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Gegenwind 224 - Januar / Februar 2007
Schubladendenken
Unverständliche Geheimniskrämerei um die
Zukunft der Stadthalle
(iz) Im Mai 2006 hatte sich die BASU im Rat nach den
Hintergründen einer laufenden Umfrage zur zukünftigen Nutzung des Jadezentrums
erkundigt. Nun hakte sie nach, was daraus geworden sei. Nach Auskunft des
Oberbürgermeisters ist „die Studie zu einem möglichen Nutzungskonzept noch nicht
abgeschlossen“. Merkwürdig: Unsere Redaktion hatte dieses angeblich bisher nicht
existierende Papier schon vor der Ratssitzung gelesen. Nachfolgend fassen wir
für den OB und andere Interessierte zusammen, was drinsteht.
Die
Geheimniskrämerei zeichnete sich schon bei der ersten BASU-Anfrage ab: Wessen
Idee die Umfrage war, wie viele Betriebe befragt wurden, Beteiligung, Kosten und
Ergebnisse, all das wollte der OB damals nicht beantworten mit der Begründung,
„die zitierte Umfrage bei Betrieben und Unternehmen im kleineren und größeren
Einzugsbereich des Jadezentrums wurde im Auftrage der Eigentümer des Objektes,
der Firma Boden Wert GmbH, von der Firma ghh consult GmbH durchgeführt. Die
Stadt selbst oder städtische Töchter oder Beteiligungen haben die Umfrage nicht
initiiert und sind auch nicht an deren Kosten beteiligt.“ Dass es gar keine
Kooperation zwischen Stadt und Eigentümer gegeben haben soll, klang nicht nur
für uns höchst unprofessionell. Denn „das Problem der Nichtnutzung“ ist
nicht, wie der OB meinte, allein „ein Problem der Eigentümerin“, sondern
auch eines der Stadt bzw.ihrer BürgerInnen, denn mit ihren Geldern wird die
Miete für die Stadthalle (vertraglich gebunden noch bis zum Jahr 2019)
finanziert (für
die Verkaufshalle im Erdgeschoss besteht noch bis 2009 ein Mietvertrag zwischen
dem Eigentümer und WAL-Mart), sie müssen
mit dem unansehnlichen, weitgehend leerstehenden Gebäudekomplex leben. Und sie
würden sich freuen, wenn er aufgewertet und mit Leben erfüllt würde.
Alleingang des
Eigentümers?
Aber zum Glück ist
es gar nicht so, dass Stadt und ihre Wirtschaftsförderer sich da rausgehalten
hätten. Im Anschreiben der Wiesbadener Unternehmensberater ggh vom März 2006 an
hiesige Firmen stand: "Das Jadezentrum soll belebt werden. Hierzu wurde die
Unternehmensberatung ghh consult GmbH von der WFG Wirtschaftsförderung in
Wilhelmshaven GmbH beauftragt, eine Markt- und
Potenzialanalyse...durchzuführen."
Ausgangspunkt ist eine Untersuchung zu potenziellen Chancen der Stadt als
Tagungs- und Kongress-Standort, die bereits 2005 im Auftrag der Stadt (!)
von der ggh durchgeführt wurde (Nutzungskonzept Teil II S. 3). Die (positiven)
Prognosen „wurden von der Stadt als realistisch bestätigt“ und die WFG
mit der Umsetzung beauftragt (ebd.). Man geht von 300 Tagungen und
Kongressen jährlich aus mit 27.000 TeilnehmerInnen, zuzüglich 23.000 Gästen bei
kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen. Die Nachfrage nach solchen
Veranstaltungen im Jadezentrum soll aktiviert und damit sollen auch die übrigen
Flächen im Gebäudekomplex wieder belebt werden.
Im vorliegenden Nutzungskonzept, datiert auf den 9. Juni 2006, steht nichts
drin, was die Verantwortlichen der Stadt oder der Eigentümergesellschaft
diskreditieren würde. Nichts spricht dagegen, die Ergebnisse zu veröffentlichen.
Zumal die Öffentlichkeit bereits eingebunden war, denn u. a. wurden auch 200
Bürgerinnen und Gäste interviewt, um wichtige Datengrundlagen zu sammeln.
Das Gutachten besteht aus zwei Teilen. Der erste analysiert auf 51 Seiten den
Standort Wilhelmshaven, nimmt das Jade-Zentrum unter die Lupe und untersucht die
allgemeinen Rahmenbedingungen für eine Umstrukturierung. Der zweite Teil befasst
sich auf 74 Seiten konkret mit den Marktchancen, der Neupositionierung des
Jadezentrums und eben einem neuen Nutzungskonzept.
