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Gegenwind 189 -April 2003
Kein Blut für Öl
Proteste
gegen den Irak-Krieg auch in Wilhelmshaven
(ub/iz)
Der Krieg hat begonnen! In der Nacht zum 20. März haben US-amerikanische
Truppen in Koalition mit britischen Militärverbänden den Angriff auf den Irak
gestartet. Seitdem protestieren weltweit Millionen Menschen täglich gegen die
aggressive Interventionspolitik von Tony Blair und George Bush. Auch hier in
Wilhelmshaven hat sich die örtliche Friedensbewegung auf den „Tag X“
vorbereitet. Den Auftakt des Protestes gegen den Krieg im Irak bildeten jedoch
spontan organisierte Schülerdemonstrationen. Sehr zum Unmut einiger
Schulleiter, städtischer Bediensteter und anderer Würdenträger.
Ihr
seid antiamerikanisch“, wird uns immer wieder vorgeworfen. Dieser Vorwurf
trifft uns nicht. Wir wissen deutlich zu unterscheiden zwischen Amerika mit
seinen Menschen und der Politik, die von der jetzigen amerikanischen Regierung
gemacht wird. Geplant ist dieser Krieg von der amerikanischen Regierung schon
vor dem 11. September 2001. In seinem „Bericht zur Lage der Nation“
spricht Präsident George W. Bush am 29. Januar 2002 auch über seine Ziele im
„Krieg gegen den Terrorismus“. Zum Irak: „Es ist eine Regierung, die
Dinge vor der zivilisierten Welt zu verstecken hat“. Was würden
Waffeninspekteure alles finden, wenn sie den Auftrag hätten, in Amerika nach
atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen zu suchen?!
Stellen Sie sich bitte vor: Nach 1945, als der zweite Weltkrieg zu Ende
gegangen war, wäre der alliierte Bombenkrieg weitergegangen in unserem Land,
Tag für Tag. Und stellen Sie sich vor: Man hätte uns ein fast totales
Embargo auferlegt, man hätte uns 12 Jahre lang von allen lebenswichtigen
Zufuhren abgeschnitten. Genau das ist der Alltag des leidgeprüften Volkes im
Irak.
Krieg und Blockade haben den Irak, bis in die 80er Jahre hinein ein
wohlhabendes Land, von höchstem Bildungs- und Kulturstandard ausgezeichnet,
in unvorstellbare Armut gestürzt. Auffällig ist die Krebsrate angestiegen,
vor allem bei Kindern, eine Folge davon, dass die Amerikaner tonnenweise
uranhaltige Munition abgeworfen haben. ... Unter den Ausländern im Irak sind
auch viele amerikanische Bürger, um Solidarität zu bekunden und zu zeigen,
was auch auf den Demonstrationen in USA gesagt wurde: nicht in unserem Namen! Stop the war!
Helmut
Warntjen, Pastor
Für
den Fall dass die „Koalition der Willigen“ die „Achse des Bösen“
angreift, war unter Friedensbewegten verabredet, sich „spontan“ zu Protesten
vor der Nordseepassage zu treffen. Frei nach Wolfgang Borchert war der
Protestbeginn auf 18 Uhr am Tag des Kriegsbeginns festgelegt. An die 400
Menschen wurden gezählt, die dieser Flüsterbotschaft folgten. Nicht schlecht für
eine Stadt, in der diejenigen, die berufsbedingt dem Säbelrasseln näher
stehen, ganz wesentlich die öffentliche Meinung bilden, während der aktive
Kern der Friedensbewegung selten Wohngruppenstärke übersteigt.
Heute
Nacht hat der Krieg gegen den Irak begonnen. Es ist ein unbegründeter Krieg,
der auch keinen Frieden und keine Demokratie bringt, sonder nur noch mehr Leid
für die Bevölkerung des Irak... Wir können ihn nicht mehr verhindern.
Dennoch sollten vor allem wir als Jugend ein Zeichen setzen gegen Gewalt,
gegen Unrecht, gegen Kriegstreiberei. Jeder soll sehen, dass wir mit diesem
Krieg nicht einverstanden sind....
Stefan
Schimming, Jugendparlament
Anschließend
zog etwa die Hälfte der Versammelten in einem spontanen Demonstrationszug durch
die Markt- und Grenzstraße. Am Ende der Fußgängerzone ging es zwangsläufig
auf der Fahrbahn von Peter- und Virchowstraße zurück zum Ausgangspunkt. Erst
kurz vor der Virchowstraße stießen einige Polizeifahrzeuge zu den
Demonstrierenden. Ohne sich einzumischen, sicherten die Beamten die Kreuzungen.
Doch auch ohne ihr Eingreifen hätte keinerlei Gefahr bestanden, weil
Demonstranten und motorisierte Verkehrsteilnehmer rücksichtsvoll miteinander
umgingen. Busfahrer zuckelten geduldig hinter den Marschierenden her, bis sich
eine Gelegenheit zum Abbiegen bog. „Ich bin nicht sauer. Ist schon in Ordnung,
was ihr da macht,“ sagte einer auf unsere Frage nach seiner Befindlichkeit.
Ich
möchte heute einige Anregungen zum Nachdenken und zum Handeln geben, damit möglichst
viele von uns hier aus ihrer Resignation herauskommen...
