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Lasst Blumen sprechen... ...das Ergebnis zeigt "Der kleine Horrorladen": Kultmusical von der Landesbühne ansprechend inszeniert(iz) Der schnelle Weg zu Reichtum, Erfolg und schönen Frauen führt oft in die Hölle. Faust war nicht der erste und letzte, der diese bittere Erfahrung machte. 1960 setzte Filmregisseur Roger Corman das Thema in der Gruselkomödie "Little Shop of Horror" binnen 2 Tagen mit einem Etat von 15.000 Dollar um. 1982 holte Howard Ashmann die kultgewordene Story auf die Bühne. Jetzt hat sich auch die Landesbühne an fleischfressende Pflanzen gewagt - mit Erfolg. Mr. Mushnik führt in der Skid Row, mitten in der New Yorker Lower East Side, einen jämmerlichen Blumenladen, den Konkurs ständig vor Augen. Bis eines Tages der Traum vom florierenden Geschäft in Erfüllung geht. Sein Gehilfe Seymour, nicht gerade ein Glückspilz, hat heimlich eine Pflanze gekauft und aufgezogen, die alle Blicke auf sich zieht. Ihr Name: "Audrey II" nach Seymours heimlicher Liebe, seiner sehr blonden Kollegin, die wie er dem Traum vom kleinbürgerlichen Glück nachhängt. "Audrey II" lockt scharenweise Kunden in den Laden, die Medien umwerben Seymour, den Mr. Mushnik nun aus gutem Grund adoptiert. Mit Hilfe seines grünen Zöglings kann Seymour die Liaison seiner geliebten Audrey mit dem sadistischen Zahnarzt Dr. Scrivello beenden, der einfach von der Bildfläche verschwindet... denn Audrey II hat bestimmte Ernährungswünsche, die Seymour bald schlaflose Nächte bereiten. Mit dem pfiffigen Bühnenbild von Karin Fritz, in das Audrey II (höllisch wie liebenswert lebendig durch die Stimme von Christian Rotholz und Bewegungen von Fritz Frömming) hineinwächst, und beachtlichen Gesangsleistungen von Sonia Serrano, Sybille Böhling und Variania Kottke als Straßenmädchen sowie Ingo Brosch als Dr. Scrivello und in anderen teuflischen Rollen, muss sich die Wilhelmshavener Inszenierung nicht hinter den berühmten Originalversionen verstecken. Und hinter dem hohen Unterhaltungswert geht auch das eigentlich tiefgründige Thema nicht verloren, was vor allem Christian Hettkamps glaubwürdigem Ringen mit Audrey II als Spiegel seiner Seele zu verdanken ist. Am Ende swingt und groovt der ganze Saal mit den Darstellern, und auch Oskar Matull, der zwischen all dem Jungvolk etwas von einem Tanzbären hat, sieht man den Spaß an der Sache an. Weitere Aufführungen: Di. 20.10., So. 8.11., Do. 19.11., Di. 24.11., So, 29.11., je 20 Uhr (am 29. auch 15.30 Uhr) Schwarzmalerei Landesbühne initiierte Diskurs über (Anti-)Kommunismus(iz) Auch unter dem neuen Intendanten setzt die Landesbühne ihre gute Tradition fort, mit einzelnen Inszenierungen plus Begleitprogramm aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen und interessierten ZuschauerInnen die Auseinandersetzung mit dem Stück und seiner Botschaft zu erleichtern. "Rupa Lucian" war der Einstieg in die Diskussion um das "Schwarzbuch des Kommunismus". "Rupa Lucian - ein Kind von Rumänien" greift erschütternd pointiert die Gräuel des Ceausescu-Regimes bis zu dessen Ende auf. "Rupa kontrovers" betitelte die Landesbühne in der "Theaterzeitung" die gegensätzlichen Kritiken der Wilhelmshavener Zeitung und des Jeverschen Wochenblattes und forderte die LeserInnen auf, sich selbst eine Meinung zu bilden. Der GEGENWIND schließt sich dem Wochenblatt an: "Hier stimmt einfach alles: Das Stück, die Inszenierung, die Darstellung der Schauspieler, das Bühnenbild, die Musik ... ein Stück, das unter die Haut geht, das beklemmt, einen Kloß im Hals hinterlässt ob seiner Eindringlichkeit ...." Der Applaus kam verzögert, da die Betroffenheit zunächst stärker war als die Begeisterung über die Inszenierung, die sich dann in langanhaltendem Beifall Luft machte. Dieses Stück als "theatralisierten Schulfunk" zu bezeichnen, ist angesichts der erschütternd realistischen Thematik und Umsetzung ein absoluter Missgriff von Barbara Schwarz, die in der WZ einen Verriss lieferte. Die notwe ndige und gelungene Verdichtung der Inhalte hat sie nicht verstanden, wenn sie sie als "haarsträubend konstruiert" und "unglaubwürdigen Plot" beschreibt.Im Begleitprogramm gab es zwei Diskussionsabende. Ende September war Dr. Ehrhart Neubert, Mitarbeiter der Gauckbehörde und Co-Autor des deutschen Kapitels im "Schwarzbuch des Kommunismus" eingeladen. Hier konnte der GEGENWIND leider nicht teilnehmen. Blutspuren, Mohrenwäsche Referent und Moderator der zweiten Veranstaltung war