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Gegenwind 234 - März 2008
Nachrichten
Rücktrittsforderungen
Der Konflikt innerhalb der
Wilhelmshavener SPD wird immer offener ausgetragen. So sprach der SPD-Ortsverein
West der Ratsfraktionsspitze sein Misstrauen aus. Im Zentrum der Kritik steht
einem Bericht der Wilhelmshavener Zeitung vom 29. Februar zufolge der
Fraktionsvorsitzende Siegfried Neumann.
„Die Genossen des ohnehin von der Parteispitze als ‚aufmüpfig’ eingestuften
Ortsvereins werfen ihm ‚inhaltliche Stagnation’, ‚selbstherrlichen Führungsstil’
und ‚mangelnde Diskussionskultur’ vor, die die Partei für engagierte Mitglieder
unattraktiv mache und neue Mitglieder abschrecke.“
Die Jungsozialisten fordern Neumann gar zum Rücktritt auf. In einer
Pressemitteilung vom 29. Februar schreiben sie: „Die
Jusos Wilhelmshaven sprechen dem Fraktionsvorsitzenden der SPD im Rat der Stadt
Wilhelmshaven, Siegfried Neumann, nach einstimmigem Kreisvorstandsbeschluss vom
Donnerstag das Misstrauen aus und fordern ihn zum sofortigen Rücktritt von
seiner Funktion als Fraktionsvorsitzender auf.“
Der stellvertretende
Juso-Kreisvorsitzende Andreas Arlt stellt fest, dass „ein nötiger Umbruch der
SPD in Wilhelmshaven zu mehr Transparenz und sachlicher politischer Streitkultur
nur ohne Siegfried Neumann möglich ist, da dies in der letzten Zeit immer wieder
von ihm blockiert oder im Keim erstickt wurde.“
Doch es geht nicht nur um Siegfried
Neumann, es geht insgesamt um die Spitze der SPD-Ratsfraktion, die in
Verhandlungen mit der CDU eine große Koalition in Wilhelmshaven anstrebe.
In einer Presseerklärung vom 27. Februar schreiben die Jusos: „Geschlossen
stellen sich die Wilhelmshavener Jusos gegen die Pläne der SPD-Ratsfraktion, die
zusammen mit der CDU-Ratsfraktion eine Große Koalition im Rat der Stadt
Wilhelmshaven planen. Die Jusos sehen in einer Großen Koalition den falschen Weg
für Wilhelmshaven. ‚Eine Große Koalition, die nur auf die Sicherung von
Machtverhältnissen von bestimmten Parteifunktionären pocht, statt die für
Wilhelmshaven notwendigen Impulse zu setzen, ist der falsche Weg für die Zukunft
unserer Stadt’, so Jürn Dittrich, Juso-Kreisvorsitzender.“ (hk)
Kein Spaß mehr
Der Nautimo-Geschäftsführer
Friedhelm Raatz hat dem Wilhelmshavener Spaß-Bad den Rücken zugekehrt. Die
Gründe dafür sind schnell benannt: Raatz hatte grundsätzlich andere
Vorstellungen, wie das Bad zu führen ist, welche Richtung das Bad nehmen soll.
Mehr Spaßbad, mehr Anziehungspunkt für Touristen – das waren wohl die
Eckpfeiler, um mit dem Bad Geld verdienen zu können.
Da aber mit dem Bau des Spaßbades Nautimo der Abriss des Hallenbades und des
Kurbades Gesundbrunnen einherging, war klar, dass ans Nautimo andere Ansprüche
gestellt werden. Das ging los mit der Rheumaliga, ging über den Vereinssport bis
hin zu den Leuten, die einfach aus sportlichen Gründen ins Schwimmbad wollten.
Nun wird ein neuer Geschäftsführer für ein Bad gesucht, welches kein Spaßbad,
aber auch kein Schwimmbad ist. Wie sagt man in Wilhelmshaven? „Wie immer -
nichts Halbes und nichts Ganzes.“ (hk)
Wo kaufen
die Wilhelmshavener?
Diese Frage stellte sich nach der Lektüre eines Artikels im
Wilhelmshavener Anzeigenblatt „Guten Morgen Sonntag“ vom 10. Februar.
Unter der Überschrift „Der traditionelle Einzelhandel hat eine Chance“ kam hier
der Vorsitzende des City Interessen Verbandes, Andreas Jacobs, zu Wort. Er
stellte sein Konzept für die Wilhelmshavener Innenstadt vor. Jacobs’ Plan „mehr
kleine exklusive Geschäfte mit guter Beratung und speziellem Service, die etwas
Spannendes anbieten“ findet durchaus die Zustimmung der Gegenwind-Redaktion.
