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Gegenwind 245 - Juni 2009

Es gibt so vieles, über das wir gerne noch
berichten würden, aber meist fehlt es am Platz, manchmal auch an der Zeit. Hier
gibt es die Meldungen, die der Nachwelt erhalten bleiben müssen.
Werbetrick?
Das kam uns doch gleich wie ein Werbetrick der Hafenlobby vor: Die mit
großem Brimborium angekündigte und begonnene Ausbildung zu Hafenlogistikern wird
“gestreckt”, d.h., dass die Ausbildung irgendwann später stattfinden soll.
Sollte es etwa darum gehen, die bereits ausgebildeten und von Arbeitslosigkeit
bedrohten Kräfte vom Bremer Gesamthafenbetriebsverein einzusetzen?
Will man eigentlich nicht mehr lesen
Die Wilhelmshavener Zeitung zum „Vorbild Manfred von Richthofen“:
Kaum ein Name lässt die Herzen der
Flieger höher schlagen wie der Name Manfred von Richthofen. Auch über 90 Jahre
nach seinem Fliegertod hat der Name nichts von seinem Mythos verloren. Heute
steht der Name für Ehrenhaftigkeit, Tapferkeit vorbildliche Haltung und
militärische Leistungen. Mir wird
schlecht!
Ins Leere
ging der Versuch des
Kraftwerkbetreibers GDF SUEZ (ehem. Electrabel), die Bürger mit einer
Bürgersprechstunde zu ködern. Dass die Kraftwerksgegner sich von den Betreibern
der in Bau befindlichen Anlage seit langer Zeit veräppelt fühlen, stand sogar
schon im Gegenwind. Der Projektkoordinator Frank Albers dazu in der
Wilhelmshavener Zeitung vom 5. Juni:
„Für uns ist das ein Signal dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die
Diskussionen sind eben alle bereits geführt“. Na denn!
Hier wird gefälligst nicht geblüht!
Anfang Mai zeigte sich die Natur
in der Stadt in aller Pracht. An vielen Ecken wucherten Wildblumen und -gräser,
dass es nur so eine Freude war und die steinernen Auswüchse städtischer Bauwut
kurzzeitig vergessen machte. So zum Beispiel auf den Baumscheiben (den Beeten
rings um die Straßenbäume) am Südrand der östlichen Weserstraße. Es machte schon
stutzig, dass die Sensenmänner des Grünflächenamtes den bunten Blüten von
Storchschnabel & Co nicht den Garaus machten. Wozu auch sollten knappe
Personalmittel für so einen Unfug verschwendet werden? Nicht mal die
Verkehrssicherungspflicht könnte hier von der Golfrasenfraktion bemüht werden:
Die Parkflächen zwischen den Bäumen sind seit langem aufgehoben und der
Bürgersteig ist breit genug. Ja, man könnte sogar die ehemaligen Parkflächen
entsiegeln und ein durchgehendes Beet mit Wildblumenwiese entlang der Baumreihe
schaffen. Die Bäume wären für mehr Luft- und Wasserzufuhr im Wurzelraum sicher
dankbar.
Doch eines Morgens war es soweit: Das Schnitter machten die bunten Lichtblicke
mit tiefgestelltem Mähwerk sozusagen dem Erdboden gleich. Zurück blieb ein
graugrünes Nichts. Warum muss mitten in der Vegetations- und Brutzeit die
kleinste Oase für Wildpflanzen und Insekten im sterilen Einheitsgrün so radikal
plattgemacht werden?
Wenn das der OB hört!
Demonstration gegen den geplanten
Bau eines Kohlekraftwerks. Der Redner geißelt die Kohlekraft als „Technik von
gestern.“ Die versprochenen Arbeitsplätze seien nur ‚süßes Gift’.
Zukunftsträchtige Arbeit bieten vor allem die erneuerbaren Energieträger wie die
Windkraft. Der Ort der Rede liegt leider im 70 Kilometer entfernten Emden. Der
Redner? SPD-Landeschef Garrelt Duin. In Wilhelmshaven glaubt die SPD, mit dem
Bau von Kohlekraftwerken in vorderster Front gegen die drohende Klimakatastrophe
zu stehen. Ob die Menzels, Neumanns und Schmidts wissen, dass die Erde keine
Scheibe ist?
Was geht denn da ab?
Erster Versuch: Ratssitzung im November 2008. Die Verwaltung möchte die
Abwassergebühren erhöhen. Der Rat lehnt wohlbegründet ab. Zweiter Versuch: Am
24.März 2009 beschließt eine knappe Ratsmehrheit (CDU,
FDP,Grüne + OB Menzel) eine Erhöhung der
Abwassergebühren. Gestandene SPD-Ratsherren wie Gabriels und Barkowsky reagieren
sauer. Holger Barkowsky: „Es kann doch
nicht angehen, dass man über ein Thema so lange abstimmen lässt, bis einem das
Ergebnis letztlich passt.“
Die Schelte gegen die aufmüpfigen SPD-Ratsherren kam natürlich umgehend: Die
Vorwürfe von Barkowsky und Gabriels seien „völlig abwegig, die Erhöhungen seien
rechtlich einwandfrei und unausweichlich“. Dass die Verwaltung immer mal wieder
versucht, bereits abgelehnte Vorlagen durchzusetzen, sei, sagt Menzel, rechtlich
einwandfrei. Dass für die Schuldenlast ein unrealistischer Zinssatz angesetzt
wurde, sei ja so beschlossen worden (wussten Sie, dass der Wilhelmshavener
Stadtrat die Höhe des Zinssatzes bestimmt?) – ab 2011 werde sich da vielleicht
etwas ändern, ließ Stadtkämmerer Hoff verlauten.
