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Gegenwind 233 - Januar/Februar 2008
Menzel, Kohle, Emotionen
von
Imke Zwoch
Es herrscht Krieg in
Wilhelmshaven. Auf einer Seite stehen die Durchblicker, auf der anderen die
Verwirrten. Hier die Vernunft, da der Bauch. Zur jeweils ersten Kategorie zählen
sich selbst der Oberbürgermeister und diverse andere Vertreter der städtischen
Politik und Wirtschaft, die gleichzeitig Tausende Wilhelmshavener BürgerInnen,
darunter mindestens 118 Ärztinnen und Ärzte, der anderen Schublade zuordnen.
Es geht dabei um viel
Kohle, um faktisch zwei, optional insgesamt vier Kohlekraftwerke im Rüstersieler
Groden. Es geht um 110 oder auch 300 Arbeitsplätze und möglicherweise auch
Gewerbesteuer. Es geht aber auch um CO2 und um Feinstaub, Cadmium, Blei, Arsen,
Nickel und Quecksilber, die über angrenzenden Wohngebieten herniedergehen, oder
auch über dem Jadebusen, der mit seiner Tier- und Pflanzenwelt als Teil des
Nationalparks Wattenmeer und durch europäisches Naturschutzrecht geschützt ist.
Der zudem durch die Kühlwassereinleitung stellenweise um bis zu 10 Grad,
dauerhaft großflächig um bis zu 1 Grad erwärmt wird. Und der nicht zuletzt
Lebensgrundlage der Tourismuswirtschaft ist, mit über 3.000 Arbeitsplätzen
allein im Wangerland, und für einige Fischereibetriebe.
Vorab: Thema der nachfolgenden Betrachtung ist nicht Herr Menzel; er ist nur
Stichwortgeber für eine grundlegende Debatte um Freiheit, Demokratie und
Bürgerrechte, die wir hier anstoßen wollen. Seine MitstreiterInnen aus dem
Pro-Kohlekraft-Block können sich dabei auch angesprochen fühlen – nicht nur
jene, die sich, wenn auch mehr im Hintergrund, ähnlich despektierlich gegen die
Bürgerbewegung geäußert haben. Sondern auch jene, die nicht laut dagegen
aufbegehren oder ihre Parteigenossen mal zurückpfeifen.
Jenen, die gesundheitliche und ökologische Bedenken gegen die geplanten
Industrieansiedlungen äußern, wirft Menzel vor, emotional zu argumentieren.
Womit er natürlich Recht hat. Denn, mal scharf nachgedacht: Gibt es irgendeine
menschliche Handlung oder Äußerung, die nicht emotionsgesteuert ist? Wenn wir
beurteilen, ob etwas richtig oder falsch ist, nutzen wir zwar externe
Informationen, setzen diese aber in Beziehung zu unseren individuellen
Erfahrungen, die von bestimmten Gefühlen begleitet sind.
Suchen Sie mal irgendeine
wertende (politische) Äußerung, die nicht emotional geprägt ist und an die
Gefühle Dritter appelliert, egal ob es um Arbeitsplätze, Benzinpreise,
Klimawandel, Kampfhunde oder Kopftücher geht. Selbst wenn zwei Menschen dieselbe
Statistik lesen, ziehen sie daraus unterschiedliche Schlussfolgerungen, weil sie
an gleiche Werte unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Für den Kraftwerksingenieur
ist die Menge X an Feinstaub ein Grund zur Freude, weil er stolz darauf ist,
Grenzwerte einzuhalten. Weil es sein Lebenswerk ist, die Technik so
hinzukriegen. Für den Lungenfacharzt ist die gleiche Menge X eine Katastrophe,
weil er schon so viel Leid erlebt hat, weil er vielen Patienten nicht mehr
helfen konnte und es doch sein Lebenswerk ist, dies zu tun.
Beide sind im Recht, und beide sind nette Menschen. Wenn zwei Menschen
unterschiedlicher Ansicht sind, müssen sie sich zwar nicht lieb haben, aber
deswegen auch nicht hassen.
Im Duden steht unter „Emotion“ zu lesen: „Gemütsbewegung, seelische Erregung,
Gefühlszustand; vgl. Affekt“. Machen wir: „Affekt: heftige Erregung, Zustand
einer außergewöhnlichen seelischen Angespanntheit. (nur Plural):
Leidenschaften.“ Gleich nach „Emotion“ findet sich der Begriff „Empathie:
Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellung anderer Menschen
einzufühlen.“
Emotional geprägtes Denken, Sprechen und Handeln kann man niemandem vorwerfen,
denn unser Unterbewusstsein können wir nicht steuern. Wohl aber darf man es
jemandem zum Vorwurf machen, sich in einer Art zu äußern, die andere in
ihrer Freiheit und Integrität verletzt, deren Status nicht respektiert, sie
diskriminiert. [„diskriminieren: durch (unzutreffende) Äußerungen in der
Öffentlichkeit jmds. Ansehen, Ruf schaden, ihn herabsetzen“].