Doch wer kauft in Wilhelmshaven ein? Auch darauf weiß Jacobs eine Antwort: „40
Prozent derjenigen, die hier einkaufen, kommen aus ganz Niedersachsen, 20
Prozent aus Bremen und noch einmal 20 Prozent aus Nordrhein-Westfalen.“ – Da
wären wir also schon bei 80 Prozent. Und die restlichen 20 Prozent werden dann
wohl die Wilhelmshavener Bürgerinnen und Bürger sein. Kann aber auch nicht sein,
denn: „Von den Touristen, die Wilhelmshaven besuchten, kämen 60 Prozent, um
einzukaufen.“ Dahinter werden sich dann wohl die noch fehlenden 20 Prozent
verbergen. Und die Wilhelmshavener? Gibt es sie noch? Leben wir in einer
Geisterstadt mit Einkaufsmeile? (hk)
Ein starkes Stück
„Landnahme“: Premiere am 15. März
Selten
liest sich ein Bühnenmanuskript so spannend wie ein gutes Buch. Die „Landnahme“
von Harry Newman nimmt einen jedoch von der ersten Zeile an – im Doppelsinne –
gefangen: In unglaublicher Dichte sind Form und Inhalt auf das Wesentliche
reduziert. Die Qualität des Textes überzeugte auch Regisseur Christof Meckel und
Dramaturg Hauke Bartel, das Stück aufzunehmen, das erst 2007 seine deutsche
Uraufführung hatte.
Vor dem Hintergrund der Unterdrückung eines Volkes bzw. Landes seziert Newman
die „Kolonialisierung der Seele“. Sofort stellt sich die Frage: Auf welchen
aktuellen oder auch historischen Krisenherd bezieht er sich dabei? Auf gar
keinen, sagt er – und schafft diesen Drahtseilakt, obwohl er Assoziationen
weckt: David heißt der „Diplomat“, der die einmarschierenden Soldaten begleitet
und abgesichert durch deren Waffen mit platter und doch subtiler Rhetorik eine
„freundliche Übernahme“ zur Schau stellt. Übrigens die stärkste Figur im Stück,
die Darsteller Oliver Schönfeld da schultern muss. Es ist die Rede vom Land, in
dem Milch und Honig fließen, dem Land der Väter der Väter der Väter,
Anspielungen auf die arabische Sprache der Unterdrückten. Doch es hätte den
Stoff disqualifiziert, einseitig wertend den Konflikt zwischen Israel und
Palästinensern als Vorlage zu nehmen, weshalb weitere Figuren die zeitliche und
räumliche Dimension erweitern – ob Persephone (Fruchtbarkeitsgöttin der
griechischen Mythologie), Jens (deutsche / nordische Figur), Andrew (Weltmacht
USA) oder Gomes (Lateinamerika). Auch Bartel und Meckel verstehen das Stück als
Modell ohne konkreten Bezug. Beeindruckend ist für sie die Menschenkenntnis, mit
der Newman seine Figuren zeichnet, „ohne sie zu verraten“.
Newman versteht sein Stück „als Versuch, die Eigendynamik des Unrechts zu
verstehen und zu sehen, was nötig ist, damit man dagegen ankämpft.“ Siegen am
Ende die Waffen oder der gewaltfreie Widerstand? Persephone findet schließlich
ihren eigenen Weg, damit ihre Freiheit nicht länger bedroht wird … Mehr sei
nicht verraten, schauen Sie mit uns, ob die Landesbühne ihr Versprechen halten
wird: „Das wird ein intensiver Abend“. (iz)
„Landnahme“, am Sa, 15.3.2008 (Premiere )
Mi, 26.03 / Fr. 28.03 / Sa. 05.04,
jeweils um 20 Uhr im Stadttheater Wilhelmshaven.

Guten
Morgen, Wilhelmshaven!
Wilhelmshaven war einer der
Schwerpunktorte der ersten Warnstreiks des Öffentlichen Dienstes. Hier streikten
u.a. Reinigungskräfte, Busfahrer, Beschäftigte der Stadtverwaltung und von
Bundesbehörden. Kalt war es und noch ziemlich dunkel, als sich am 19. Februar ab
7 Uhr morgens über 200 Streikende vor dem Rathaus versammelten.
Uneingeschränkte Zustimmung fand die Rede von Dieter Kanth, dem Vorsitzenden der
ver.di-Fachgruppe Gemeinden:
„Guten Morgen,
Wilhelmshaven, guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wenn ich mich hier so umschaue, ist die Zeit scheinbar streikreif. Und es wurde
schon lange Zeit, dass wir mit ver.di hier in Wilhelmshaven einmal wieder so
richtig Flagge zeigen und streiken! Die Mitgliederversammlungen der letzten
Wochen haben es schon angekündigt: Nach jahrelangem Personalabbau,
Privatisierungen und Ausgliederungen, Androhungen von betriebsbedingten
Kündigungen, Lohn- und Gehaltsabbau und Arbeitszeiterhöhungen im öffentlichen
Dienst sagen die Beschäftigen: Uns reicht’s! Jetzt sind wir dran!
