Naturschutz in Wilhelmshaven
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*Gegenwind 171* August 2001* Gegenwind - Zeitung für Arbeit - Frieden - Umweltschutz *

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Abwägen – absägen

„Praktizierter“ Naturschutz in Wilhelmshaven

(iz) Obwohl in unserer Stadt schätzungsweise 2000 Wohnungen leer stehen und die Einwohnerzahl stetig sinkt, wird weiterhin „dank“ einflussreicher Investoren jede verfügbare Fläche überbaut. Obwohl zunehmend Unmut gegen die „Kettensägenfraktion“ aufkommt, werden Schutzvorschriften für innerstädtisches Grün dabei als lästiges, aber überwindbares Hindernis behandelt. Wer nach der Lektüre von „Zwischen den Zeilen“ glaubt, die Verantwortlichen müssten aus Fehlern der Vergangenheit lernen, wird durch folgendes, aktuelles Beispiel eines Besseren belehrt.

SchwarzpappelnEs waren einmal drei alte, aber kerngesunde Schwarzpappeln mit je über drei m Stammumfang. Hoch überragten sie das alte Klinkergebäude (ehemalige Gewerbeschule) an der Virchow-/Ecke Weserstraße. Ihre mächtigen Kronen waren seit Jahren stadtbildprägend für die östliche Südstadt.

Eines Tages kam ein Investor, der die große Freifläche östlich der Pappeln bis zum Oceanis-Parkplatz bebauen wollte. Flugs stellte die Stadt für ihn einen Bebauungsplan auf. Und spätestens hier wird unser (wahres) Märchen zum (leider auch wahren) Krimi.

In ihrer Stellungnahme zum Bebauungsplan wiesen Naturschützer darauf hin, dass Schwarzpappeln in der „Roten Liste“ von Niedersachsen und Bremen als gefährdet aufgeführt sind und deshalb allgemein eine höhere Schutzwürdigkeit genießen. Dummerweise stehen die Bäume einer der drei „Raumkanten“, wie die vorgesehenen Bauklötze am Bontekai planerisch genannt werden, genau im Weg. Nun könnte man auf die Idee kommen, diesen Klotz so weit zu versetzen oder zu verkleinern, dass den Baumriesen im Wurzel- und Kronenbereich ausreichend Platz bleibt. Doch im Sinne des Investors, der die größtmögliche Fläche profitabel bebauen will, wurde wie folgt abgewägt: Die Bäume sind irgendwann – logisch – mal von jemandem angepflanzt worden und deshalb nicht als „natürliche Entwicklungsstandorte“ zu betrachten. Solche „Verwilderungen“ oder „Kultivate“, sind von der Roten Liste nicht erfasst. Demnach handele es sich bei den drei Pappeln um einen „solch unnatürlichen Entwicklungsstandort.“ Und nun kommt’s ganz dicke: „Wenngleich die bereits älteren Schwarz-Pappeln einen vitalen Eindruck machen, ist davon auszugehen, dass durch die Bauarbeiten in ihrem Umfeld Standortveränderungen erfolgen, die mittelfristig zu nicht vermeidbaren Schäden und eingeschränkter Vitalität führen können.“ Bitte nochmals lesen und auf der Zunge zergehen lassen: „Ihr Naturschützer könnt euch sicher sein, dass der Investor bereits vorgesehen hat, die Bäume im Zuge der Bebauung dermaßen zu schädigen, dass sie freiwillig den Abgang machen.“ Und damit er dadurch keinen Ärger kriegt, schiebt man ausgerechnet dem Umweltamt den Schwarzen Peter zu.

Déjá vu

Auszüge aus dem Beteiligungsverfahren zum Planentwurf: „Unsere Bedenken ... betr. der Schwarzpappeln ... halten wir weiterhin aufrecht. Ist es in Wilhelmshaven denn nicht einmal möglich, Bäume stehen zu lassen, zumal sie auf der Roten Liste stehen?“ (Stellungnahme Naturschutzbund Deutschland) „Nach Abstimmung mit der ... Naturschutzbehörde ist es auch nach dortiger Ansicht nicht sinnvoll, die Bäume ohne ausreichenden Abstand zu den Gebäuden zu erhalten. Es wurde daher zugestimmt, die Bäume durch Neuanpflanzungen zu ersetzen.“ (Abwägungsvorschlag Planungsamt) In der Anlage zur Beschlussvorlage für den Rat wurde daraus:„Nach Rücksprache mit der Unteren Naturschutzbehörde ist es nicht sinnvoll, die Schwarz-Pappeln ohne ausreichenden Abstand zu den Gebäuden zu erhalten. Die Bäume sollen daher durch Neuanpflanzungen ersetzt werden.“ Aus der passiven Zustimmung der Naturschützer, denen man keine Wahl lässt, wird formulierungstechnisch eine aktive Entscheidung.

