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Gegenwind 197 - April 2004 Wem das Herz voll ist... Der Gegenwind sprach mit Rolf Rütters, dem ehemaligen CDU-Kommunalpolitiker Ein Gespräch über sein politisches Wirken, über seine Siege und Niederlagen, über seine Widersacher, über sein Engagement für „seine“ Voslapper Siedler, über den „Club zu Wilhelmshaven“ und andere Vereine und seine jetzige Tätigkeit als Pensionär (ef/noa) „Diesmal nehme ich nichts zurück“, versprach uns hoch und heilig Rolf Rütters, der Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre wohl zu den bekanntesten Kommunalpolitikern der CDU in Wilhelmshaven zählte. Mit seinem Versprechen, nichts zurückzunehmen, bezog er auf eine Erfahrung, die der GEGENWIND mit ihm vor vielen Jahren gemacht hatte. „hh“ und „noa“ hatten ein tolles Interview mit ihm geführt,
es ihm vor Abdruck fairerweise geschickt - und ein von ihm überarbeitetes,
total neues „Interview“ zurückbekommen, das „besser in ein CDU-Flugblatt oder in
die WZ“ gepasst hätte als in den GEGENWIND, wie wir damals schrieben (sh. „Kalte
Füße!“ in unserer Ausgabe 89 vom November 1989). Wir „bestraften“ ihn damals mit
dieser Karikatur: Gegenwind: Sie machen jetzt in Immobilien. Das ist die einzige Gelegenheit, Sie mal wieder in der Zeitung zu sehen – im Unterschied zu früher.. Rütters: Früher war das jede Woche, ne? Da war ich mit jedem Scheiß im Blatt, ob Kaninchen, Tauben oder Hühner, und meine damalige Popularität verhalf mir zu einem neuen Job. Oft höre ich: „Wir sind zwar SPD-Wähler, aber nur Sie dürfen unser Haus verkaufen.“ Weil ich damals so kerzengerade rausgegangen bin. Ich hätte ja dabeibleiben können, z.B. im Verwaltungsrat der Sparkasse... das sind ja die höchsten kommunalpolitischen Weihen, die man überhaupt bekommen kann. Wieso „höchste kommunalpolitische Weihen“? Ja. Ich weiß nicht, wie viel man heute bekommt, aber damals – ich bin ja bis 1991 dringewesen – kriegten Sie 200 DM für jede Sitzung, einmal im Monat oder auch mehr, und dann gibt es eine schöne Reise jedes Jahr und ein attraktives Weihnachtsgeschenk – solche Posten sind schon interessant. Alle geiern auf Aufsichtsratsposten in der GEW, bei der Sparkasse, jetzt bei der Hafenwirtschaftsvereinigung. Ja, und ich habe damals gesagt: „Liebe Freunde, ich habe das zweitbeste Ergebnis bei der Kommunalwahl gehabt“ – die Zeitung schrieb: „Menzel vorn und dann schon Rolf Rütters“, und ich war da nur etwa 500 von weg... ... Sie bekamen sogar mehr Stimmen als ihr politischer Gegner Adam... Das ist richtig. Und die Wahlkreise waren ja neu
zugeschnitten worden, Rüstersiel war ja dazugekommen. Es war nicht nur Voslapp,
wo man sagen konnte, dass ich ja ein altes Voslapper Gewächs bin... Das war ja
das ganze Theater mit der OB-Kandidatur, als sie mich das erste Mal angeschissen
haben. Als Maaß gesagt hat: Die Partei hat kein Vertrauen mehr zu dir.