Empathie für den OB sagt uns: Es ist sein Lebenswerk, diese Stadt aus dem Sumpf
der Verschuldung und Arbeitslosigkeit herauszuholen und jeden Strohhalm dafür zu
ergreifen. Dafür kämpft er mit Leidenschaft, und deshalb fühlt er sich
vermutlich persönlich angegriffen, wenn irgendjemand seine Überzeugungen in
Zweifel zieht. Anders lässt sich kaum erklären, weshalb er so außergewöhnlich
emotional reagiert. Erklären, aber nicht entschuldigen, dass er in der
Auseinandersetzung mit Kritikern in Form und Inhalt immer wieder unter die
Gürtellinie rutscht. Dabei ist es doch nichts weiter als sein Job, OB zu
sein; könnte er das besser von seiner Person trennen, würde er wohl entspannter
auftreten.
Freilich gibt es auch einzelne frustrierte BürgerInnen, auf beiden Seiten der
Kohlekraftwerksfront, die sich in Polemik verirren, oft erkennbar gepaart mit
mangelndem Hintergrundwissen. Umso wichtiger und erfreulicher ist es, dass die
Bürgerinitiative „Zeche Rüstersieler Groden“ weiter ihren Kurs des sachlichen
und höflichen Umgangs hält. Wenn schon der erste Mann der Stadt nicht mit gutem
Beispiel vorangeht, dann eben umgekehrt.
Wer zahlt die Zeche?
Schenkt man Äußerungen gewisser Kraftwerksbefürworter Glauben, dann ist
die Bürgerinitiative „Zeche Rüstersieler Groden“ vom grünen Ratsherrn und
Landtagskandidaten Werner Biehl gesteuert, der seinen Schwiegersohn dafür als
Handlanger eingesetzt hat.
Dies bedarf einer Richtigstellung: Keine Partei oder sonstige Organisation
beherrscht diese Bürgerinitiative. Der Widerstand gegen die Kraftwerksansiedlung
regte sich bereits Mitte vergangenen Jahres. Mehrere (bis dahin völlig
unpolitische bzw. nicht aktive) BürgerInnen aus Rüstersiel traten über
Leserbriefe an die Öffentlichkeit und wandten sich zuerst an die
BUND-Kreisgruppe Wilhelmshaven, um sich Informationen und Unterstützung zu
holen. Zunächst waren sie entmutigt, als sie gewahr wurden, welche rechtlichen
und formalen Hürden sich vor ihnen auftaten. Je näher die konkrete Planung
rückte, umso größer wurden Ängste und Bedenken, die sich dann in Mut und
Aktivitäten verwandelten. Erst anlässlich des Ratsbeschlusses über den Entwurf
des Bebauungsplanes wurden die kritischen BürgerInnen auch von jenen Parteien
unterstützt, die im Rat dagegen gestimmt hatten.
Wagnis Demokratie
Das Leitmotiv „Mehr Demokratie wagen“ wurde bereits 1969 von der
sozial-liberalen Koalition im Bundestag geprägt und seitdem immer mal wieder im
Wahl- und Parteienkampf bemüht. Eigentlich ist es ein doppelter Widerspruch in
sich: „Mehr Demokratie“ ist ähnlich unsinnig wie „mehr Wetter“ oder „ein
bisschen schwanger“. Entweder gibt es ein allgemeines Recht auf freie
Meinungsäußerung
und Mitbestimmung, oder es gibt dieses nicht, dann ist es keine Demokratie, und
man sollte weiter daran arbeiten, dass es eine wird, und dafür ist es vor allem
wichtig, die bereits hart erkämpften demokratischen Bausteine, also Rechte zu
nutzen, zu leben und nie wieder preiszugeben.
Und wenn es denn ein Wagnis ist, wenn es persönliche Nachteile und
Risiken mit sich bringt, Demokratie zu leben, dann kann es kein demokratischer
Raum sein, in dem dieses stattfindet.
De facto ist es hierzulande immer noch, immer wieder und immer mehr ein Wagnis,
von Bürgerrechten Gebrauch zu machen, wenn deren Wahrnehmung den Zielen
politischer und wirtschaftlicher Macht entgegensteht. Man läuft Gefahr,
öffentlich ausgegrenzt und als unbelehrbare Randperson oder –gruppe abgestempelt
zu werden.