Kriege gehören zum Kapitalismus, wie Erdbeben und Überschwemmungen zur
Natur... Wir können Bestrebungen unterstützen, die eine gerechtere
Weltordnung für alle Völker zum Ziel haben... Wir sollten internationale
Einrichtungen wie den Haager Gerichtshof unterstützen und auch die Leute von
Attac, die Globalisierungsgegner... Mit Amerika sollten wir es uns nicht zu
leicht machen. Dieses Land bringt immer wieder hervorragende kulturelle
Leistungen hervor... Amerika ist auch das Land der Menschenrechte, das Land,
das uns maßgeblich vom Nationalsozialismus befreit hat...
„Der Hauptfeind steht im eigenen Land“, hat Liebknecht gesagt. Für uns in
Wilhelmshaven könnte das heißen: Jegliches Militärgehabe bekämpfen, keine
Kinder mehr auf Kanonen und Torpedos reiten lassen...
Das alte imperiale Amerika trumpft noch einmal auf, aber die Welt wird sich
wehren, die Stunde Amerikas als Weltpolizist wird bald schlagen...
Johann Janssen, Arzt
Auffällig ist: Diese erste Kundgebung und Demonstration
gegen den Krieg im Irak wird hauptsächlich von jungen Menschen getragen. Schülerinnen
und Schüler sind an diesem ersten Protestabend deutlich in der Mehrheit. Ein
Vertreter des Jugendparlaments und ein Schüler der Hauptschule Heppens melden
sich auf der Auftaktkundgebung zu Wort. Wir dokumentieren nachstehend Auszüge
aus den Redebeiträgen dieser
Protestkundgebung.
Auffällig
ist aber auch, dass die gewählten Vertreter des Volkes durch Abwesenheit glänzen.
Kommunale Politiker z. B. von SPD, Grüne/Bündnis 90 und WALLI werden nicht
gesichtet. Auch sucht man vergeblich nach bekannten Gesichtern aus der
Gewerkschaft.
Noch
niemand hat uns richtig erklärt, warum dieser Krieg stattfinden soll...Warum
wird Saddam Hussein so in die Enge getrieben? ... Es gibt viele andere Länder,
die jedenfalls auch chemische und biologische Waffen besitzen. ... Und warum
darf ein einziger Mann (Bush) über Millionen Meinungen hinweg entscheiden?
Warum sollen wird denn nicht über Frieden und Krieg entscheiden dürfen?
... Wir sollten jetzt noch versuchen, den Krieg zu stoppen!!
Jasmin
Remmers, Hauptschule Heppens Klasse 8a
Bereits
am Vormittag hatten Schülerinnen und Schüler die ersten Aktionen gegen den
Krieg organisiert. Per Handy hatte man schulübergreifend Kontakt aufgenommen
und eine Demonstration organisiert. Unter dem Motto „Kein Blut für Öl“ und
„Stoppt den Krieg am Golf“ ließen sie Federtasche und Lineal links liegen
und zogen zum Rathaus, um lautstark zu protestieren. Zu laut und erst recht zu
spontan. Zumindest nach Ansicht einiger Schulleiter und städtischer
Bediensteter. Die WZ jedenfalls berichtet andern Tags, dass im Rathaus wegen des
Ansturms der protestierenden Schüler die „Mitarbeiter der Verwaltung...die Bürotüren
schützend verschließen“ mussten. Sogar Papierschnipsel sollen achtlos auf
dem Rathausplatz weggeworfen worden sein. Und überhaupt fand insbesondere auch
der Wilhelmshavener Verwaltungschef OB Menzel nach Informationen der
Wilhelmshavener Zeitung „wenig Gefallen am spontanen Protest“ (WZ vom
21.03.03). Statt mit den jungen Menschen über ihre Ängste zu sprechen, schloss
er sich in seinem Büro ein. Dass die Schüler sich lautstark Gehör verschaffen
wollten, empfanden städtische Pressesprecher als „unangemessen“. Zusammen
mit den Papierschnipseln hätte die Aktion „einen üblen Nachgeschmack“
hinterlassen. Den hatten die Protestierenden gewiss auch.
Dass Wilhelmshavener Schüler überhaupt gegen den Krieg protestieren, missfällt
auch einigen Schulleitern – zumindest wenn Mathe oder Bio laut Stundenplan
dran sind. So soll es Versuche an verschiedenen Schulen gegeben haben, die Schüler
an der Teilnahme dieser ersten Demonstration gegen den neuerlichen Irakkrieg in
Wilhelmshaven zu hindern. Schulverweise und andere Sanktionen sollen angedroht
worden sein. Dass es anders geht, zeigen die Lehrer der IGS: Mit Billigung der
Schulleitung begleiten sie die Protestaktionen ihrer Schüler, um die Aufsicht
zu gewährleisten, wie es heißt.
Offizielle
Pressemitteilung der Stadt Wilhelmshaven vom
20.3.03
Schülerdemonstration
mit unangemessenem Verhalten
Einige Hundert Wilhelmshavener Schüler haben sich
heute gegen 11.30 Uhr zu einer spontanen Demonstration auf dem Rathausplatz
versammelt. Sie brachten mit Lautsprecherdurchsagen, Plakaten und
Transparenten ihren Protest gegen die am frühen Morgen begonnenen
Kriegshandlungen der USA gegen den Irak zum Ausdruck.