Dr. Hans-Joachim Gottschalk, Wilhelmshavener CDU-Politiker und ehemaliger Staatssekretär in Sachsen-Anhalt. In seiner Einführung sprach sich Gottschalk noch für die Auseinandersetzung mit dem "roten und dem faschistischen Totalitarismus" aus. Im weiteren Verlauf gelang es ihm jedoch nicht, die Neutralität zu wahren. Er und einige der etwa 20 DiskussionsteilnehmerInnen waren der Ansicht, in Deutschland hätte eine "ausführliche" Auseinandersetzung mit dem Faschismus stattgefunden und es sei nun Zeit, die "Blutspur des Kommunismus" zu verfolgen. Er beschrieb den Kommunismus als "Religion mit absolutem Anspruch auf Wahrheit" und konnte nicht mehr unterscheiden zwischen real existierenden bzw. gescheiterten Systemen und der eigentlichen Idee, der gesellschaftlichen Vision, die dahinter steht. Dem Kommunismus, so Gottschalk, sei "immanent, dass er zur Gewaltausübung neigt." Peinlich wurde es, als ein Teilnehmer die Intelligenz bzw. Bildung von Honecker und Mielke in Frage stellte und Gottschalk einen Witz auf Bildzeitungsniveau dazu absonderte, und sein Gebrauch des Wortes "Mohrenwäsche" zeugte von mangelnder Reflexion des alltäglichen Faschismus.Die Sachlichkeit der Diskussion litt darunter, dass andere politische Gesellschafts- formen wie der Nationalsozialismus und erst recht nicht "unsere" Demokratie in der Erscheinungsform des Kapitalismus mit gleichem Maß beleuchtet und bewertet wurden. Umso erfrischender, dass der anwesende Schauspieler Thomas Sauerteig, Darsteller des Rupa Lucian, sich intensiv und differenziert mit der Thematik beschäftigt hatte und in die Diskussion einbrachte. So stellte er die von Gottschalk postulierte "angemessene und ausreichende" Auseinandersetzung in deutschen Schulen mit dem Faschismus in Frage. Auch erinnerte er an die Probleme der Deutschen, sich den Kriegsverbrechen der Wehrmacht zu stellen, die erst Jahrzehnte nach Kriegsende systematisch aufgedeckt wurden. Schwarzbuch Kapitalismus Weiter versachlicht und differenziert wurde die Auseinandersetzung durch den Wilhelmshavener Antifaschisten und -militaristen Johann Janssen. Er kritisierte die Arroganz, mit der ehemalige kommunistische Politiker als dumm abgekanzelt wurden - wer Bildung mit Intelligenz gleichsetzt, spricht der Arbeiterklasse die Mitwirkung an intelligenter Politik ab. Und nachdem lange über zeitlich und/oder geografisch möglichst weit vom heutigen Deutschland entfernte Systeme gesprochen wurde (Gottschalk: "Utopien treiben uns in menschenfeindliche Systeme"), lenkte Janssen das Bewusstsein auf unser real existierendes System: In einem "Schwarzbuch des Kapitalismus" müssten unter anderem 40.000 Kinder verzeichnet sein, die täglich an unserer Ausbeutung der Dritten Welt, an unserem "Wohlstand" sterben... Unsere Empfehlung des Theaterstückes ist verspätet, da das Stück leider nicht mehr auf dem Spielplan steht. Es war nicht ganz glücklich, zu beiden Diskussionsabenden der Landesbühne Referenten einzuladen, die als Co-Autor bzw. durch die Parteizugehörigkeit die gleiche (positive) Haltung zum "Schwarzbuch" einnehmen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema geht jedoch weiter: Am 29.10. um 20 Uhr gibt es in der Perspektive eine Diskussion zum Buch "Roter Holocaust? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus". Das "Schwarzbuch" ist sehr dick und mit zahlreichen Fußnoten zu "wissenschaftlichen Quellen" versehen. Doch wer kritisch und mehrdimensional denkt und wahrnimmt, weiß: Autoren können ihre Quellen so zusammenstellen, dass eine von vorn herein beabsichtigte Tendenz am Ende als "objektives" Ergebnis dasteht. Versachlichen, nicht verniedlichen Die Kritiker des "Schwarzbuch des Kommunismus" - weder die Autoren noch einige Diskussionsteilnehmer - wollen die im (missbrauchten) Namen des Kommunismus begangenen Gräueltaten nicht "verniedlichen", wie Gottschalk behauptete, sondern versachlichen. Es gilt zu verhindern, aus dem "Schwarzen Peter" einen "Roten Peter" zu machen mit dem Interesse, den Faschismus gezielt in die Vergangen- und Vergessenheit zu rücken und damit indirekt zu rehabilitieren. Alle, deren Bewusstsein und Kritikfähigkeit über das Schwarz-Weiß-(Rot-) Denken hinausgeht, sind am 29.10. zur kritischen Diskussion eingeladen. Literatur: Jens Mecklenburg/Wolfgang Wippermann: "Roter Holocaust? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus". 1998. Konkret Literatur Verlag, Hamburg. ISBN 3-89458-169-7. q
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