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Gegenwind 189 -April 2003
So’n Dörnanner!
Die Reform der Reform oder: Schulpolitische
Wirren
(noa) Jens ist 12 und besucht die 6. Klasse
einer Wilhelmshavener Orientierungsstufe. Er möchte gern anschließend zur
Realschule. Als er zur Schuljahrsmitte eine Hauptschulempfehlung bekommen hat,
fand er das noch nicht beunruhigend. Damals galt noch der Elternwille bezüglich
der Schullaufbahn der Kinder, und Jens’ Eltern sind mit seinen Wünschen
einverstanden.
Mittlerweile ist das alles nicht mehr so klar. Schon vor
der Landtagswahl trat in Wilhelmshaven der (damals noch designierte, jetzt
amtierende) Kultusminister Busemann auf und kündigte u.a. die Abschaffung der
Schullaufbahnentscheidung der Eltern nach Klasse 6 an.
Kinder, die derzeit die 6. Klasse besuchen, konnten noch hoffen, dass es nicht
so schnell gehen wird mit dem, was die CDU „Schulreform“ nennt, was Werner
Meier in einem Leserbrief an die „WZ“, abgedruckt am 12. Februar, jedoch als
„Griff in die schulpolitische Motten- und Gruselkiste“ bezeichnet. Dann aber
stand am nächsten Tag auf Seite 1: „Eltern-Unmut wächst: Schul-Reform
sofort“. Schon vor ihrem Amtsantritt verkündete die bei der Landtagswahl
siegreiche CDU, viele Eltern wünschten sich sofort den direkten Einstieg in das
gegliederte Schulsystem, und deswegen wolle man schnell machen und schon zum
Beginn des kommenden Schuljahrs alles gebacken haben.
Schlechte Nachrichten für Jens! Würde das heißen, dass er nicht, wie gewünscht,
die Realschule besuchen darf? Kurz danach kam eine Entwarnung: Die Schulreform könne
erst zum Sommer 2004 greifen, ließ die mittlerweile ins Amt eingeführte
Landesregierung verlauten.
Seine Eltern wollen ihn auch zur Realschule
schicken. Wenn das so schnell wie von Busemann angekündigt gegangen wäre, dann
hätten sie Mark einfach anmelden können. Nun kommt die Schulreform aber doch
nicht so schnell. Was wird nun? Die Orientierungsstufe hatte die vorige
Landesregierung ja kurz vor ihrer Abwahl schon abgeschafft und dafür die Förderstufe
beschlossen, aber eingeführt ist die noch nicht.
Nach Busemann hätte es sich bei der Förderstufe sowieso nur um „neue Türschilder“
gehandelt. Geplant war ja die Förderstufe angegliedert an Hauptschulen,
Realschulen und Gymnasien, aber mit gleichem Lehrplan, so dass mit dem Besuch
der 5. und 6. Klasse einer der weiterführenden Schulen noch nicht festgelegt
gewesen wäre, dass diese Schule auch ab Klasse 7. besucht würde. Die Förderstufe
ist zwar im Moment noch (bis zur Verabschiedung des CDU-Schulgesetzes)
gesetzlich vorgesehen, wird aber nie entstehen. Und da die Schulreform erst 2004
in Kraft treten kann, müsste ja eigentlich die Orientierungsstufe ein Jahr länger
bestehen, wenn man nicht doch die Förderstufe einführen will, die man ja
bekanntlich nicht will. Wo sollen Marks Eltern ihren Sohn nun aber anmelden?
Am 11. März berichtete die „WZ“ auf ihrer Niedersachsen-Seite: „...
beginnen alle weiterführenden Schulen zum Schuljahresbeginn 2004 mit
schulformbezogenen Klassen fünf und sechs“. Im Sommer 2003 gibt es also noch
die Orientierungsstufe? Oder zwischenzeitlich doch die Förderstufe?
Während in Hannover die Landesregierung merkt, dass man nicht so schnell alles
umschmeißen kann (selbst nicht das, was es noch gar nicht gibt), prescht die
CDU in Wilhelmshaven vor. Am 20. März vermeldet die „WZ“ unter der Überschrift
„Vorrang für ‚Megathema’ Schule“ die Forderung der Wilhelmshavener
Christdemokraten, „dass die Stadt möglichst rasch die Hausaufgaben macht, um
die neue schulpolitische Linie des Landes, vor allem die Abschaffung der
Orientierungsstufe, unverzüglich umzusetzen“ (Hervorhebung durch uns) und
zitiert Uwe Biester mit den Worten: „Graul muss nicht bis Juno warten“, da
das Schulgesetz mit Sicherheit in der vorliegenden Form umgesetzt werde.
Vielleicht
weiß Herr Biester das schon so genau. Die betroffenen Kinder und Eltern wissen
momentan aber noch nichts. Und alle, die mit den Kindern und Eltern zu tun
haben, wissen, dass diese Ungewissheit ihnen nicht gut tut.
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Stichwort: Schulreform
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