Die Bürgerinitiative hat
von einem Recht Gebrauch gemacht, das ihr nach der Niedersächsischen
Gemeindeordnung (NGO) zusteht: ein Bürgerbegehren mit dem Ziel, dass die Stadt
die BürgerInnen nach ihrer Meinung zur Ansiedlung weiterer Kohlekraftwerke
befragt. Für dieses Begehren sind 6.000 Unterschriften erforderlich.
In Wind und Kälte standen die BI-Mitglieder auf Wochenmärkten und an anderen
Anlaufpunkten und hatten schon nach drei Wochen ein Drittel der Unterschriften
zusammen. Wegen angeblicher formaler Mängel wurde die Initiative dann von der
Stadt ausgebremst. Erst wenn hierüber ein schriftlicher Bescheid vorliegt, kann
die BI das rechtlich überprüfen lassen. Unabhängig davon wird erst einmal weiter
gesammelt.
Die Aktion lohnt sich schon allein wegen der Erfahrungen, Rückmeldungen
und Gespräche, die sich daraus ergeben. Vor allem ältere Menschen, die oft noch
selbst die Diktatur des Dritten Reiches miterlebt haben, leisten ganz
selbstverständlich ihre Unterschrift – sie wissen den Wert demokratischer Rechte
zu schätzen. Jüngere nehmen diese als selbstverständlich hin, nutzen sie aber
oft nicht, zumal wenn sie Mitbestimmung als Farce betrachten: „Die da oben
machen sowieso, was sie wollen“ – womit sie, wie die Erfahrung lehrt, leider
nicht unrecht haben – es fehlt allein die Erkenntnis, dass man dann erst recht
dafür kämpfen sollte. Es unterschreiben auch ausdrückliche Befürworter der
Kohlekraftwerke – völlig richtig, denn es geht dabei um ein Meinungsbild, nicht
um Meinungsmache.
Erschreckend: Viele – ob Befürworter oder Gegner der Kraftwerke – signalisieren
großes Interesse, unterschreiben aber nicht aus Angst vor ihrem Arbeitgeber,
weil sie im Rathaus oder in einem Industriebetrieb beschäftigt sind.
Wohlgemerkt: Diese Unterschrift ist allein eine Zustimmung, dass eine
Bürgerbefragung durchgeführt werden soll, aber noch kein Votum für oder
gegen Kohlekraftwerke. Das erfolgt erst, und zwar in geheimer
Abstimmung, wenn die Befragung stattfindet. So weit sind wir also schon wieder:
Dass BürgerInnen Angst haben, Repressalien erwarten, weil sie von ihren
demokratischen Rechten Gebrauch machen. Gruselig, oder?
Die Botschaft, die da vermittelt wird, lautet: Wer keinen Ärger will (bzw.
erträgt), sollte besser die Klappe halten. Keine Leserbriefe schreiben und
keinen BIs beitreten, die der herrschenden Auffassung Paroli bieten. Die
Rüstersieler „Zechenkumpel“ ertragen so einige Repressalien, die darin bestehen,
öffentlich diffamiert zu werden.
Angst vor den Unabhängigen
Nicht nur in Wilhelmshaven wird bestimmten Berufsgruppen vorgeworfen, aus
ihrer sicheren Position heraus „gegen Arbeitsplätze“ zu sein (wenn sie ihre
Bedenken gegen umwelt- und gesundheitsschädliche Vorhaben kundtun). Mal sind
LehrerInnen betroffen, mal ÄrztInnen. Es geht um Personen, die relativ frei von
materiellen Abhängigkeiten agieren können – wer weitgehend unkündbar ist oder
selbständig, muss nicht vor einem Arbeitgeber oder dessen Interessensklientel
duckmäusern. Die Neiddebatte, die gegen kritische Menschen aus diesen Kreisen
losgetreten wird, basiert also eigentlich nicht auf dem Neid auf ihre
wirtschaftliche und soziale Situation, sondern dem Neid auf deren Freiheit –
bzw. die Angst der Herrschenden vor deren Unabhängigkeit - hier greifen die
Repressalien nicht.
Statt Unabhängigkeit als Makel und frei denkende und handelnde Personen/-gruppen
als ungeliebte Außenseiter darzustellen, sollte es doch umgekehrt ein
gesellschaftliches Ziel sein, allen Menschen diese Unabhängigkeit zu ermöglichen
und jede Einflussnahme durch Vorgesetzte zu unterbinden.