Angeblich, weil ich im Osten eingesetzt war. Damals hat mir die Dienststelle
jede Freiheit gelassen, damit ich den Wahlkampf führen konnte, aber als
ausgebildeter Sprengmeister und Feuerwerker bin ich natürlich hingegangen, wo da
so viel Munition rumlag. Das war 1990? Ja, 1990. Und 1991 war ja die Kommunalwahl, bei der ich
gleich hinter Menzel lag. Für die CDU war es schlecht, aber für mich persönlich
war es gut. Ja, und dann habe ich gesagt: Ich habe hier die meisten Stimmen, und
jetzt sage ich, wo es längs geht. Da löste ich erst einmal Biester im
Verwaltungsrat der Sparkasse ab. Es gab ziemlich viel Theater in der CDU. Und da
wurde ich gerade pensioniert und überlegte, was ich jetzt machen sollte. Bevor
ich mich zur Kandidatur für den Landtag entschloss, habe ich erst mal viele
Leute gefragt, die mir alle zugeraten haben. Ja, dann habe ich meinen Hut in den
Ring geworfen. Erich Maaß hat damals zu mir gesagt: „Kandidiere nicht bei den
Friesen, lass die Inse-Marie Ortgies zufrieden.“ Dann musste ich im Wahlbereich
100 kandidieren. Hier im Norden hätte ich Biester weggefegt wie ein Orkan, aber
so musste ich gegen das ganze Establishment von der CDU antreten. Dass das
klappen würde, hätte ich nie geglaubt. Mit einer Stimme Mehrheit! Das war doch auch Ihre Erfindung? Ja klar, das und alles, was in Voslapp lief. Man nannte mich damals den „heimlichen Bürgermeister von Voslapp“, das ist ja so, wenn man sich wirklich kümmert. Da steht der Mast schief, da ist der Graben, die Frau ist im Krankenhaus – ich habe das ja alles ernst genommen, und das hat mir auch Spaß gemacht! Ja, Erich Maaß konnte am 11. Dezember angeblich nicht nach
Hannover; Axel Homann und Jochen Ender waren als Delegierte dort. Wilhelmshaven
hatte auf der CDU-Landesliste immer einen schlechten Platz, und ich dachte, wenn
sie fair sind, bekomme ich Platz 29. Denken Sie, Sie hätten bei der SPD mehr erreicht? Wenn ich von Anfang an ein anderes Blatt gespielt hätte,
wäre ich besser dran gewesen. Mein Bruder hat damals einen Tanz mit mir gemacht.
„Rolf“, hat er gesagt, „hast du vergessen, aus welchem Stall wir kommen? Wie
konntest du nur zur CDU gehen?“ Er war in der SPD, aber die Verteidigungspolitik
der SPD und ihre Einstellung zur Bundeswehr haben mir nicht gefallen. Und ich
wollte nicht rumheucheln. Für die CDU hätte ich gut arbeiten können, aber die
wollten mich ja offenbar nicht haben. Davon hat die CDU Wilhelmshaven sich bis
heute nicht erholt. Sie hat weit über 200 Mitglieder verloren. Mit mir zusammen
sind Leute ausgetreten, die über 40 Jahre lang in der CDU gewesen waren. Das
waren meine Freunde. Ich hatte mindestens 100 Leute für die CDU geholt, aber die
über 200, die mit mir gingen, das war ein Aderlass. Und es gab einen
„Neubeginn“, der keiner war. Und was machen Sie jetzt? Zunächst mal bekam ich ein paar Angebote, die ich ausschlug, aber dann stieg ich bei einem Immobilienmakler ein und wechselte nach einiger Zeit zu Herz-Immobilien. Ich habe im Siedlerbund weitergemacht als Festleiter. Das habe ich 1998 beendet. Ich dachte mir, das Fest zu „60 Jahre Siedlung Vorlapp“ ziehe ich noch groß durch mit Feuerwerk und allem Drum und Dran. Sie waren bis vor kurzem auch Präsident des „Club zu Wilhelmshaven“. Welche Aufgabe hat sich dieser Club gestellt? Er versteht sich als Bindeglied zwischen Verwaltung und Politik. Wir fassen auch Themen an, von denen andere die Finger lassen. So hatten wir mal eine gute Veranstaltung über Scientology. Der Club ist eine Männerdomäne. Frauen werden nicht aufgenommen. Warum? Das wollen wir halt so. Wir machen dann Herrenabend, da
können sich alle mal richtig besaufen. Haben Sie sonst noch Funktionen? Ich bin noch Vorsitzender der Brieftaubeneinsatzstelle
Nord. Ich habe 1975/76 Brieftauben gezüchtet. Da wollten wir damals unbedingt
ein Grundstück haben. Die Brieftaubenvereinigung Wilhelmshaven/Friesland habe
ich mal 13 Jahre lang geleitet, da habe ich 27 Brieftaubenvereine von Varel bis
zur Küste unter einem Hut gehabt. Und hier ist die Einsatzstelle Nord, das sind
drei Vereine. Das wird man sehen! Und Engagement ist wichtig. Mein Engagement hat sich für mich ausgezahlt. In der kommunalpolitischen Arbeit bin ich ja nicht dümmer geworden. Man macht Erfahrungen und lernt dazu. Und es hat mir den Weg geebnet, nach meiner Pensionierung als Immobilienmakler zu arbeiten, hat sich also auch wirtschaftlich bezahlt gemacht. Vielen Dank für das Gespräch. Gegenwind 197 - April 2004 Wollen Sie über diesen Beitrag diskutieren? Hier klicken: Diskussionsforum Vorherige Seite Titelseite Nächste Seite
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