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Gegenwind 224 - Januar / Februar 2007
Haisteak an Nadelstreifen
Landesbühne serviert appetitliche
Dreigroschenoper
(iz) Die „Dreigroschenoper“ ist immer noch das
meistgespielte Stück an deutschen Bühnen. Gar nicht so leicht, es immer wieder
neu zu erfinden. Reinhard Friese schaffte es in seiner 25. und (vorerst) letzten
Inszenierung mit starken, plakativen Bildern. Sympathisch sind auch sozial- und
umweltorientierte Sonderaktionen der Landesbühne.
Die (Nicht-)Farben
Schwarz und Weiß dominierten Bühne, Kostüme und Beleuchtung, mal als Fläche, mal
als Streifen, mal als Bordüre. Langeweile kam dadurch nicht auf. Mit den
Kostümen wurde eine eigene, geradezu schicke Kollektion geschaffen
(Nadelstreifen und Häftlingskleidung liegen auch im richtigen Leben oft dicht
beieinander …), die Schwarz-Weiß-Malerei erlaubte es, mit der Farbe Rot
deutliche Akzente zu setzen, wie „der rote Mond von Soho“ oder die Lippen von
Revolver-Jenny. Vorbild war möglicherweise das Mädchen mit dem roten Mantel in
Steven Spielbergs monochromem Film „Schindlers Liste“. Womit wir, beim Vergleich
mit diesem ernsten Film, bei der Frage wären: Wie ernst soll sich die
Dreigroschenoper nehmen? Sowohl die Landesbühne als auch zahlreiche
ZuschauerInnen, die sich in Leserbriefen an die WZ zu Wort meldeten, sind der
Ansicht, dass diese sozialkritische Oper unterhaltsam und komisch sein darf. Dem
Kollegen aus der WZ-Kulturredaktion hingegen war der Spaßfaktor in dieser
Inszenierung zu dominant, aber nun - die Geschmäcker sind verschieden.
Der Brechtsche Plot ist so stark verkürzt angelegt, dass eine Comic-hafte
Umsetzung naheliegt. Die märchenhafte Wendung im Finale, als „des Königs
reitender Bote“ das Happy End einläutet, ist auch nicht Frieses Erfindung. Und
wenn schon Brecht in der Uraufführung Probleme damit hatte, ein echtes Pferd auf
die Bühne zu bringen, so ist es legitim, wenn Friese den Retter auf einem
Steckenpferd daherkommen lässt.
Wenn
der feine Ganove Mackie Messer in einem leeren Stall Hochzeit feiert, ist es nur
recht und billig (!), auch sonst zu Improvisationen zu greifen, die freilich
komisch wirken und das auch sollen und dürfen – sei es die Glühbirne, die den
aufgehenden Mond symbolisiert, oder die mit Kreide rasch aufgemalten
Kleiderhaken und Fenster an der Rückwand. Besser: Trennwand, denn als
Spielfläche dient die gute alte, hier zweigeteilte Drehbühne. Ergänzend zu den
Farben unterstreicht sie den plakativen, pointierten und polarisierenden Tenor
der Inszenierung. Aus Platzgründen wurde das Liveorchester aufs Dach der Bühne
verbannt; die damit verbundenen Probleme bei der Verständigung zwischen
Darstellern und Musikern wurden auch mal aktiv in den Ablauf eingebaut.
Herausragend waren die Gesangsdarbietungen der DarstellerInnen. Auch da schieden
sich die Geister: In der Regel verbindet man die Brecht/Weillschen Songs mit
rauen, schrägen Tönen und nicht mit glockenhellen Operettenstimmen. Doch warum
soll unser hiesiges Ensemble nicht zeigen, was es auch gesanglich kann? Zudem
sind die Texte bei sauberer Darbietung besser zu verstehen. Und zu der
scharfkantigen Umsetzung passt es durchaus, eine schmutzige Geschichte mit
schönem Gesang zu erzählen. Auch die Bilder setzen sehr auf Ästhetik, doch
selbst mit geputzten Zähnen wirkt ein Haifisch noch lange nicht aalglatt. So
viele Ecken und Kanten hat Frieses Dreigroschenoper, dass sie in ihrer eigenen
Geometrie eine runde Sache ergibt.