Einige Demonstranten haben die an sich friedliche Demonstration allerdings
dazu benutzt, sich daneben zu benehmen. Sie begaben sich in das Rathaus und
verlangten, skandierend nach Oberbürgermeister Eberhard Menzel rufend, diesen
zu sprechen und verschafften ihrem Wunsch mit lautstarkem Gepfeife und Gejohle
sowie Trommeln an den Bürotüren Nachdruck. Dieser bedrohliche Auftritt zwang
die Mitarbeiter der Verwaltung dazu, die Bürotüren schützend zu verschließen,
bis die Demonstranten von einer Aufsichtskraft der Schule wieder auf den
Rathausplatz zurückgeführt wurden.
Nachdem die Demonstranten den Rathausplatz verlassen hatten, zeigte sich eine
erhebliche Verunreinigung durch Papier- und Plakatschnipsel, die von den
Wilhelmshavener Entsorgungsbetrieben beseitigt werden musste. Auch wenn sich
einige Schüler für das Verhalten ihrer Mitschüler entschuldigt haben,
bleibt bei allem großen Verständnis für den Anlass der Demonstration, ein
übler Nachgeschmack über die Art und Weise des Auftretens der Schüler zurück.
Kommentare
„Manchmal hat man nicht genug Kopf zum Schütteln!“ (Ernst
Bloch)
Wer kennt sie nicht, die Klagen über die so unpolitisch
gewordenen, egozentrischen Schülerinnen und Schüler. Den etablierten Parteien
brechen die Jugendorganisationen weg. Kaum Nachwuchs auch bei den
Gewerkschaften. Nur mit Mühe lässt sich ein Jugendparlament organisieren. Schülerzeitungen
mit politischem Inhalt sind Schnee von gestern. Aber jetzt wieder, wie schon
beim letzten Golfkrieg, zeigen besonders Schülerinnen und Schüler ihre
Betroffenheit und protestieren mit Transparenten und Plakaten lauthals gegen den
Kriegswahnsinn. Vielerorts sind gerade junge Leute der Motor dieser politischen
Protestbewegung. Und jetzt könnten die, die sich diesmal in der „großen“
Politik verbal auf die Seite der Kriegsgegner gestellt haben, doch mindestens
den jungen Leuten, die sich solidarisch zeigen mit dem bedrohten irakischen
Volk, ihre Anerkennung aussprechen. Besser noch wäre, sie würden Vorbild sein
und sich zeigen an den Orten des Protestes. So wie beispielsweise Bundestagspräsident
Thierse und andere aus dem Parlament auf der Großdemo in Berlin. Wie
kleinkariert muss man eigentlich sein, um stattdessen die Verunreinigung eines
öffentlichen Platzes mit Papierschnipseln überhaupt zu thematisieren? Skandalös
auch die Bearbeitung des Themas Krieg an Wilhelmshavener Schulen! Da wurden
demonstrierende Schüler als Schulschwänzer ins Klassenbuch eingetragen.
Organisationsleiter des Protestes wiesen im Gespräch mit dem Gegenwind darauf
hin, dass man ihnen mit Schulverweis gedroht habe. Perfide auch die Aufforderung
einiger Lehrkörper, man möge doch außerhalb der Unterrichtszeit demonstrieren, von wegen der Glaubwürdigkeit! Wer so etwas in der Schule lernt,
traut sich später vielleicht auch nur im Urlaub zu streiken? Solch eine
Denkweise hat Lenin zum Anlass genommen, darüber zu höhnen, dass deutsche
Arbeiter, so sie denn eine Revolution auf dem Bahndamm begännen, zuvor eine
Bahnsteigkarte kaufen würden. Man mag über die Borniertheit einiger
Schulleiter und Lehrer den Kopf schütteln. Wenn politische Entscheidungsträger
in ihren öffentlichen Stellungnahmen zum Protest gegen den Krieg Lärm und
Verunreinigung in den Mittelpunkt stellen, mag man darüber lachen. Fakt ist,
dass viele junge Menschen jetzt verunsichert sind, einige sogar aus Angst heraus
kommenden Protestaktionen fernbleiben wollen. Wegen der Teilnahme an einer
Friedensdemonstration von der Schule zu fliegen, ist absurd. Anscheinend wissen
das nicht alle Schüler. Also muss man es ihnen sagen. Der Krieg kann noch lange
dauern. Solange er dauert, findet mindestens jeden Donnerstag um 18 Uhr vor der
Nordseepassage eine Protestkundgebung statt. Hoffentlich weiterhin mit vielen
jungen Leuten! Und hoffentlich bald auch mit Lehrern und Schulleitern, die in
ihrer unterrichtsfreien Zeit das Mikrophon ergreifen und sich solidarisch erklären
mit ihren Schülern!
