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Wie man die Geschichte privatisiert und für die eigenen Zwecke nutzt Das Deutsche Marinemuseum sorgt für eine schönere Vergangenheit und hat maritime Absichten (Hartmut Peters) Das lateinische "privare" heißt gleichzeitig "berauben" und "befreien". Und insofern ist das Deutsche Marinemuseum in Wilhelmshaven, das im April seine Pforten öffnete, privat genau richtig organisiert. Es zieht dem Besucher nicht nur ohne seriösen Gegenwert das Eintrittsgeld aus der Tasche, sondern befreit ihn auch von der Chance, etwas aus der Geschichte zu lernen. Das am Erfolg orientierte Quotenmuseum will vor allem unterhalten und für "maritime Optionen" werben, und deshalb präsentiert es eine geschönte Vergangenheit. Das Ganze wäre nicht weiter tragisch, wenn der Trägerverein ein "Deutsches Grünkohlmuseum" an den Banter See gesetzt hätte. Aber immerhin geht es um Krieg und Frieden, um die lange höchst unappetitliche deutsche Marinegeschichte, um die Millionen Opfer deutschen Großmachtstrebens und nicht zuletzt um die Notwendigkeit, gegen den erstarkenden Rechtsradikalismus demokratisches Geschichtsbewusstsein zu setzen.
*) Am 1. Mai 1998 diskutierten in der "Montagsdebatte" von Radio Jade Dr. Jens Graul, Vizepräsident des Deutschen Marinemuseums und Kulturdezernent der Stadt Wilhelmshaven, Dr. Waldemar Reinhardt, der ehemalige Leiter des Küstenmuseums, und Hartmut Peters, Mitarbeiter des Militärhistorischen Arbeitskreises Wilhelmshaven (MAW), über das neue Deutsche Marinemuseum in Wilhelmshaven. Der Gegenwind dokumentiert in den eingestreuten Kästchen Auszüge aus den Ausführungen von Dr. Graul. Aber was macht das schon, schließlich soll "die Reduzierung auf das Wesentliche, und nicht jedes allerkleinste Detail" gezeigt werden. Dabei dürfen dann schon einmal die paar Opfer der Geschichte unter den Tisch fallen. Gilt es heute doch schließlich, wieder an den angeblich so friedvollen Marine-Absichten der Preußen anzuknüpfen, weil die Bundesrepublik als "Industriestaat" eben "maritime Optionen haben sollte". "Das ist unser Credo, und nicht die Grundüberzeugung, möglichst viel gegen die Marine oder gegen einen Krieg oder gegen bewaffnete Auseinandersetzungen zu zeigen." Im übrigen: "Wilhelmshaven lebt zu 40% von der Kriegsmaschinerie" (Zitate Dr. Graul). Man müsse ja nicht wie Tirpitz gegen Engeland rüsten. Gottlob. Vielleicht kann man von Museumsgeschäftsleuten aus Wilhelmshaven nichts anderes erwarten, als altertümlich mit Heraklit den Krieg als "Vater aller Dinge" zu begreifen. Im Kern ist dergleichen ortstypische Folklore indes halsbrecherisch, senkt sie doch die Schwelle zum "Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" (v. Clausewitz). "Will vom Krieg leben / Wird ihm wohl müssen auch was geben," reimte Brecht. Man hat offenbar vergessen, dass Wilhelmshaven im letzten zu 40% zerstört wurde.
"Deutsches Marinemuseum Wilhelmshaven" - der Titel klingt so wissenschaftlich wie "Deutsches Museum München" oder "Haus der deutschen Geschichte Berlin". dass sich dahinter private Interessen statt eines unabhängigen Forschungsinstituts und popelige 500qm Ausstellungsfläche verbergen, welcher Besucher realisiert das schon vor dem Bezahlen angesichts des attraktiven Freigeländes?