Wir fordern mindestens 8% und 200 Euro für alle und die Übernahme aller
Auszubildenden. Wir wollen keine Arbeitszeiterhöhungen und wir wollen auch kein
Leistungsentgelt, welches Arbeitgeber dann als Nasenprämien an einige wenige
verteilen möchten. Wir wollen reale Gehaltserhöhungen für alle und keine
Mogelpackungen! Und wir glauben auch nicht, dass für Gehaltserhöhungen kein Geld
da ist. Bundesweit und auch hier in Wilhelmshaven sprudeln die Steuereinnahmen.
Und das geht in den nächsten Jahren so weiter.
Wann - wenn nicht jetzt - soll denn überhaupt Spielraum sein für eine richtige
Lohnerhöhung? Und Geld ist schließlich genug da. Wie kann sonst der
Bundesfinanzminister von einem Tag auf den anderen z.B. für die insolvente
private IKB-Bank in Bayern 1,2 Milliarden über den Tisch schieben? Kollegen, so
viel würde den Bund ungefähr der gesamte Tarifabschluss kosten. Aber wir müssen
dafür möglicherweise wochenlang streiken!
Und wenn dann noch raffgierige Reiche trotz millionenfacher Steuergeschenke
immer noch über Scheinkonten in Liechtenstein den Staat bescheißen, dann ist
etwas gewaltig faul im Staate Deutschland. Die kleinen Leute melkt man, und die
Großen feiern Sausen!
Wir müssen täglich mehr bezahlen für Mieten, Lebensmittel, Strom und
Energiekosten, Erhöhung der Mehrwertsteuer, Kürzung der Pendlerpauschale. Und
deswegen sind unsere Forderungen mehr als berechtigt! Schließlich haben auch
unsere Bundestagsabgeordneten sich 9,4% mehr Gehalt verordnet!
Mit diesem Warnstreik geht heute ein deutliches
Signal von Wilhelmshaven an die ver.di-Verhandlungskommission, aber auch an die
Arbeitgeber: Wilhelmshaven steht und ist kampfbereit! Wir lehnen das vorgelegte
Angebot der Arbeitgeber als vollkommen unzureichend ab! Wir werden aber in den
nächsten Wochen noch weiter mit den Kolleginnen und Kollegen diskutieren, um für
weitere Aktionen zu mobilisieren! Dieser Warnstreik war nur der erste Streich.
Und wenn die Arbeitgeber es provozieren wollen, folgt der nächste dann sogleich.
In diesem Sinne: Wir sehen uns!“
Ratten
Haben Sie am 26. Februar in
der WZ, der NWZ oder dem JeWo den Kommentar
„Schwere Hypothek“ von Rolf Seelheim, dem Chefredakteur der NWZ, gelesen?
Herr W. hat ihn gelesen und findet, dass darin eine Partei und Ihre
WählerInnen verunglimpft werden. Seelheim hatte u.a. geschrieben: „Politiker
wie Beck spielen den Rattenfängern am linken und rechten Rand des Spektrums
in die Hände“, wobei mit den „Rattenfängern“ die PolitikerInnen der Partei
Die Linke gemeint sind und mit Neonazis in einen Topf geworfen werden. Für
Herrn W. ist damit der Straftatbestand des § 130 Abs. 2 Nr. 1 a) StGB
erfüllt: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird
bestraft, wer Schriften, die ... die Menschenwürde anderer dadurch
angreifen, dass Teile der Bevölkerung ... böswillig verächtlich gemacht
werden, verbreitet.“
Nicht nur die Partei
Die Linke, sondern auch ihre Sympathisanten und Wähler werden durch den
Kommentar verunglimpft. Ratten gelten als gefährliche Schädlinge, die
eliminiert werden müssen. Die so Beleidigten und Bedrohten „haben nicht das
Recht, sich gewaltsam an Herrn Seelheim für die erlittene Schmähung zu
rächen“; ihre Genugtuung ist „vielmehr Sache der staatlichen
Strafrechtspflege“. Und deshalb hat Herr W. am 27. Februar bei der
Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Herrn Seelheim erstattet. (noa)
Gegenwind 234 - März 2008
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