Siehe Bebauungsplan Hochschuldorf Rüstersiel (Artikel „Zwischen den Zeilen“): Nachdem man den behördlichen Naturschützern die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, so dass sie keine Chance bekamen, die vorhandenen Bäume zu erhalten, blieb ihnen nichts, als zumindest eine Neuanpflanzung zu fordern – und dann wird es ihnen, in verkürzter Form, als ihr „ausdrücklicher Wunsch“ in die Schuhe geschoben, zu ersetzen statt zu erhalten.

Solcherlei Betrug, in umständliche Formulierungen verpackt, Ursache und Wirkung verwischend, schlägt sich dann in den Begründungen zu Bebauungsplänen nieder, über die unsere Ratsleute entscheiden – in dem Glauben, „wenn die Naturschutzbehörde so spricht, wird es schon seine Ordnung haben.“. Immer wieder, ohne jegliches Misstrauen, ohne Lerneffekt. Auch unseren Grünen wird so was in Bergen von Ratspapieren immer wieder erfolgreich untergemogelt. So lobenswert ihr Engagement außerhalb der formellen Treffen sein mag – es macht keinen Baum wieder lebendig, der im Ergebnis (dem Ratsbeschluss) zum Tode verurteilt wurde.

Und das wäre (nicht nur) unser Wunsch (nicht nur) an grüne Ratsleute: den Mut zu beweisen, einzelnen Geldsäcken, denen das Wohl der Allgemeinheit schlicht egal ist, die Stirn zu bieten; ihnen Forderungen zu stellen, sozial-ökologische Pflichten aufzuerlegen, statt alles ergeben abzunicken. Back to the roots.


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Wie „ökologische“ Stadtplanung in Wilhelmshaven funktioniert

(iz) Der GEGENWIND muss sich leider oft damit beschäftigen, wie durch die macht des Geldes die „grüne Stadt am Meer“ langsam aber sicher zu einer „grauen Stadt am Meer“ mutiert – in diesem Heft gleich mehrfach: Ein Oberbürgermeisterkandidat hat das Problem ebenfalls erkannt und will es in den Griff kriegen; ein grüner Ratsherr packt aus, wie solche Fehlentscheidungen zu Stande kommen (Beispiel Hochschuldorf Rüstersiel); und am aktuellen Beispiel des Bebauungsplans für die Grünfläche zwischen Weserstraße, Bontekai, Virchow- und Neckarstr. zeigen wir auf, wie der alltägliche Kahlschlag sich fortsetzt. Doch bietet dieser BPlan noch mehr Zündstoff, den wir in der Druckausgabe nicht mehr unterbringen konnten, unseren LeserInnen aber nicht vorenthalten möchten.

Zwischen Oceanis / Jahnhalle und der ehemaligen Gewerbeschule am südlichen Ende der Virchowstraße liegt (noch) die letzte große Freifläche in der östlichen Südstadt. Nachdem die zwei alten Tanks dort abgerissen und der dritte fröhlich angemalt wurde, konnte das Grün dort innerhalb der Umzäunung munter sprießen. Beherrscht wird diese Kulisse durch die drei mächtigen Schwarzpappeln am südwestlichen Ende der Fläche, die den zweigeschossigen Altbau der Gewerbeschule weit überragen und dort seit Jahrzehnten stadtbildprägend sind.

In diesem von Einheimischen wie Gästen viel besuchten Bereich bietet das Gelände die einzig freie Sicht zum Großen Hafen, oder umgekehrt vom Bontekai auf das historische Gebäudeensemble von Jahnhalle / Oceanis, BAfU und Gewerbeschule. Zu einer „sanften“, lebendigen Nutzung des Geländes würde vielen, die dort leben oder häufig flanieren, manches einfallen: Ein herrlicher Spiel- und Bolzplatz, durch den Zaun (mit Eingangstor) gegen die Straße und Hunde(kot) abgeschirmt; ein gemütlicher Cafépavillon für die Eltern; eine ausreichende Teilfläche, auf der sich Gräser, Stauden und Gehölze wie bisher weiterentwickeln können, mit Vögeln und Insekten zur Freude von Groß und Klein.

