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Gegenwind 210 - August 2005 Rückschau:
Gibt’s was zu meckern? Nicht wirklich. Man hat gelernt damit zu leben, dass angesichts leerer Kassen das Programm deutlich abgespeckt ist. Die Veranstalter können sich die Gagen ja nicht aus den Rippen schneiden. Es gab schon Zeiten, da spielte ständig an jeder Ecke eine andere Band, so dass man die Qual der Wahl hatte oder auf dem Riesenareal hin und her flitzen musste, um von allem was mitzukriegen. Weniger kann also auch beim WadJ mehr sein. Wo war Frankreich?
Bontekai
Litt die Bühne beim Oceanis
bzw. die dort agierenden KünstlerInnen in den vergangenen Jahren darunter, durch
die Reihe der Speisen- und Getränkestände vom flanierenden Publikum
abgeschnitten zu sein, so verschwand sie dieses Jahr gar in einem bayerischen
Bierzelt. Was dem Wirt nicht zu verdenken ist, denn angesichts der hiesigen
Wetterlage sind open-air-Angebote immer risikobehaftet. Südstrand in Flammen Als deutliches Plus bewerteten viele, dass die Südstrandbühne statt oben auf dem beengten gepflasterten Parkplatz wieder unten am Deich beim ehemaligen Planschbecken stand. Eine Super-Natur-Tribüne, auf der alle Platz finden und etwas sehen können, ob stehend oder tanzend, auf Bierzelt-Garnituren, oben auf der Mauer oder gemütlich auf dem Rasen hingelümmelt, dazu mit guter Akustik und stimmungsvollem Seeblick. Die dort aktiven (und im Ergebnis zufriedenen) Wirte unterstützten mit ihrer Idee, „brennende“ Ölfässer aufzustellen, das besondere Ambiente. Da ließ sich auch das Phytoplankton im Jadebusen nicht lumpen und setzte mit romantischem Meeresleuchten noch eins oben drauf. Ein besonderer Publikumsmagnet war die Krautrock-Legende Birth Control. Von der ursprünglichen Besetzung ist zwar nur noch Sänger und Schlagzeuger Bernd „Nossy“ Noske dabei, der schon im Gründungsjahr 1968 als Ersatz für Hugo Egon Balder einstieg und nächstes Jahr seinen 60. Geburtstag feiert. Seine jetzigen Mitspieler lagen damals noch in den Windeln, aber das bringt frischen Wind in die Sache und ließ gar nicht erst die Erwartung – oder besser Befürchtung – aufkommen, das Ganze könne einer der oft peinlich missglückten Versuche einer Rock-Rentner-Band werden, eine Kopie ihrer damaligen Jugend zu inszenieren. Zwar fielen die Soli des bemerkenswerten Gitarristen Peter Engelhardt hier und da zu lang aus und Nossis Einlagen an der Schießbude zu kurz, aber unterm Strich weckten Musik und Atmosphäre die Sehnsucht nach MEHR – einem Extra-Open-Air an diesem besonderen Ort. Und Gerüchten zufolge macht sich die WTF genau darüber schon konstruktive Gedanken ... Pumpwerk Die WaDJ-Veranstaltungen rings um das
Pumpwerk sind nach einigen kränkelnden Jahren wieder der Renner geworden. Die
zwischenzeitlich mal aus Geldnot rekrutierte dümmlich-kommerzielle „RTL-Toggo-Tour“
ist wohl endgültig des Platzes verwiesen. Im „Hexendorf“ haust zwar auch eine
kommerziell arbeitende Truppe, aber das ist bunt, handgemacht, kreativ und
vielseitig und zudem von lokalen Beiträgen wie z.B. Darbietungen der hiesigen
Bauchtanzschule durchdrungen. Einziger Flop: Die Musiker von „Osiris
Taurus“ trafen am Samstagabend weder einen Ton noch den Geschmack des Publikums,
so dass zuerst letzteres und dann, auf Geheiß des Veranstalters, auch die Band
das Gelände verließ. Marine Das Angebot der blauen Jungs und Mädels auf dem Arsenal, ergänzt durch Polizei und lokale Vereine, wird von Jahr zu Jahr umfangreicher und spricht weiterhin vor allem Familien mit Kindern an. Über den mehr als fragwürdigen pädagogischen Wert der Präsentation Tod bringender Waffen, an denen die Kurzen auch herumspielen dürfen, haben wir uns in der Vergangenheit mehrfach ausgelassen. Es bleibt Sache der Eltern, die entsprechenden Hallen zu meiden und auf gewaltfreie, kreativ und liebevoll gestaltete Alternativen auszuweichen, wie z. B. den Geschicklichkeitsparcours mit Schiffchenrennen, Ball-Zielwerfen und anderen Übungen. Nebenan durfte man Marinetaucher mit „Wasserbomben“ ins trübe Nass des Arsenalhafens schicken. Kultstatus besitzen die Aufführungen der Verkehrs-Puppenspielerbühnen aus ganz Deutschland. Familienfreundlich sind trotz leichter Anhebungen auch die Preise für Speisen und Getränke und das Platzangebot. Im Unterschied zum Gedränge rund um den Großen Hafen kommt man hier mit den Kleinsten im Kinderwagen oder an der Hand entspannt voran. Und wenn man dann einen vielfältigen und preisgünstigen Nachmittag bei der Marine verbracht hat, ist die Aufnahmekapazität eigentlich erschöpft. Soll heißen: Das Programm der Marine ist mittlerweile so zu einer eigenständigen Großveranstaltung geworden, dass sie möglicherweise dem Zentrum des Geschehens an Bontekai und Südstrand das Wasser abgräbt. Die dortigen Gastronomen könnten ins Grübeln kommen, welche Verluste ihnen die aus öffentlichen Mitteln gestützte Konkurrenz am Arsenal beschert und was nötig ist, damit sie ihre Standgebühren wieder einfahren. Krönender Abschluss Wie immer hatte das zum WadJ gewohnte eher feucht-kühle Wetter am Sonntagabend ein Einsehen und ließ das Höhenfeuerwerk in einen ungetrübten Himmel steigen. Sternenbomben in rot, weiß und blau ließen noch einmal das Motto „Frankreich zu Gast“ aufflackern, ehe es richtig zur Sache ging. „Da geht mein Taschengeld für die nächsten 50 Jahre in Rauch auf“ bemerkte trocken ein Teenager – was ihre Begeisterung für dieses immer wieder neu und spannend choreografierte Abschlussspektakel nicht wirklich trübte. Die Feuerwerksknete alternativ mal karitativen Zwecken zukommen zu lassen, stand leider noch nie öffentlich zur Debatte – aber wenn schon verballern, dann professionell. Und das kriegen sie jedes Jahr wieder hin. Imke Zwoch Gegenwind 210 - August 2005
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