Papier ist geduldig
„Es gibt viele Gutachten, die meisten
verschwinden in der Schublade, und oft ist das gar nicht schlecht“,
äußerte FDP-Sprecher Dr. Michael von Teichman im Zusammenhang mit einem ganz
anderen Gutachten (s. „Ratssplitter“). Teilweise trifft das für das Gutachten
zum Jadezentrum zu: Lange Passagen wirken aufgeblasen, Themenblöcke werden
wiederholt, Tabellen und Grafiken werden mehr beschrieben als analysiert.
Belangloses und Selbstverständliches wird durch Imponiersprache auch nicht
wichtiger. Einige Zahlen und Daten sind überholt. Großzügig aufgerundet wurde
bei den „rund 90.000 Einwohnern“ (Teil I / S. 12; das waren auch im
Bezugsjahr 2003 schon lange nicht mehr so viele). Die Recherche wirkt teilweise
schlampig, mal so eben aus dem Internet gefischt, und auch sprachliche
Unsauberkeiten erwecken den Eindruck, als wäre das Ganze mit heißer Nadel
gestrickt. Manche Aussagen wirken wie Gefälligkeiten – mit der Gefahr, bei
möglichen Investoren überzogene Erwartungen zu wecken: „Das Zukunftsprojekt
Tiefwasserhafen „JadeWeserPort“ ist planerisch abgeschlossen“ (falsch! Der
Planfeststellungsbeschluss steht noch aus). „Rund um die Jadestadt entstehen
mittelfristig mit dem Großprojekt … mehrere Tausend neue Arbeitsplätze.“
Wäre schön, ist bisher aber weder hier noch anderswo statistisch sauber belegt.
Der Containerhafen wie auch der Biotechnologiepark müssen gleich mehrfach als
positive Standortfaktoren herhalten.
Doch wenn man sich
durch solche Ärgernisse gekämpft hat, stößt man doch auf Informationen, die
nicht nur für die Zukunft des Jadezentrums, sondern insgesamt für die
Stadtentwicklung verwertbar sind. Wir können diese hier nur schlaglichtartig
vorstellen und hoffen, dass das Gutachten in Gänze bald der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht wird.
Als lokale Informationsquellen nutzte die ggh eine Expertenrunde mit Vertretern
aus Touristik und Wirtschaft der Stadt sowie Befragungen von potenziellen
Mietern (Unternehmen) sowie Einheimischen und Gästen. Die Experten sehen das
Jadezentrum als „schwierigstes Objekt in Wilhelmshaven“, und auch für
Betriebe und BürgerInnen ist das negative Image des Komplexes das zentrale
Problem. Wenig attraktiv ist auch die Lage an der stark befahrenen Kreuzung
Peter-/Grenzstraße, damit verbunden die schwierige Zufahrt für Fahrzeuge und
eine kaum einladende Eingangssituation.
Von 200 befragten Unternehmen waren nur 12 motiviert, sich überhaupt zu äußern.
Von diesen war niemand bereit, den bisherigen Standort für Räumlichkeiten im
Jadezentrum aufzugeben, trotz der Ansicht, dass es mit der Stadt wirtschaftlich
bergauf geht.
Nutzung als Markthalle ...
Die ggh stellt
verschiedene Beispiele für gut frequentierte Markthallen in Deutschland vor.
Diese sind allerdings, im Unterschied zum Jadezentrum, architektonisch sehr
attraktiv. Die Gebäude der Markthallen in Stuttgart, Dresden und Chemnitz sind
sämtlichst Jugendstil- bzw. Gründerzeitbauten aus der Zeit der vorletzten
Jahrhundertwende, der 2005 eröffnete Bau in Pforzheim ist lichtdurchflutet und
mit einem riesigen Dachgarten versehen. Eine Konkurrenz zur bestehenden
Wochenmarktkultur in Wilhelmshaven ist nicht gewollt bzw. für eine Markthalle in
dieser Lage und diesem Bau kaum aussichtsreich.
... für Factory Outlet
Bundesweit gibt es
Zentren für den Fabrikverkauf (factory outlet) begehrter Markenartikel.
Beispielhaft wird im Gutachten das „Wertheim Village“ vorgestellt, das direkt an
der A3 liegt und architektonisch in anheimelndem Dorfcharakter gestaltet ist.
Auch für diese Nutzung fehlen dem Jadezentrum die Voraussetzungen.
