäften übrig sind (jährlich über 100
Tonnen), sortieren aus, sorgen für ihre sachgerechte
Lagerung und bieten sie in den
Ausgabestellen im Textilhof und in der Außenstelle Sande an. Die Kosten für
diesen Betrieb sind schon längst nicht mehr ausschließlich aus den
Mitgliedsbeiträgen allein aufzubringen. Außer den Mitgliedern des Tafel-Vereins
helfen zahlreiche weitere Firmen, Gruppen und Einzelpersonen mit.
Seit einigen Jahren schon beteiligen sich auch die „Kunden“ der Tafel an den
Betriebskosten, die sich auf ca. 3000 Euro im Monat belaufen: Wer eine Tüte
Lebensmittel abholt, zahlt einen Euro.
Vier Ausgabetage in der Woche sind es inzwischen in Wilhelmshaven, an denen 1250
Bedürftige sich mit Backwaren, Konserven, Obst, Salat und Gemüse sowie
Milchprodukten versorgen können, die die Tafel zuvor von mehr als vierzig
Spendern eingesammelt hat.
Die Spender, das sind Lebensmittelmärkte in ganz Wilhelmshaven und Umgebung. Sie
stellen die Lebensmittel zur Verfügung, die nicht mehr verkäuflich sind, weil
ihr Mindesthaltbarkeitsdatum fast erreicht ist.
Aber nicht alle Lebensmittelmärkte spenden diese Waren der Tafel, Aldi Nord z.B.
mit der Behauptung, dass alle Lebensmittel verkauft würden. Da fragt sich, was
in den Müllcontainern landet, die, z.T. gut verschlossen, hinter den
Supermärkten stehen. Das ist kein Müll, auch keine verdorbenen Waren, sondern
Berge von frischen genießbaren Lebensmitteln. So stößt man auf Säcke voller
Kartoffeln, verpackte Wurst- und Käsewaren, die oftmals erst viele Tage später
ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen, Süßwaren, Getränke jeglicher Art und zum
Teil noch unreifes Gemüse bzw. Obst wie z.B. grüne Bananen.
Aus einigen Großstädten, z.B. aus Berlin, hört man vom "Containern": Junge Leute
ziehen nachts hinter die Supermärkte und holen für sich und ihre Nachbarn gute
Lebensmittel aus dem Müll; angeblich gibt es Leute, die sich ausschließlich aus
Müllcontainern ernähren.
Warum geschieht so eine Verschwendung? Wir haben eine gewaltige Überproduktion
an Lebensmitteln; manche Quellen gehen von bis zu 90 % Produktion für den Müll
aus. Bei den Lebensmittelketten ist der "Ausschuss" einkalkuliert und wird von
der Steuer abgeschrieben.
Warum dann geben diese Geschäfte den Überschuss nicht auch den Tafeln? Die
könnten ihn ohne Problem an Bedürftige weitergeben. So musste die
Wilhelmshavener Tafel eine Zeitlang Wartelisten führen, und nicht alle
Bedürftigen bekamen eine Berechtigungskarte. Dass dieser unerträgliche Zustand
nicht mehr besteht, wurde erreicht, indem man einen vierten Ausgabetag
eingerichtet und die Abgabemenge pro Person reduziert hat. "Wir geben einer
Familie seither eben nicht sechs, sondern nur drei Äpfel", erklärte uns Frau
Brost auf unsere Frage.
Das oben beschriebene "Containern" ist eine Straftat. Ein ehemaliger
Beschäftigter eines Lebensmittelmarktes in Wilhelmshaven berichtete uns, dass er
miterlebt hat, wie eine Kollegin eine alte Frau, die sich eine Steckrübe aus dem
"Müll" holte, vertrieb. Aus der Sicht des Supermarktbetreibers ist das
vielleicht ganz verständlich: Viele Leute würden keine Lebensmittel mehr kaufen,
wenn sie stattdessen nach Feierabend dieselben Waren kostenlos aus dem Container
holen könnten.
Und während einerseits tagtäglich
tonnenweise Lebensmittel vernichtet werden, berichtet die Tafel von "steigender
Tendenz" bei der Zahl der Bedürftigen.
Die Tafel kann noch jede Menge Unterstützung brauchen. Hilfe ist möglich
durch Spenden (Sparkasse Wilhelmshaven, Bankleitzahl 282 50 110, Konto-
Nr. 32 908 030) oder durch eine Vereinsmitgliedschaft (Monatsbeitrag
3,00 Euro Einzelperson / 5,00 Euro Eheleute). Telefon: 69 91 26 / email:
tafelwhv@freenet.de
|
Gegenwind 247 - September 2009
Zum Seitenanfang
Vorherige
Seite Titelseite
Nächste Seite
| |
Informationen und Kultur:








abgeordnetenwatch.de












|