Wie auch bei manch anderen hiesigen Projekten finden wir hier ebenfalls die Kehrseite von Größenwahn: die Schlichtheit des Gedankens. Der Verein hätte sein Ziel nämlich genauer mit einer Ausstellung getroffen, die die deutsche Geschichte und die daraus erwachsene Verantwortung ernst genommen hätte. Und hätte zudem noch demokratisches Bewusstsein als Extraprofit eingestrichen. Kimme und Korn auf den qualitativen Abstand zwischen demokratischer Bundeswehr und ihren kaiserlichen und nationalsozialistischen Vorläufern und auf die unterdrückten demokratischen Traditionen - das wärs doch gewesen, um die so friedlichen "Optionen" der Gegenwart wesentlich besser zu verkaufen. Aber der Verein wähnt, nur durch Ausklammern und Verharmlosen der "Details der deutschen Geschichte" seine "maritimen Optionen" anvisieren zu können. Das verrät nicht nur Provinzialität und Anpassung an die Klientel der Ehemaligen, sondern auch ein erschreckendes Desinteresse an der Fortentwicklung unserer der Völkerverständigung und dem Frieden verpflichteten Demokratie. Wie schrieb doch Santayana? "Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Die Wilhelmshavener SPD litt am meisten unter den Kaisern und den Nazis. Diese Partei hat sich von ihrer eigenen Geschichte verabschiedet. Heute greift man nach jedem Strohhalm, am liebsten nach den angefaulten auf dem Mist der einstigen Gegner. Dr. Graul, in anrüchiger Personalunion Kulturdezernent der Stadt und Vizepräsident des Marinemuseums, schloss "sein" öffentliches Küstenmuseum just, als "sein" privates Marinemuseum öffnete - welches jetzt dem Wattenmeerhaus die Besucher abjagt. Das passt gut zu der insgesamt ganz unterentwickelten Auseinandersetzung Wilhelmshavens mit seiner Vergangenheit. Beispielsweise ist diese Stadt, in ihrer Größenklasse, die Einzige in Niedersachsen, die nicht die Geschichte ihrer jüdischen Bürger verlässlich aufgearbeitet hat.
Aber wen scherts, wir haben jetzt hier doch das Marinemuseum, und da fühlen sich die Macher ganz vorbildlich, ist es doch "ein Museum, was auf einer historischen Grundlage Informationsangebote macht, aber keine Meinungen vorwegnimmt." Schließlich beruht alles "auf wissenschaftlicher, ausgewogener Art und Weise". (Dr. Graul) Dafür sorgten schon die renommierten wissenschaftlichen Berater. Schön wärs, wirklich. In der "Denkschrift für ein Deutsches Marine-Museum" von 1987 hieß es noch, ganz korrekt: "Geschichte soll ... nicht verschwiegen oder entpolitisiert werden, sie soll vielmehr kenntlich gemacht werden, ohne nostalgische Verharmlosung oder Heroisierung von Personen oder Ereignissen." Die 1998 eröffnete Ausstellung übt sich im Verwischen, Verharmlosen und Verschweigen unbequemer Fakten der Geschichte und entpolitisiert auf allen Ebenen, um den harten Stuhl der Vergangenheit für die Absichten der Gegenwart weichzuspülen. Die inzwischen fast jedem stinkende Heroisierung traditioneller Machart wird zeitgemäß zum antiseptischen deutschen Soldaten recycelt, der in jeder Epoche "sauber" nur Handwerk und Pflicht nachging. Der MAW wird die Kritik am Marinemuseum weiter konkretisieren und einen eigenen Ausstellungsführer erarbeiten. Zunächst sollen hier nur die wesentlichen Aspekte an Beispielen skizziert werden. Faszination der Waffen statt Aufklärung Ein technisch-historisches Museum war geplant, ein hauptsächlich technisches ist herausgekommen. Die Großexponate des Freigeländes dominieren, während die Ausstellungsräume ein Schattendasein führen und zudem selbst in ihnen die Schiffsmodelle vorherrschen. Kriegstechnik fasziniert, vor allem wenn ihre Folgen banalisiert werden. Das aufgemalte Haifischmaul des Freigelände-Torpedos ist lediglich das auffälligste Detail. Das Ganze stellt sich für die Kinder als Abenteuerpark "Navyland" dar, in dem man einmal ein Geschütz besteigen und auf Schiffe im Hafen zielen darf, während die Väter über die Enge in U-Booten sinnieren und den Kauf von Buchheims "Das Boot" für sinnvoll erachten. Gesichtsloser "Eintopf Marine" statt historischer Differenzierung Durch die Themenorientierung der Ausstellung, durch ihren Verzicht auf eine epochenorientierte Gliederung, wird die Gleichzeitigkeit und -wertigkeit geschichtlicher Vorgänge vorgespiegelt, obwohl diese jeweils durch unterschiedlichste soziale und politische Interessen bedingt sind. Die Gleichzeitigkeit des Unvergleichlichen potenziert sich durch die vorgenommene Auswahl an präsentierten Themen, die wie zufällig an den Bruchstellen und Problemen der deutschen Geschichte vorbeimanövrieren. Die Konsequenz ist nicht nur die weitgehende Ausblendung der politischen Rahmengeschichte, die Marinehandeln erst bedingt, sondern auch die Blindheit gegenüber der Tatsache, dass die Marine selbst ein Akteur der Geschichte war und ist.