... für Gesundheit, Spa und Wellness
Nach eigener
Aussage gehen fast 20% der 200 befragten Bürgerinnen bzw. Gäste regelmäßig in
ein Fitnesszentrum. Ältere Menschen („aktive Alte“) geben rein statistisch bis
zu 3000 Euro jährlich für ihre Gesundheit aus. Vor dem Hintergrund, dass der
Anteil älterer Menschen in unserer Stadt weiter wächst, hätten „Wellness“-Einrichtungen
im Jadezentrum theoretisch eine Zukunft. Die Befragten zeigten jedoch wenig
Interesse an neuen Angeboten an diesem Standort, d. h. wohl an
Standardeinrichtungen wie Apotheke oder Arztpraxis, aber weniger an Massage,
Beauty oder Wellness.
Shopping und Freizeit
70% der Befragten
würden neue Shopping- und Freizeitangebote im Jadezentrum begrüßen, sofern sie
im einfachen bis mittleren Qualitäts- und Preisniveau angesiedelt sind. Der
Kinobesuch steht bei den Befragten in Wilhelmshaven hoch im Kurs, und 29%
könnten sich ein neues Kino im Jadezentrum gut vorstellen. Beim Blick auf das
Kinozentrum an der Bahnhofstraße hat man jedoch den Eindruck, dass der Betrieb
dort schon stark rationalisiert wurde. Bundesweit leiden Filmtheater unter dem
boomenden Heimkinomarkt und Filmpiraterie. So ist fraglich, ob ein
Kinounternehmen das Risiko einer Neuinvestition im Jadezentrum eingehen würde.
Als weitere Freizeitangebote wurden Billard, Bowling, Internetcafé und
Spielhalle genannt; Anspruchsvolleres wie Theater, Konzerte oder Musicals wurden
nicht angesprochen.
Hotelangebote unzureichend
Das Gutachten geht dann
den Veranstaltungen auf den Grund, die vorab als zukunftsfähiges Kerngeschäft in
der Stadthalle und den Nebenräumen prognostiziert wurden: Kongresse,
Ausstellungen, Messen. Als Beispiele werden Stadt- bzw. Kongresshallen in
Augsburg, Bielefeld, Chemnitz, Neu-Ulm und Würzburg benannt. Dabei wird vor
allem auf das hochpreisige Segment abgehoben, z. B. Ärztekongresse, verbunden
mit First-Class-Hotels in direkter Anbindung zum Tagungszentrum. Dies ist beim
Jadezentrum nicht der Fall. Zudem fehlen, stellt die ggh fest, in Wilhelmshaven
5-Sterne-Hotels. „… die aktuelle Angebotssituation im Beherbergungsbereich“
ist laut ggh „für die zukünftige Entwicklung im
Veranstaltungsmarkt quantitativ und qualitativ als unzureichend anzusehen …
Dieses Defizit wird auch nach der Realisierung des geplanten Holiday Inn Hotels
nicht ausgefüllt sein.“
Als
konkurrierende Tagungszentren vor Ort werden das Gorch-Fock-Haus und das
Pumpwerk genannt, die ebenfalls mehrere Hundert Sitzplätze bieten, sowie einige
größere Hotels. Eine genaue Analyse, was TeilnehmerInnen von Tagungen etc.
verschiedenster Art vom Standort erwarten, fehlt allerdings. So ist die
ermittelte Zahl der Parkplätze möglicherweise weniger relevant als die Anbindung
an den überregionalen Zugverkehr. Moderne Geschäftsreisende fahren nicht
unbedingt im Auto vor, sondern sitzen entspannt im Zug, wo sie nebenbei arbeiten
bzw. sich auf die Tagung vorbereiten können. Zwar hat Wilhelmshaven regelmäßige
Verbindungen zur Außenwelt, es gibt jedoch keinen direkten IC-oder gar
ICE-Anschluss wie z. B. bei der Stadthalle Bielefeld. Dafür liegt unser Bahnhof
schön zentral zwischen Stadtmitte und Meer, was man entsprechend vermarkten
sollte.
Auch das Umfeld trägt neben einem ansprechenden Gebäude zu einer attraktiven
Tagungsatmosphäre bei. Nach Stunden trockener Themen in trockener Luft tut ein
Spaziergang im Grünen in der Kaffee- oder Mittagspause gut. Auch beim Weg
zwischen Tagungsstätte und Hotel bzw. Bahnhof sind plusminus 100 Meter weniger
wichtig als die Art, ihn zurückzulegen. Natürlich hat jedes Klientel andere
Ansprüche – vielleicht sollte man für Wilhelmshaven nicht ausschließlich Ärzte
und Spitzenmanager ins Auge fassen, sondern kleinere Brötchen backen. Doch auch
unter Berücksichtigung aller genannten Rahmenbedingungen hat die Stadthalle
einen schweren Stand.