Uwe Brams
Zum Anfang des Artikels
Länder,
die seit dem 2. Weltkrieg von den USA bombardiert
wurden:
1945/46
- China
1950/53 - Korea
1954 - Guatemala
1958 - Indonesien
1959/60 - Kuba
1964 - Belgisch Kongo
1965 - Peru
1964/75 - Laos
1961/73 - Vietnam
1967/69 - Guatemala
1969/70 - Kambodscha
1983 - Grenada
1986 - Libyen
80er Jahre - El Salvador, Nicaragua
1989 - Panama
1991/99 - Irak
1995 - Bosnien
1998 - Sudan
1999 - Jugoslawien
2002 - Afghanistan
2003 - Irak
Chronik
der „Beziehungen“ zwischen USA und Irak
1953:
Der CIA ermordet den demokratisch gewählten iranischen
Ministerpräsidenten Mossadaq, weil er vorhatte, die Ölindustrie im Iran zu
verstaatlichen. Schah Reza Pahlevi wird als Herrscher eingesetzt.
1977:Islamische
Revolution unter Ajatollah Khomeini, Iran wird für die USA „Reich des Bösen“,
weshalb sie den Irak unter Saddam Hussein mit vielerlei Waffen und Giftgas
aufrüsten.
1979: Beginn
des ersten Golfkriegs. Saddam Hussein setzt unter den Augen der Amerikaner
Giftgas ein, um den nahenden Sieg der Iraner zu verhindern.
1991: Saddam
wird in die Kuwait-Falle gelockt. Beginn des 2. Golfkriegs, den u. a.
Deutschland mit rund 25 Mio DM unterstützt. Einrichtung fester US-Militärstützpunkte
in Saudi-Arabien und den arabischen Nachbarländern. Beim verabredeten Rückzug
aus Kuwait werden Hunderttausende irakischer Soldaten kaltblütig getötet und
dann mit Bulldozern im Wüstensand verscharrt. Die Schiiten im Süden des
Landes werden zum Aufstand gegen Saddam aufgewiegelt und dann – wie auch die
Kurden im Norden - von den Amerikanern im Stich gelassen, als Saddam Giftgas
und Soldaten einsetzte.
Nach
Ende des 2. Golfkriegs: Die USA setzen im
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Wirtschaftsblockade gegen den Irak
durch. Dieses bewirkte, dass seitdem rund 1,7 Millionen irakischer Zivilisten,
darunter 700.000 Kinder gestorben sind – an Krankheiten, die es im Irak längst
nicht mehr gab, an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung.
Diese US-Strategie sollte das irakische Volk gegen den Diktator Saddam
aufbringen, hat aber statt dessen einen tiefen Groll gegen die USA
hervorgerufen. Das Volk leidet seit 12 Jahren.
Zum
Anfang des Artikels
Staatstragender
Protest
Das ist schon
merkwürdig: 400 Menschen finden sich, teils durch mündliche Absprachen, teils
spontan, zu einer Kundgebung zusammen. Sie ist ebenso wenig angemeldet und
genehmigt wie der nachfolgende Demonstrationszug. Der bewegt sich über
befahrene Straßen, doch kein Polizist schreitet ein, um die Teilnehmer auf den
Bürgerteig zu nötigen oder das Ganze aufzulösen. Die Beamten regeln in
stillem Einvernehmen den Verkehr. Auch während der Kundgebung stehen nur
kurzfristig einige Uniformierte und Mitarbeiter des Staatsschutzes am Rande.
Sie müssen es gewusst haben, unsere Ordnungshüter. Auf der ganzen Welt haben
sich an diesem Tag, diesem Abend Millionen von Menschen zusammengefunden, um
ihrer Ablehnung gegen den Kriegstreiber Bush Ausdruck zu verleihen. Und die
Polizei schaut zu und ist ganz Freund und Helfer. Nicht überall. In den USA,
der selbst ernannten Wiege von „Freiheit“ und „Demokratie“, erwarten
friedliche Demonstranten staatliche Repressalien.
Aber in Wilhelmshaven und vermutlich auch vielen anderen deutschen Städten lässt
die Polizei die Menschen gewähren. Das macht misstrauisch. Da ist man auf
Dutzenden von angemeldeten Demos gewesen, gegen Atomkraftwerke, gegen Rüstung,
für Arbeitnehmerrechte, für den Frieden. Ist weggedrängt, eingekesselt, an
den Haaren weggeschleift, aus Hubschraubern und mit Wasserwerfern angegriffen
worden. Und nun das. Wir dürfen endlich mal das tun, was uns das Grundgesetz
zubilligt. Aus der Gewohnheit schwer zu verkraften. Andersrum: Warum kann es
nicht immer so sein? Warum können wir zunehmend unsere Meinung nur noch bei
Wahlen kund tun, ohne dass die Staatsgewalt auf uns los geht?
Ehe wir anfangen, von einer besseren Welt mehr als zu träumen, müssen wir uns
bewusst machen: Im Moment vertreten wir auf der Straße außer unserer Meinung
auch die unseres Staatsoberhauptes Gerhard Schröder und seiner Gefolgsleute.
Die Beweggründe mögen verschieden sein, gemeinsam ist uns die Ablehnung des
US-Feldzuges gegen den Irak. Unsere Demonstrationen sind also, wenn auch
ungewollt, staatstragend.
