Der kleine Kaiser
ein Wintermärchen von Frau Ansche
Es
war einmal ein kleiner Kaiser in einem kleinen Fürstentum am grauen Meer. Er
saß alleine mit seinen beiden Lieblingshündchen in seinem kleinen Thronsaal,
dessen einzige Zierde ein großer Spiegel war, und dachte nach.
Viel hatte er
erreicht, unser kleiner Kaiser.
Bevor er Kaiser wurde,
hatte am grauen Meer noch nicht einmal ein Fürstentum existiert. Gewählte
Volksvertreter hatte es gegeben, aber die waren träge geworden, dick und
satt von allem, was sie am Volk vorbei für sich gesammelt hatten und immer
noch anhäuften.
Der kleine Kaiser war
damals noch jung und gerecht und zornig. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter
aus vielen Teilen des kleinen Fürstentums – das noch keins war – plante er
den Aufstand, leise, wirkungsvoll, gut organisiert – denn wenn der kleine
Kaiser eins gelernt hatte, dann war es organisieren.
Der Aufstand gelang,
und der kleine Kaiser durfte mit seinen Gleichgesinnten das Fürstentum – das
aber eigentlich noch keins war – regieren. Das gefiel den Leuten, die damals
noch keine Untertanen waren, denn der kleine Kaiser war oft bei ihnen,
unterhielt sie mit lustigen Fahrradunfällen, verlieh Preise an ihre
Kaninchen und tanzte mit ihnen bis in den Morgen. Sogar mit dem Regieren
waren die Leute zufrieden. Alle waren glücklich.
Nun - fast alle. Der
kleine Kaiser hatte sich einiges anders vorgestellt. Seine Gleichgesinnten
waren gar nicht mehr immer seiner Meinung; oft musste er diskutieren, bis er
Kopfschmerzen bekam. Und als er älter wurde, wuchsen Jüngere nach, die
wieder Gleichgesinnte hatten, aber gar nicht mehr das wollten, was der
kleine Kaiser wollte. Davon bekam er noch mehr Kopfschmerzen. Und schlechte
Laune.
Und so scharte der
kleine Kaiser – der ja eigentlich noch keiner war – ein letztes Mal seine
Gleichgesinnten um sich. Er machte ihnen klar, wie gut es für alle und vor
allem das kleine Fürstentum – das ja eigentlich noch gar keins war – wäre,
wenn es ihnen gemeinsam gelänge, ihn direkt zum Kaiser wählen zu lassen.
Nichts würde sich für sie ändern, und die Untertanen – die ja eigentlich
noch keine waren – würden viel besser wissen, wie die Verhältnisse seien.
Und so geschah es. Die
Gleichgesinnten schwärmten aus und verkündeten die frohe Botschaft. Das
Volk, der vielen Streitereien müde, ärmer geworden, an Zahl geringer und
hoffnungsloser, hörte sie wohl und begann zu glauben. Viele Menschen würden
in ihr kleines Fürstentum kommen, um zu staunen und viel Gold dort zu
lassen. Reiche Kaufleute und Fabrikbesitzer von weither würden sich
niederlassen, und sie würden nie mehr arm sein, und ihre Kinder würden wohl
gedeihen.
Und so wählten sie den
kleinen Kaiser zu ihrem Fürsten, und er fing auch gleich an zu regieren.
Große Pläne hatte er,
einen großen Hafen für die ganze Welt sollte das Fürstentum bekommen. Viel
Industrie musste her, prachtvolle Hotels, große Kraftwerke, mindestens drei
davon.
Die Untertanen – jetzt
waren sie es endlich – waren glücklich. Jetzt würde es vorangehen. Doch dann
sahen sie ihre Kinder auf den Straßen spielen, sahen Geschäfte und Fabriken
schließen, sahen ihr graues Meer zur stinkenden Jauchegrube werden. Und sie
begannen, Fragen zu stellen.
Fragen mochte unser
kleiner Kaiser nicht. Davon bekam er Kopfschmerzen. Er erklärte
Fragensteller zu Feinden des Fürstentums, so war es am einfachsten. Auch
unter den Gleichgesinnten waren keine Fragen mehr erlaubt. Und wenn jemand
deswegen nicht mehr für ihn arbeiten wollte, dann sagte der kleine Kaiser,
der habe ja sowieso keine Lust gehabt und auch nie wirklich gearbeitet. Und
alle, die nicht wollten, was er wollte, die wären wirklich böse und sollten
für immer schweigen.
Nun saß er in seinem
kleinen Thronsaal, alleine mit seinen Lieblingshündchen, einem grauen
Schnauzer und einem beleibten Pinscher, die nur bellten, wenn er es befahl.
Er schaute in den großen Spiegel. Nein, jung war er nicht mehr, harte Linien
durchzogen das Gesicht, freudlos gaben die Augen seinen Blick zurück.
Aber die Fähigkeit,
vor sich selbst zu erschrecken, hatte der kleine Kaiser schon lange
verloren.