Zu spät. Denn die solche Ideen haben, besitzen nicht das Geld des Investors, dem jetzt vom Rat eine langweilige und architektonisch deplazierte, vollständige (der bunte Tank wird abgerissen) Bebauung der Fläche genehmigt wurde (Bebauungsplan Nr. 189 „Westlich Neckarstr.“) Sechs zwei- bis dreigeschossige Blocks an der Weserstraße, drei fünfgeschossige Kästen, je 30 m lang, am Bontekai, beide Reihen zielsicher so gegeneinander versetzt, dass verbleibende Sichtflächen zugestellt sind. Dazwischen das übliche Einheitsgrün. Im Plan heißen die drei Klötze „deutliche Raumkante für den Großen Hafen“. Zwei dazwischen verbleibende schmale Trassen, die mit Bäumen bepflanzt werden, heißen „Zäsuren“, die „wichtige Sichtbeziehungen bewahren“. Die gesetzlich vorgeschriebene zu integrierende Spielplatzfläche (200 m²) wurde weggerechnet: Die Kinder sollen die Jadestraße überqueren – im Feierabend- und Wochenendverkehr ein Live-Krimi für die Eltern - und beim Pumpwerk oder zwischen Deich- und Jadestraße spielen. Im Übrigen geht man davon aus, dass solche „gehobenen“ Wohnungen überwiegend von Kinderlosen nachgefragt werden.

Im BPlan 189 formulierte „Städtebauliche Ziele“ (Auszug):
- Sicherung einer geordneten städtebaulichen Entwicklung,
- einer sozialgerechten Bodennutzung,
- einer menschenwürdigen Umwelt
- Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen
- Deckung des (gehobenen) Wohnbedarfs
- Verhinderung der Bevölkerungsabwanderung
- Berücksichtigung der Belange der Wirtschaft
- Berücksichtigung der Belange von Freizeit und Erholung
(alle Hervorhebungen d. Verf.)

Brav werden die vorhandenen Bäume aufgezählt - und deren Durchmesser. Dann müssen sich geneigte Leser/innen (z. B. Ratsmitglieder) nämlich erst die Mühe machen, die Zahl mit 3,14 zu multiplizieren, um darauf zu kommen, dass lächerliche 0,2m Durchmesser über 60 cm Stammumfang bedeuten; 0,4m bereits über 1,20 m Umfang, was ja Assoziationen zur Baumschutzsatzung wecken könnte. Die vorhandenen Einzelbäume an der Weserstraße sollen „durch Festsetzung  ... zur Erhaltung gesichert“ werden - 15 davon grenzen in nur drei Metern Entfernung an die neuen Baukörper Wie deren „Erhalt“ in der Praxis aussehen wird, s. o. genannter Artikel zum BPlan Hochschuldorf Rüstersiel ...

Kaum war dieser Artikel fertiggestellt, ging es in der WZ, die erfolgreich das öffentliche Bild von „Sauberkeit und Ordnung“ prägt, der nächsten Grünfläche an den Kragen. Abgebildet war die seit Jahrzehnten brach liegende Fläche an der Ebert-/ Ecke Gökerstr. gegenüber dem Polizeirevier: Eine alte Klinkermauer, dahinter junge Bäume und Sträucher, seitlich und im Hintergrund alte Klinkergebäude. Über den provisorischen Bretterzaun, der die Mauer erhöht, um die Fläche vor missbräuchlichem Betreten zu schützen, kann man sich noch streiten. Ansonsten hat sich noch niemand an diesem idyllischen historischen Überbleibsel gestört – bis es jetzt, kurz vor der Kommunalwahl, der CDU-Ortsverband Süd auf der Jagd nach ewiggestrigen WählerInnen als unansehnliches Gestrüpp und sogar „Altlast“ titulierte, die flugs bebaut werden sollte. Die Berichterstattung hat man einer Redakteurin aufgehalst, die sich ansonsten eher positiv durch Berichte zum Tier- und Umweltschutz hervortut. Den Drahtziehern scheint jedes Mittel recht zu sein, um letzte Relikte von Individualität und Vielfalt im Stadtbild platt zu machen.


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