Somit ist es persönlich wie gesellschaftlich völlig daneben, eine Gruppe
Andersdenkender als „Allianz der Unvernunft“ zu diffamieren. Es ist unterste
Schuhsohle, Details aus dem Privat- und Familienleben politischer Gegner
herauszuposaunen mit dem Ziel, sie lächerlich oder unglaubwürdig zu machen.
(Allein Werner Biehl und sein Schwiegersohn haben zu entscheiden, wer über ihre
familiäre Beziehung etwas erfahren soll.) Es ist ungezogen, wenn ein
Stadtoberhaupt den Überbringer einer Petition wie Luft behandelt. In diesem Fall
war es ein Arzt und damit auch Gastgeber des Neujahrsempfangs der Ärztekammer,
zu dem der OB eingeladen war. Gegenüber einem Hartz-IV-Empfänger auf der Straße
wäre eine solche Ignoranz aber nicht weniger schlimm.
Und es ist, mit Verlaub, totaler Quatsch, jemandem (mit Seitenhieb auf dessen
gutes Einkommen) zu unterstellen, er würde anderen einen Arbeitsplatz
„verwehren“. Hier kochen Emotionen hoch bis zur logischen wie geschmacklichen
Entgleisung.
Emossionen, Emitionen oder was?
Zur Erinnerung: Anlässlich einer Petition zu den gesundheitlichen Risiken
der geplanten Kraftwerke, die von 118 hiesigen ÄrztInnen unterzeichnet und als
Zeitungsannonce veröffentlicht wurde, eskalierte die Stimmung im Rathaus. Es
folgte Menzels Rede auf dem Neujahrsempfang der Ärzte: Die Anzeige bediene sich
Emotionen und male ein „Horrorszenario“; die Initiatoren würden ihren
Glaubwürdigkeitsbonus in der Bevölkerung „ausnutzen“ und dass „gerade Ärzte als
nicht gerade die Schlechtverdienendsten in dieser Stadt“ anderen Menschen einen
Arbeitsplatz „verwehren“ würden, bezeichnete er als „fraglich“. Angeblich
rechneten die Ärzte mit völlig falschen Emissionswerten, bezogen auf vier
Kraftwerke statt eines.
Bei der von Menzel als völlig abstrus dargestellten Rechenart handelt es sich
schlicht um einen Dreisatz: Laut Bauleitplanung bestehen im Rüstersieler Groden
Optionen für vier Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 4.000 Megawatt
(MW). Man nimmt die Emission X eines bestehenden Kraftwerks als Grundlage, teilt
sie durch dessen Leistung Y (in MW) und multipliziert sie mit 4.000, um die
mögliche Gesamtemission am Standort Wilhelmshaven zu ermitteln. Natürlich gibt
es Abweichungen, weil die Technik des Modellkraftwerks, z. B. bestimmte Filter,
oder aber auch die Herkunft der Kohle, eine andere ist als hier vorgesehen. Aber
von der Größenordnung her liegt man so falsch nicht, wie Dr. Klaus Schmeding,
Sprecher der Ärzteinitiative, auf der Diskussionsveranstaltung im
Gorch-Fock-Haus darstellen konnte. Zum Vergleich zog er die offiziellen Angaben
des Betreibers heran, die erst im Zuge des Genehmigungsverfahrens öffentlich
verfügbar wurden.
Das „Horrorszenario“ sieht Menzel auch in einem Bild, das in der Anzeige und auf
der Homepage der Ärzte veröffentlicht ist: Ein Blick von Süden über den großen
Hafen zeigt vier Kraftwerke, deren Abgase gebündelt gen Jadebusen ziehen. Durch
die Größenverhältnisse und „Geistersilhouetten“ ist auf den ersten Blick
erkennbar, dass es sich um eine symbolisch gemeinte Montage handelt. Nichts
anderes macht Electrabel: Vorträge, Prospekte und Internetseite arbeiten mit
Luftbildprojektionen, die ein adrett aussehendes Kraftwerk neben einer
ebensolchen Kohlehalde zeigt, mitten im Grünen, ohne Staubwolken, Abgas- oder
Kühlwasserfahnen. Was der Kraftwerksleute Traum ist, ist der Ärzte Albtraum –
und beide haben das gleiche Recht, dies zu visualisieren, in Bilder und
Szenarien umzusetzen.