In unsere Überraschung könnte sich etwas Freude mischen, wüssten wir nicht,
dass die Repressalien diesmal von nicht uniformierter Seite kamen, sondern von
Lehrkräften, die aus Angst um die Karriere oder zumindest in vorauseilendem,
nicht reflektiertem Gehorsam ihre Schüler/innen daran hindern wollen, ihre
Meinung, ihre Gefühle, ihre Ängste kundzutun. Formalismus und Kuschverhalten
ersetzen den besten Knüppel. Die Freiheit bleibt auf der Strecke.
Imke
Zwoch
Zum Anfang des Artikels
Die
Fahne bleibt zu Hause!
(iz) Für eine
Kundgebung, eine Demonstration braucht man erfahrungsgemäß Leute, die
organisieren, moderieren, die Initiative ergreifen. Außerdem braucht man
Transparente, Parolen und ein Megaphon oder was anderes als Stimmverstärker für
die Redner. In diesem Zusammenhang müssen die Teilnehmer/innen der
Wilhelmshavener Friedensdemos der MLPD (Marxistisch-leninistische Partei
Deutschland) dankbar sein. Deren Mitglieder brachten
alles mit, was man für eine Demo benötigt.
Bei der ersten Kundgebung am 20.3.lief es auch prima. Abgesehen von kleinen
Aufklebern gegen den Krieg, die verteilt wurden, tauchte kein Parteiabzeichen
auf. Doch bei der zweiten Kundgebung eine Woche später (zu der übrigens schon
deutlich weniger Wilhelmshavener/innen den Hintern hoch kriegten) schlichen sich
die 4 Buchstaben zunächst durch ein Hintertürchen ein, das im Laufe der
Veranstaltung zu einem ziemlich peinlichen Scheunentor wurde. Ein Zwölfjähriger
aus der großen MLPD-Familie hatte eine eindrucksvolle Rede gehalten. Sein
Auftritt wäre auch in guter Erinnerung geblieben, hätte nicht im Anschluss ein
Parteimitglied ein offensichtlich einstudiertes Interview mit ihm geführt, mit
dem Ergebnis: Ja, meine große Schwester ist in der MLPD, und wer da mitmacht
... kommt zur MLPD ... Zeltlager .... der Rest ging im Lärm zahlreicher
Trillerpfeifen unter, mit der die (ebenfalls super organisierten!) SchülerInnen
und junge Antifaschisten ihrem Protest gegen diese Parteiveranstaltung Luft
machten.
Also, bitte, bitte, liebe MLPDler: nächsten Donnerstag bitte keine
Parteiwerbung mehr!
Zum Anfang des Artikels
Saurer
Wein in neuen Schläuchen
Pünktlich zum
Kriegsbeginn am 20. März 2003 erschien die „Wilhelmshavener Zeitung“, nach
wochenlangen Vorankündigungen qualitativer Verbesserungen, erstmals im neuen
Outfit. Ich war gespannt auf die erste Neuausgabe, die ich wie gewohnt kostenlos
aus dem Altpapier eines Abonnenten fischte.
Die
Premierenausgabe stellte für mich in erster Linie die inhaltliche Qualität auf
den Prüfstand. Von einer guten Tageszeitung erwarte ich, dass der Titel und
auch der erste Teil sich dem Weltgeschehen widmet. Bei der WZ war es bisher
immer umgekehrt; im ersten Teil alles, was vor der Haustür passiert, der zweite
Teil begann mit mindestens vier Seiten Sport, dann bisschen Deutschland und der
Rest der Welt und schließlich bis zum bitteren Ende Klein- und
Familienanzeigen.
Und so ist es auch geblieben.
Nun, rein äußerlich mag die WZ gewonnen haben. Sie sieht nicht mehr aus wie
das Blatt, das schon der Kaiser in den Händen hielt, sondern hat sich dem
Layout vieler regionaler Zeitungen angepasst: die Schrift leichter, vorm
Untertitel ein pointierter Aufmacher usw. Bisschen veränderte Rubrikenstruktur.
Das war’s aber auch schon an Neuerungen.
Etwa zwei Drittel der Titelseite an diesem 20. März widmete sich lokalen bzw.
regionalen Themen. Ganz obenan, natürlich, der Stadtsportbund. Schön, dass gut
ein Drittel aller Wilhelmshavener/innen Mitglied eines Sportvereins sind,
doch Brot und Spiele sollten nicht von politischem Interesse ablenken. Oder ist
das gerade der Sinn? Dann: großes Foto über Verkehrsbehinderungen in Jever.
Skandal! Die Freiheit des friesischen Autofahrers ist in Gefahr! Darunter ein
Dreispalter über die „neue“ WZ und noch was über die Cebit und den Glauben
der Deutschen an die Polizei.
Ah, da steht ja noch was: „Wilhelmshaven: Kirchen laden ein zum Beten“.
Sollte es da um den Krieg gehen? Tatsächlich, irgendwie schon. Alle Welt
wusste, ehe sie am Vorabend ins Bett ging, dass die USA in dieser Nacht
losschlagen würden. Nur die WZ beschäftigt sich in einem Zweispalter noch
damit, wann man wo in Wilhelmshaven beten kann, um den Krieg zu verhindern.