Schützenhilfe bekommt die Verwaltung von der FDP (die ja die Erhöhung
mitgetragen hat): Man beklagt das „Geschrei der SPD“, und FDP-Radmer lässt sich
mit folgenden Satz in der WZ zitieren: „Die sogenannten kalkulatorischen
Zinsen seien notwendig in die Berechnung einzustellen, um einmal eine Verzinsung
des Eigenkapitals abzubilden, andererseits um die langfristigen Zinsbelastungen
durch das aufgenommene Kapital in der Kalkulation aufzeigen zu können.“ Ey
Boah! Was natürlich völliger Blödsinn ist – die FDP bläst eben immer noch gerne
Finanzblasen.
Doch trotz dieser liberalen Levitenlesung bleiben die SPD-Genossen hart und
beweisen, dass sie in der Finanzwelt zu Hause sind: Die Verwaltung hätte die
Höhe der kalkulatorischen Zinsen zugunsten der Gebührenzahler aufgrund des
anhaltenden Niedrigzinsniveaus senken können. Die Einlassungen der FDP werden
als „Interpretationsversuche“ gegeißelt. Und, da ist sich die SPD sicher, der
erwartete Gewinn der Entsorgungsbetriebe von 2,6 Millionen Euro wird die Frage
aufwerfen, was am wirtschaftlichen Verständnis und der Glaubwürdigkeit vieler
Ratsmitglieder dran ist.
Was fehlt? Ach ja, die CDU. Auch sie verteidigt mit verhaltener Kraft die
beschlossenen Erhöhungen als gesetzlich vorgeschrieben. Vielleicht könnten ja im
nächsten Jahr die Gebühren wieder gesenkt werden.
Ist das noch auszuhalten? Für wie blöd halten die Herren Hoff, Menzel, Graul und
Companie die Bürger eigentlich?
Wir wollen unseren alten Kaiser...
Wussten Sie, dass die
Gesellschaft für Wilhelminische Studien (GWS) über die Internetplattform der
Stadt Wilhelmshaven zu erreichen ist? Hier die Adresse:
http://www.wilhelmshaven.de/gws/index-gws.htm. Das allein ist schon ein
Skandal – seit wann werden private Vereine über einen solchen Weg gefördert?
Auf der Internetseite sind dann Sätze wie der Folgende zu finden: Die
wilhelminische Epoche steht für die Verknüpfung von politischer und kultureller
und technischer Entwicklung. So konservativ und autoritär bürgerlich Staat und
Gesellschaft auch waren, diese Epoche brachte auch den Jugendstil und zahlreiche
technische Innovationen hervor, deren Auswirkungen sich erst in der relativ
offenen Gesellschaft der Weimarer Republik zeigten.
Was hat Kaiser Wilhelm II. in seinem Leben so Großartiges geleistet, dass
hier in Wilhelmshaven eine Gesellschaft für Wilhelminische Studien höchste
Reputation erfährt?
-
Wilhelm II. war
zweifelsohne der Vorgänger Hitlers in Amt und Geist. Kaiser Wilhelm
II. war der Mann, der während seiner
dreißigjährigen Regierungszeit seine ganze Energie daran gesetzt hat, die
Demokratisierung Preußens und des Reiches zu verhindern.
-
Er hat alle Bemühungen,
die von Deutschland ausgelösten Spannungen zu vermindern und den Frieden, etwa
durch Abrüstung oder durch die Einführung einer internationalen
Gerichtsbarkeit, mit unerhörter Arroganz abgelehnt.
-
Er hat dann mit seinen
Kriegserklärungen gegen Russland und Frankreich den Ersten Weltkrieg
ausgelöst.
-
Der letzte regierende
Hohenzoller hat, als die Katastrophe eingetreten war, vier Jahre lang jeden
Kompromissfrieden verhindert.
-
Als Pensionär in den
Niederlanden hat er sich die größte Mühe gegeben, die Republik zu stürzen.
Kaiser Wilhelm fand nie ein Wort des Bedauerns oder gar Entschuldigung für die
Millionen Menschen, die seiner verbrecherischen Politik zum Opfer gefallen
sind,
und schließlich entblödete er sich nicht,
die Hilfe der Nazis einzufordern, um Kaiser von Hitlers Gnaden zu werden -
aber sie benötigten ihn nicht.
Dass da nun einige Leute
wie der Historiker Jörg-Michael Henneberg, Wilhelmshavens Stadtrat Jens Graul
und andere mehr oder weniger bedeutsame Herren auf Umwegen versuchen, dem üblen
Treiben des ehemaligen Kaisers zumindest noch eine positive kulturelle Note zu
verpassen, mag ja noch angehen: Wiederholt übte Wilhelm II. unmittelbar
Einfluss auf die Entwicklung der Stadt aus und scheute sich auch nicht davor,
Entwürfe für Marine-Denkmäler, die ihm grundsätzlich vorzulegen waren,
persönlich zu korrigieren. Aus seiner „Privatschatulle“ trug der Kaiser zur
Finanzierung von Bauten wie der „Kaiser-Friedrich-Kunsthalle“ - benannt nach
seinem Vater Friedrich III. - oder der Banter Kirche bei. (Quelle:
http://www.wilhelmshaven.de/gws/Wilhelm_II.htm). Dass die Stadt
Wilhelmshaven solches Tun unterstützt, ist unerträglich.
Gegenwind 245 - Juni 2009
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