Sind die von ggh und Stadt
erwarteten 300 Tagungsveranstaltungen jährlich im Jadezentrum realistisch? Im
Eröffnungsjahr 1979 kam die Stadthalle auf 159 Veranstaltungen an 326
Veranstaltungstagen mit 146.000 Besuchern, mit einer Steigerung im Folgejahr. Ab
dann fielen die Zahlen - nicht linear, aber signifikant - nach unten ab. 1986
war noch mal ein Rekordjahr mit 186 Veranstaltungen. Ab Mitte der 90er Jahre
pendelte sich die Zahl der Veranstaltungen im zweistelligen Bereich ein, auch
die „Expo am Meer“ im Jahr 2000 brachte nicht den Durchbruch. 2004 waren es
schließlich nur noch 44 Veranstaltungen mit knapp 38.000 BesucherInnen. Der
Nutzen für Hotellerie, Gastronomie und Handel steigt natürlich mit der Dauer der
Veranstaltungen – wenn An- und Abreise am gleichen Tag erfolgen, bleibt nicht so
viel hängen.
Als eine Möglichkeit, die auch eine breitere Zielgruppe anspricht, werden
regionale Messen genannt, wie sie bundesweit auch in kleineren Städten zu
Hunderten stattfinden. Naheliegend erscheint der Vorschlag, eine Messe mit
maritimen Themen zu etablieren (unser Ideenbeitrag: „Maritima Wilhelmshaven“ mit
Infos zu Wassersport/-tourismus, Schiffszubehör, Präsentation von Werften,
Liegeplätzen etc). Einen Versuch ist es allemal wert.
Spannend wird die Aufgabe, die unterschiedlichen Erwartungen einer wenig
betuchten bzw. bescheidenen lokalen Bevölkerung mit denen eines
anspruchsvolleren Tagungs- und Veranstaltungspublikums unter einen Hut zu
kriegen. Solarien und Spielhallen würden laut Umfrage Ersteren entgegenkommen,
bei auswärtigen Gästen aber vermutlich einen „billigen“ Eindruck erwecken. Hier
wird man glasklare Entscheidungen in einer Richtung fällen müssen.
Unterm Strich werden neben den skizzierten Veranstaltungen den Sparten
„Fachhandel“ sowie „Gesundheit & Spa“ hohe Chancen in einem zukünftigen
Nutzungskonzept eingeräumt, während eine Markthalle oder der Einzelhandelsmix
keinen Erfolg versprechen.
Marketing mangelhaft
„Die Analyse des
Veranstaltungsaufkommens in der Stadthalle macht deutlich, dass die Zahl der
Veranstaltungen und die der Besucher von einem in den Anfangsjahren hohen Niveau
kontinuierlich zurückging. Dies gilt sowohl für den Tagungs- und Kongressmarkt,
der sich in der gleichen Zeit in der gesamten Bundesrepublik mit hohen
Zuwachsraten zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Städte und Gemeinden
entwickelte. Dies gilt aber auch für den Bereich der Kultur- und
gesellschaftlichen Veranstaltungen, die in Wilhelmshaven ständig an Bedeutung
verloren. Die Gründe für diese Negativentwicklung … können nicht allein der
mangelnden Attraktivität und Anziehungskraft des Jade-Zentrums zugeschrieben
werden. Zahlreiche Stadthallen und Veranstaltungszentren mit weniger
ansprechender Hülle verbuchten deutschlandweit durchaus Zuwachsraten. Der
Hauptgrund für die Entwicklung in Wilhelmshaven liegt vielmehr in der mangelnden
Vermarktung des touristischen Standortes insgesamt und in einer äußerst
zurückhaltenden Akquisition im Veranstaltungsmarkt.“
(ggh-Konzept Teil II S. 10-11). Neben baulichen Veränderungen ist also ein
Marketingkonzept das Kernstück einer erfolgreichen Zukunft für das Jadezentrum.
Unverständlich
bleibt, warum dieses Gutachten bzw. die daran Beteiligten so lange in der
Schublade gehalten werden. Zwar legt die ggh offen, dass die Probleme zum Teil
hausgemacht sind. Doch in der Schelte für hiesige Marketing-Verantwortliche
liegen gleichzeitig Chancen, es zukünftig besser zu machen. Vor allem zeigen die
Verantwortlichen der Stadt, die entgegen anders lautender Behauptungen durchaus
am vorgestellten Nutzungskonzept beteiligt sind, dass sie das Problemkind
Jadezentrum nicht aussitzen, sondern anpacken wollen. Dafür hätten sie unter
anderen Umständen eigentlich ein Lob verdient.
Gegenwind 224 - Januar/Februar 2007
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