Allein im letzten Absatz steht was von dem Ultimatum, das die USA dem Irak
stellte – und das nun längst obsolet ist. Danach „weiter auf Seite ...“?
Nein. Nur der Sportbund findet seine Fortsetzung im Innenteil. Der Krieg auch,
zwar, die übliche Übernahme aus dem überregionalen Mantelblatt - fast eine
Seite über die Strategie der Alliierten, hurra. Keinerlei kritische Diskussion,
kein Wort über die Menschen im Irak.
So leid es mir für die WZ tut: Ich muss wohl weiterhin die Frankfurter
Rundschau abonnieren, um täglich über mehr als Marine und Karnickelzüchter
informiert zu sein.
Imke
Zwoch
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Krieg im Irak
- Freie
Humanisten beziehen Stellung -
Entgegen dem Willen der Mehrheit der Mitglieder des
UN-Sicherheitsrates führen die USA und Großbritannien, unterstützt von
weiteren Regierungen, eine militärische Aktion im Irak durch. Ziel ist es, das
Regime Saddam Husseins zu stürzen und vermutete Massenvernichtungswaffen zu
beseitigen.
Die Freien Humanisten Wilhelmshaven,
Gemeinschaft der Freien Humanisten Niedersachsen, verurteilen den
US-Angriff als einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, der weder durch die
UN-Charta noch durch Sicherheitsrats-Resolutionen gedeckt wird. Als Signal gegen
den Krieg weht auf Beschluss des Präsidiums der Freien Humanisten Niedersachsen
vor dem Haus Humanitas in Hannover unsere Verbandsfahne bis auf weiteres auf
Halbmast.
Als Vertreter der weltlichen Humanisten unseres Landes nehmen wir im
Zusammenhang mit dem Krieg folgendermaßen Stellung:
- Wir trauern um die unschuldigen Menschen, die durch
Kriegseinwirkungen sterben. Sie sind die einkalkulierten Opfer von
Politikern, für die politische Ziele wichtiger sind als menschliches Leben.
- Wir teilen den Schmerz der Angehörigen, die
Familienmitglieder verlieren.
- Wir fühlen mit den Hunderttausenden, die vor dem Krieg
flüchten müssen, ihr Hab und Gut verlieren und dabei entwurzelt werden.
- Wir klagen die USA an, weil sie kriegerische
Interventionen als akzeptables Instrument der Politik im 21. Jahrhundert
einsetzen. Den Angriff auf den Irak beurteilen wir als Aggressionskrieg, den
wir aus ethischen Gründen entschieden ablehnen - obwohl wir die Diktatur im
Irak verurteilen.
- Wir befürchten, dass die Irak-Intervention der USA der
Einstieg in eine neue Weltmachtpolitik ist, durch die andere Staaten
dominiert oder in ihrer Souveränität eingeschränkt werden. Wir fragen uns
voller Sorge, welcher Staat Ziel der nächsten Intervention sein wird.
- Wir stellen fest, dass der Krieg auch durch militärische
Siege der USA und ihrer Alliierten nicht gerechter wird. Das gilt selbst
dann, wenn uns die Medien zeigen, wie Interventions-Soldaten durch die
einheimische Bevölkerung begrüßt werden.
- Wir verurteilen die kriegsunterstützenden Massengebete
in den US-Kirchen, wie in den Moscheen des Irak, gleichermaßen. Sie
missbrauchen Religion für Machtzwecke im Sinne einer Regierung. Wir
verurteilen auch die Religionen, die sich auf diese Weise missbrauchen
lassen.
- Wir sind befremdet, dass der US-Präsident nur für die
US-Soldaten betet, weil er damit deutlich zeigt, dass es ihm vorrangig um
sein Land geht und nicht um alle Menschenleben.
- Wir sind entsetzt, dass die USA den Krieg per Live-Übertragung
aus Frontpanzern auf Videospielniveau ins Fernsehen bringen. Krieg ist weder
Spiel noch Unterhaltung.
- Wir sind in großer Sorge, dass die Türkei die Gunst
der Stunde nutzen könnte, um im Schutz der NATO militärisch gegen das
Selbstbestimmungsrecht der Kurden im Irak vorzugehen.
- Wir fordern die Bundesregierung auf, ihre
Friedenspolitik konsequent fortzuführen, auch wenn der politische Druck
dagegen noch zunimmt.
- Wir sind besorgt um die politische Kultur in
Deutschland. Oppositionsparteien nutzen die Ablehnung des Krieges durch die
Bundesregierung für ihre parteipolitischen Zwecke.
- Wir haben Hochachtung vor denen, die sich aus Überzeugung
gegen den Krieg einsetzen und dadurch persönliche Nachteile in Kauf nehmen.
- Wir fordern unsere Mitglieder und alle anderen
friedliebenden Menschen auf, gewaltfreie Aktionen gegen den Krieg zu unterstützen.
Freie Humanisten Wilhelmshaven, Anne
Fleßner und Wolfgang Eiben, Vorstandsmitglieder
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Antiamerikanismus:
Fuck the USA?
Auf der Anti-Irakkrieg-Kundgebung am 27. März meldete sich
ein junger Demonstrant zu Wort und machte unmissverständlich klar, dass es ihm
völlig egal sei, ob er des Antiamerikanismus bezichtigt werde. Das, was
momentan im Irak geschieht, veranlasste ihn zu den herben Worten: Fuck the USA,
Fuck Bush!
