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Gegenwind 243 - April 2009
Notausgang
Landesbühne: „Werther!“ frischer denn je
(iz)
Ungewollt aktuelle Bezüge zeigte die Premiere des „Werther!“, der am Ende nur
den Freitod als Ausweg aus seinem Weltschmerz sieht. Wenige Tage vor der
Aufführung hatte sich ein junger Mann in Süddeutschland erschossen – und zuvor
weitere 16 Menschen in den Tod gerissen. Zwar sind die Motive für Selbstmord
bzw. Amoklauf aus psychologischer Sicht nicht direkt vergleichbar, aber die
vielen jungen Zuschauer, die dem atemberaubenden Spiel von Axel Julius Fündeling
folgen, finden vermutlich ausreichend Anknüpfungspunkte, um das real
stattgefundene Drama zu verarbeiten.
Aktuell
wird Goethes Werther – hier in der modernen Bearbeitung von Nicolas Stemann –
ohnehin immer bleiben. Immer werden Jugendliche und junge Erwachsene in dieser
Phase von „Sturm und Drang“, auf der intensiven Suche nach dem Selbst (im
Verhältnis zum Rest der Welt) verzweifeln und oft auch scheitern. Diese
Inszenierung, mit der sich Regisseur Dietrich Trapp (der die Landesbühne leider
verlässt) ein Denkmal setzte, rückt die unerfüllte Liebe Werthers zu Lotte in
den Vordergrund. Doch kann Liebeskummer allein tödlich sein, oder erst dann,
wenn alle Brücken zur Außenwelt abgebrochen sind? Aufmerksamen Zuschauern
entgehen solche weiterführenden Hinweise – wie z. B. die Enttäuschung durch
einen vermeintlich väterlichen Freund – nicht. Durch rasante und überraschende
Wechsel des Blickwinkels hält die Inszenierung auch durch oberflächliche
Reizüberflutung geschädigte Zuschauer in ihrem Bann.
Kann ein „Loser“ wie
Werther ein Vorbild sein? Immerhin verbietet er sich selbst jegliche – wenn auch
aufkeimende – Gewalt- oder Rachephantasien gegenüber Dritten, die ihn
unglücklich machen, auch wenn ihn sein Gefühl für Lotte als Objekt der Anbetung
und gleichzeitig Begierde innerlich zerreißt. Erlernte
gesellschaftlich-moralische Konventionen sind stärker als der Drang, sie
aufzubrechen. Und immerhin durchbricht er seinen Monolog - Ausdruck der sozialen
und kommunikativen Vereinzelung - indem er zwischendurch in Kontakt zum Publikum
tritt. Gleichwohl ist er in seiner Rolle gefangen – der Notausgang aus dem
Theatersaal bleibt ihm als Ausweg verschlossen.
Stemanns radikale
Modernisierung des Klassikers wird durch Trapp und Fündeling konsequent
umgesetzt. In diesem Kontext entfalten auch die für junge Ohren „altmodischen“
Texte (über die auch der Protagonist mit seiner Souffleuse hadert) ihren
aktuellen Klang. „Der wohl berühmteste Ego-Trip der deutschen Literatur“
(Rowohlt) ist im Zeitalter von „You Tube“ und Kochshows angekommen.
Redaktionstipp:
Empfehlenswert für alle Generationen! Weitere Aufführungen: Sa., 04.04. / Mi.,
08.04. / Sa., 18.04. /Do., 23.04.2009 / jeweils um 20.00 Uhr / Studio, Rheinstr.
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Eröffner
und Auflöser
„Das Gartenfest“ beschließt den „Bürokratie“-Zyklus
der Landesbühne
(iz)
Nach „Es lebe Europa“, „Biberpelz“ und „Albertz“ bringt die Landesbühne mit dem
Stück „Das Gartenfest“ von Vaclav Havel ihre Analyse der modernen Bürokratie zum
Abschluss. Tatsächlich finden sich dort viele Elemente des kafkaesken absurden
Theaters, das manche/r (ob als Mitarbeiter/in oder Kunde) heute noch in
Amtsstuben erlebt – von Arroganz bis Duckmäusertum. Das 1963 erschienene Stück
bewegt sich allerdings in einem ganz anderen Rahmen – dem tschechischen
Systemkritiker (und späteren Präsidenten) ging es um die (Entlarvung der)
Funktionsweise eines totalitären Systems. Meisterlich pointiert Havel eine
pseudo-intellektuelle Imponiersprache, die – je nachdem, welchen Rang die
Gesprächspartner in der Hackordnung einnehmen - gleichzeitig bedrohlich wie
nichtssagend wirken kann.
Mittlerweile wurde die ehemalige Tschechoslowakei vom kapitalistischen System
übernommen, und damit herrschen heute auch andere Kommunikationsformen, die sich
anderer Stilmittel bedienen - freilich mit dem gleichen Ziel, nämlich das System
aus sich selbst heraus zu erhalten. (Das „Amt für Auflösung“ und das
„Eröffnungskomitee“, Erfindungen des Autors, haben in der Realität ihre Arbeit
erledigt). Insofern wirkt „Das Gartenfest“ heutzutage schon etwas angestaubt
bzw. ist eher als Klassiker zu betrachten, der Geschichte auf die Bühne
transportiert. Unterhaltungswert besitzt die Inszenierung aber allemal, fast
100prozentig sicher bewegen sich die Darsteller mit Höchstgeschwindigkeit durch
die anspruchsvoll abstrakten Texte und plakativen Bilder.
Vor der Premiere wurde mit der Showeinlage „Die Landesbühne sucht den
Superbürokraten“ ein aktueller Bezug geknüpft. Da galt es für die 3 Kandidaten
z. B. zu erraten, was das Amtsdeutsch mit „raufutterverzehrende Großvieheinheit“
meint. Der Gewinner ist übrigens von Beruf – Lachtherapeut(!), offenbar eine
gute Voraussetzung, um in deutschen Amtsstuben zu überleben.
Weitere Aufführungen:
Fr., 24.04.2009 / Mi., 06.05.2009 / jeweils um 20.00 Uhr im Stadttheater
Wilhelmshaven
Gegenwind 243 - April 2009
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