Sonderaktion für Ehrenamtliche
Die Landesbühne bietet eine Sonderaktion für alle
EhrenamtsCard-Besitzer, um das Ehrenamt zu fördern und sich bei allen für ihr
Engagement zu bedanken. Statt der üblichen 20 %-Ermäßigung können sich
Ehrenamtliche bis Ende Februar für nur 5 Euro DIE DREIGROSCHENOPER ansehen. An
drei Terminen steht Brechts Ganovenstück mit der Musik von Kurt Weill im
Stadttheater auf dem Programm: Mittwoch, 31. Januar und Freitag, 23. Februar,
Vorstellungsbeginn jeweils um 20 Uhr, sowie Sonntag, 4. Februar, um 15:30 Uhr.
Das Angebot gilt, solange der Vorrat reicht. Die vergünstigte Eintrittskarte
gibt es - nach Vorlage der EhrenamtsCard - im Service-Center der Landesbühne
(Tel. 04421/9401-15, Virchowstr. 44).
Entspannt und umweltfreundlich ins Theater
Die Landesbühne bietet für die
DREIGROSCHENOPER-Vorstellung am Sonntag, dem 4. Februar (Beginn 15 Uhr 30)
zusammen mit der NordWestBahn ein Kombiticket an. Damit kommen Theaterfreunde
von allen Bahnhöfen ab Oldenburg und Esens bequem mit dem Zug nach
Wilhelmshaven. Das Kombiticket kostet zwischen 12 und 16 Euro (ermäßigt 9 bis 11
Euro). Im Preis enthalten ist die Hin- und Rückfahrt mit der NordWestBahn sowie
der Eintritt zur DREIGROSCHENOPER. Die Tickets sind ausschließlich über die
Homepage der NordWestBahn (www.nordwestbahn.de) zu beziehen und können dort
direkt ausgedruckt werden.

Schlicktown für Anfänger
oder die Frage nach Theater
Als ich in diese Stadt zog - und nach wie vor ist
mir unklar, wie mir das passieren konnte - war mir nicht bewusst, dass es
hier ein Theater geben könnte.
Ich hatte Ihnen ja nun in der zweihundertzweiundzwanzigsten Ausgabe dieser
Publikation versprochen, dass ich mich bei Ihnen noch einmal melden würde
und wollte nun also sehen, ob man nun auch ungefähr das gedruckt hat, was
ich geschrieben hatte. Zu meiner Verblüffung fand ich nicht nur meinen
kompletten Text abgedruckt, sondern auch eine Theaterkritik, was mich zu der
Annahme führte, dass es hier eben sehr wohl ein Theater geben muss. Ich habe
mir sofort einen Spielplan kommen lassen und lese in diesem nun Folgendes:
"Februar". Und darunter: "07", was wohl das Jahr angeben soll.
Darunter wiederum zwei Spalten: Die eine "Wilhelmshaven", die andere
"Spielgebiet". In der Mitte der Spalten das Datum: Donnerstag 01.
Unter "Spielgebiet" finde ich hier den Hinweis, dass ich in Norden in der
Realschule um 20 Uhr "Der Gefangene der Second Avenue" sehen kann.
Unter "Wilhelmshaven" lese ich "Stadttheater / 21.00 Uhr / freier Verkauf",
dann "Roter Salon" (und denke, das kann ja nur was Schweinisches sein) und
dann "Wilhelmshaven und Schönheit" und da denke ich, dass ich mich wohl
verlesen habe. Ich lese es noch einmal und bin begeistert! Mein Thema! Mein
Theater! Mein Wilhelmshaven! Da geh’ ich hin!
Obwohl? Ich finde ja, dass es sich thematisch fast gleich bleibt, ob ich nun
nach Norden fahre oder in Wilhelmshaven bleibe. Denn wo ist schon der
Unterschiede zwischen "Der Gefangene der Second Avenue" und "Schönheit und
Wilhelmshaven"?
Nun gut, ich gehe nun also zum "Roten Salon", auch wenn ich noch ein wenig
Sorge habe, dass dahinter ein Swingerclub stecken könnte, der sich in diesem
Theater eingemietet hat; denn hinter dem Titel "Wilhelmshaven und Schönheit"
könnte sich ja noch so manches verbergen, aber wer nichts wagt, der nicht
gewinnt, und der Spielplan macht mir sonst einen eher seriösen Eindruck.
Wie es mit meiner Umfrage weitergeht? Weder statistisches Bundesamt noch
Reuters wollten hierzu eine Aussage zu Wilhelmshaven und Schönheit machen.
Aber ich bin sicher, dass ich da für Sie noch etwas in Erfahrung bringen
werde. Am 1.2. um 21 Uhr gehe ich nun aber zum ersten Mal seit Jahren wieder
ins Theater - wenn ich mich traue.
Ich empfehle mich.
Sultan Hasselbäck
Gegenwind 224 - Januar/Februar 2007
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