Von einem etwas gesetzter wirkenden Mitdemonstranten wurde er daraufhin scharf
in die Schranken verwiesen.
Genau so häufig, wie sich Anti-Kriegsdemonstranten versichern, dass sie natürlich
auch gegen Saddam seien, betonen sie, nicht antiamerikanisch zu sein. Warum sie
das tun, weiß eigentlich keiner – aber anti-amerikanisch zu sein muss ganz
etwas Schlimmes sein.
In der Frankfurter Allgemeinen erschien am 2.10.2002 ein Artikel, in dem sich
die indische Schriftstellerin Arundhati Roy mit dem Antiamerikanismus
auseinander setzte:
Jene, die in den letzten Wochen Kritik an der
amerikanischen Regierung geübt haben, wurden des Antiamerikanismus bezichtigt.
Dieser Begriff erhält gegenwärtig die Weihen einer Ideologie. Gewöhnlich
verwendet das amerikanische Establishment diese Bezeichnung, um seine Kritiker
zu diskreditieren und ihnen ein (nicht völlig falsches, eher: ungenaues)
Etikett zu verpassen. Sobald jemand als Antiamerikaner abgestempelt ist, kann
der Betreffende damit rechnen, umstandslos verurteilt zu werden, und sein
Argument wird im Aufschrei eines verletzten Nationalstolzes untergehen. Was
bedeutet Antiamerikanismus? Dass man nicht gern Jazz hört? Dass man gegen
Meinungsfreiheit ist? Dass man nicht für Toni Morrison oder John Updike schwärmt?
Bedeutet es, dass man die Hunderttausende von Amerikanern nicht bewundert, die
gegen Atomwaffen demonstriert haben? Oder die Tausende von
Kriegsdienstverweigerern, die ihre Regierung zwangen, sich aus Vietnam zurückzuziehen?
Bedeutet es, dass man alle Amerikaner hasst?
Diese raffinierte Vermengung von amerikanischer Musik, Literatur, der
atemberaubenden Schönheit des Landes, den einfachen Vergnügungen der einfachen
Leute mit der Kritik an der Außenpolitik der amerikanischen Regierung ist eine
bewusste und außerordentlich wirkungsvolle Methode. Es erinnert an eine zurückweichende
Truppe, die in einer dichtbevölkerten Stadt Unterschlupf sucht, in der
Hoffnung, der Feind werde aus Sorge vor zivilen Opfern von einem Beschuss
absehen. Zum
vollständigen Artikel von Arundhati Roy
Viele Amerikaner wären verärgert, wenn man sie mit der
Politik ihrer Regierung identifizierte. Die nachdenklichsten, schärfsten,
bissigsten und geistreichsten Kommentare über die Heuchelei und die Widersprüche
der amerikanischen Politik stammen ja gerade von den Amerikanern selbst. ...
Jemandem Antiamerikanismus vorzuwerfen, ist Ausdruck eines Mangels an
Phantasie, der Unfähigkeit, die Welt anders zu sehen als in der vom
Establishment vorgegebenen Weise: Wer nicht gut ist, ist böse. Wer nicht für
uns ist, ist für die Terroristen.
Wissen
die Leute, die uns heute „Anti-Amerikanismus“ vorwerfen, eigentlich, was
Amerikanismus ist? Wissen Sie es, weißt du es? In den einschlägigen
Nachschlagewerken ist dazu keine Definition auffindbar.
Es gibt einen fassbaren Anti-Amerikanismus in den Ländern der 3. Welt, die sich
dagegen wehren, dass ihrer Tradition ein westliches Weltbild verordnet wird, es
gibt in Europa Widerstände gegen die Amerikanisierung der Wirtschaftsordnung
– all das mag ja anti-amerikanisch sein – doch der Kampf gegen den Krieg
kann nie anti-amerikanisch sein.
Hannes
Klöpper
Zum Anfang des Artikels
Fluch und Segen
des schwarzen Goldes *)
„Kein Blut für Öl“! Mit dieser Forderung bringt eine
weltweite Friedensbewegung ihren Protest gegen den Eroberungskrieg der Koalition
der Willigen gegen den Irak auf den Punkt. Die Kriegsbefürworter bestreiten das
dahinter steckende Kriegsmotiv. Sie versuchen alle, die mit dieser eingängigen
Schlagzeile agieren, als antiamerikanische Demagogen zu diffamieren oder verächtlich
als geistig etwas zurückgeblieben abzutun. Doch das amerikanische Kriegsmotiv
‚Blut für Öl’ lässt sich durch starke Indizien unterfüttern...
Am Persischen Golf liegen nicht nur die bei weitem größten Öllagerstätten
der Welt. Der Lebenssaft der Industriegesellschaft lässt sich dort auch am
billigsten fördern. Die Produktionskosten liegen dort bei drei Dollar pro
Barrel (pro 159 Liter). Zudem sind die Förderkapazitäten in der Golfregion so
hoch, dass sie die Welt mit so billigem Öl versorgen könnten, dass die Ölförderung
anderer Öl produzierender Staaten (z.B. Großbritannien, Norwegen und Russland)
wegen Unwirtschaftlichkeit zum Erliegen kommen würde. Wäre der Weltölmarkt ähnlich
dereguliert wie andere Rohstoffmärkte, gäbe es auf dem Ölmarkt keinen
Wettbewerber, der mit den Staaten am Persischen Golf preislich mithalten könnte.