Apropos Szenarien: Damit arbeiten auch ganz offizielle Gutachten, ein gängiges
Verfahren, um „was-wäre-wenn“ theoretisch zu ermitteln, ehe man eine Planung
umsetzt. Dazu gehört in der Regel auch das „worst-case“-Szenario, also: Welche
Auswirkungen könnte es im Extremfall geben? Die Gutacher, welche die Stadt
beauftragt hat und demnach als seriös einstuft, arbeiten auch mit
verschiedensten Szenarien, ob es nun um Lärm geht oder die Erwärmung des
Jadebusens. Die dürfen das – die Ärzte und andere Kritiker nicht?
Wertesystem der Wirtschaftslobby
Die Liste – warum darf die eine Seite etwas tun, was der anderen zum
Vorwurf gemacht wird – ließe sich noch fortsetzen. Wir schließen sie mit der
Betrachtung, welche Gefühle wann zulässig und andererseits verwerflich sind.
Seit Jahren appellieren Menzel und Co. an das Mitgefühl für jene, die durch
Hafenbau und Industrieansiedlungen einen Arbeitsplatz in Aussicht haben. Keine
Frage – für die Schaffung von Arbeitsplätzen gibt es einen breiten
gesellschaftlichen Konsens. Es gibt aber auch das Mitgefühl für Menschen, deren
Wohn- und Lebensqualität durch solche Projekte deutlich geschmälert wird.
Menschen, die durch schädliche Umwelteinflüsse krank werden. Menschen, deren
Lebensunterhalt von einer intakten Natur abhängt (Tourismus, Fischerei) und
durch solche Projekte gefährdet ist. Bis hin zu Emotionen für unsere
Mitgeschöpfe, die selbst keine politische Stimme haben: Pflanzen und Tiere, die
wir als Teil einer lebensbejahenden Umwelt oder auch um ihrer selbst willen
erhalten wollen, aus ethischen bis hin zu religiösen Gründen. Solche Gefühle
sind im Rahmen eines bestimmten politischen Kalküls plötzlich nicht mehr
zulässig.
Wir päppeln verwaiste Robbenbabies auf und zerstören gleichzeitig die
Lebensgrundlage Tausender Robben in freier Wildbahn, indem wir den Jadebusen in
ein großes Kühlwassersystem verwandeln. Wir trinken für den Erhalt des
Regenwaldes und holzen 60 Hektar Wald vor der Haustür ab. Wir gelten als
weltoffen, wenn wir für Kinder in Südostasien spenden, die Opfer des Tsunami
wurden. Doch als weltfremd wird verschrien, wer sich lokal engagiert, um dem
globalen Klimawandel entgegenzutreten. 100 Arbeitsplätze in Wilhelmshaven, 3.000
in Deutschland in geplanten Kohlekraftwerken sind wichtiger als Hunderttausende
Tote und Obdachlose in Südostasien – wer gut verdient, kann ja bei der nächsten
Flutkatastrophe wieder etwas spenden. Etwa das, was wir durch billige Energie
sparen, billige Kohleimporte auf Kosten der Zechenarbeiter in China oder der
ehemaligen Sowjetunion. In der Volksrepublik China starben allein 2004 über
12.000 Minenarbeiter bei Grubenunglücken. Zwischen 1992 und 2002 kamen fast
60.000 Bergleute ums Leben. Schätzungsweise sind etwa 600.000 Bergarbeiter in
mehreren zehntausend größtenteils illegalen Kleinst-Zechen tätig; dort gab es
nach offiziellen Angaben im Jahr 2000 siebzehn Todesopfer pro Million Tonnen
geförderter Kohle. China ist in der Statistik der Unglücksfälle derzeit weltweit
führend; daneben zählen die Gruben der Ukraine zu den gefährlichsten der Welt.
Hier forderten Grubenunglücke zwischen 1991 und 2002 mindestens 3.700
Todesopfer.
Doch im Interesse der Wirtschaftslobby sollen wir nur bis zum nächsten Kirchturm
respektive Schornstein denken. Unser Wertesystem wird völlig
durcheinandergeschüttelt. Es wird Zeit, es wieder zu ordnen. Kein
Hauptverwaltungsbeamter und kein Energiekonzern der Welt hat dem Einzelnen
vorzuschreiben, wie er oder sie zu bestimmten Themen oder Anliegen empfindet und
sich entsprechend dafür engagiert. Es geht um existenzielle Fragen, die jede/r
für sich definiert. Arbeit gehört dazu, doch hierfür gibt es Alternativen – für
eine intakte Natur, Umwelt und Gesundheit nicht.
(Warum wir an dieser Stelle
nicht leichtfertig Rosa Luxemburgs berühmte Freiheitsdefinition
zitieren, ist nachzulesen unter
http://www.freitag.de/2000/39/00392101.htm. Die Lektüre ist höchst
empfehlenswert und erübrigt weitere Erläuterungen.)
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