So kostet z.B. die Ölförderung in Sibirien 12 Dollar pro Barrel.
Wer also die Ölfelder der Golfregion kontrolliert, der kann nach Belieben durch
die Mengenregulierung der Ölförderung den Marktpreis bestimmen. Er kann
z.B. Russlands oder Norwegens Ölexport schaden, wenn er den Ölhahn aufdreht
bzw. das ‚alte’ Europa, Japan usw., in den Schwitzkasten nehmen, wenn er die
Ölproduktion drosselt. Zur Zeit schwankt der Preis zwischen 25 und 30 Dollar.
Wer in der Lage ist, die Ölförderquote im Nahen Osten festzulegen, nimmt
bestimmenden Einfluss auf den Verlauf der Weltwirtschaft bzw. den Erfolg oder
Misserfolg ölabhängiger Volkswirtschaften.
So stammen z.B. 38% der Ölimporte der EU und der osteuropäischen Länder, 85%
der Importe Japans und 81% der Chinas und anderer ostasiatischer Staaten aus der
Golfregion. Und der Öldurst wird zukünftig noch gewaltig steigen, wenn keine
Alternativen zum Öl entwickelt werden: Von 2000 bis 2020 soll z.B. der Ölimport
Chinas um 91% und der von Indien gar um 116% steigen.
Doch es gibt ein noch stärkeres Motiv der USA, die Kontrolle über die Ölfelder
der Golfstaaten zu behalten:
Neben der energiepolitischen erhalten sie sich dadurch auch die finanzpolitische
Kontrolle über die ölabhängigen Staaten. Deshalb soll der Dollar als Leitwährung
auf dem Ölmarkt unbedingt erhalten bleiben. Denn nur wenn das Golföl unter
amerikanischer Kontrolle und weiter in Dollar gehandelt wird, kann der
„American way of life“ verteidigt werden.
Die US-Wirtschaft befindet sich in einer Schieflage, weil sie seit mehr als dreißig
Jahren auf einem Schulden-finanzierten Konsum basiert. Im Jahre 2000 betrug das
Handelsbilanzdefizit rund 450 Milliarden Dollar, im Jahr 2001 stieg es auf 650
Milliarden an. Die Doppelfunktion des Dollars als nationales und als Weltgeld
erlaubt es den USA, sich durch ihre Geld- und Kreditschöpfung aus den
Wertprodukten anderer Volkswirtschaften zu bedienen. Indem die USA zu Bezahlung
ihrer Importe frische Dollarnoten drucken können, partizipieren sie direkt am
Reichtum anderer Nationen.
Seit Anfang der siebziger Jahre hängt die Stärke des Dollars immer mehr vom Öl
ab, weil andere Länder sich zum Öleinkauf Dollardevisen beschaffen müssen.
Doch neuerdings wird die Weltleitwährung Dollar grundsätzlich in Frage
gestellt:
So verkauft der „Schurkenstaat“ Iran sein Rohöl zum Großteil in Euro und
nicht mehr in Dollar. Schon Ende des Jahres 2000 hat sich der Irak entschlossen,
seine tägliche Förderung von 2,4 Mio. Barrel in Euro zu berechnen. Auch China
kündigte im November 2001 an, seine Devisenreserven von 200 Milliarden Dollar
zu einem beträchtlichen Teil in Euro tauschen zu wollen. Nordkorea hat
inzwischen seine gesamten Devisen in Euro eingewechselt.
Aus dieser Sachlage zog die US-amerikanische National Energy Policy
Development Group im Cheney Report vom Mai 2001 den Schluss, dass die USA
nicht nur an ihren eigenen Ölverbrauch denken dürften, weil keine andere
Wirtschaft derart globalisiert sei wie die amerikanische. Darüber hinaus
sollten sie sich um die weltweite Sicherung des Ölmarktes kümmern, da die
heimische Wirtschaft davon am meisten profitiert. Da ein stärkeres Engagement
der USA in instabilen Ölförderländern mit antiamerikanischer Stimmung auf
Widerstand stoßen würde, habe dies Auswirkungen auf die Außen- und
Sicherheitspolitik in Form der Ausweitung des US-Militäretats...
Zwar klingt der Cheney-Report etwas kryptisch, doch der Vorschlag, den Ölmarkt
durch Ausweitung des US-Militäretats zu sichern, lässt sich als Bereitschaft,
Blut für Öl zu geben, entschlüsseln.
Eine hypothetische Frage: Was mag wohl geschehen, wenn Saudi-Arabien statt
Dollar nur noch Euro für sein Öl akzeptieren würde...
Jochen Martin
*)
Als Grundlage dieses Artikels wurde der Aufsatz „Verteidigung des Dollar
mit anderen Mitteln“ im Heft 2’03 der „Blätter für deutsche und
internationale Politik“ benutzt.
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