Das Konzept der Themenorientierung und die Themenauswahl präparieren im Verein mit der verharmlosenden Darstellung der Texte die so sehr unterschiedlichen Marinen zu einer einzigen Marine, die nur ihre "Aufgaben" erfüllt hat und fast außerhalb aller geschichtlichen Bewährungen steht. Hierdurch wird die Kriegsmarine der NS-Zeit auf eine Traditionsebene mit der Bundesmarine gehoben. Besucher ohne historische Vorbildung können bei dieser Konzeption nur das wahrnehmen, was sie ohnehin anspricht, die Oberflächenreize wie Waffen oder Uniformen. Sie werden unterhalten, in ihren Vorurteilen bestärkt, keinesfalls aufgeklärt. Für die historisch Vorgebildeten ist das gezeigte Sammelsurium amüsant, unproduktiv oder gar ärgerlich - je nachdem. Beispiel: Im Obergeschoss wird das Thema "Die Marine und die Weltmeere" so präsentiert, als ob es um "Weltreisen zum Vergnügen" ginge. An den Wänden prangen Karten, die Schiffsrouten verschiedener Epochen darstellen. Auf einer wird die koloniale (und dann, ohne dass es deutlich wird, kriegerische) Mission der "Emden I" 1913/14 mit der Route der "Emden II" während der NS-Zeit und der Auslandstätigkeit des Bundeswehr-Zerstörers "Schleswig-Holstein" in den 60er Jahren verquirlt. Die Überblendung der drei Epochen und die dominant ausgestellten diversen Reisemitbringsel machen richtig Lust, sich auf große Fahrt zu begeben. Es ist schon schrill, wie Bundesmarine, Nationalsozialismus und Imperialismus verwischt werden, um den opportunen Eindruck zu erzeugen, die Marine sei ein Erlebnisreisenveranstalter für ungebundene junge Männer.
Die Methode ist: Über die sichtbaren Objekte den Wunsch nach Freiheit und Exotik abzurufen, und in den Schubladen die zudem problematisch formulierten Sachinformationen zu verstecken. Schon dreist ist das beim aggressiven deutschen Kolonialismus, den man als volle Nostalgo-Packung verabreicht. Das attraktive Kaiserpanorama mit seiner rassistischen "Völkerkunde" und den ihren wirklichen Aufträgen und Arbeitsbedingungen hohnsprechenden schachspielenden Matrosen wird dem Besucher ohne jegliches Korrektiv aufgetragen. Die grausame Wirklichkeit kolonialer Ausbeutung, die Opfer der "Eingeborenen", der Sexismus der "Zivilisierten" usw. werden so als friedvolle Idylle ausgegeben. In den Textschubladen werden die brutalen Aktionen entweder verschwiegen oder sprachlich verharmlost. "Von den Stützpunkten aus wurden (...) die Interessen des Kaiserreichs durchgesetzt, teils mit friedlichen Mitteln, teils auch mit Gewalt. Außerdem bereisten die Schulkreuzer und Forschungsschiffe der Marine die Weltmeere." Alles, was wir über das schon seinerzeit Entsetzen erregende Gemetzel an den Chinesen erfahren, lautet: "...internationale China-Expedition 1900/01 zur Niederschlagung des Boxeraufstands". Kein Wort über die deutsche Vorreiterrolle dabei oder über die berüchtigte "Hunnenrede" des Kaisers, die die Historiker für präfaschistisch halten. Konsequent, dass es nur deutsche Tote dieser Epoche gibt. (Und selbst die meint man 100 Jahre danach noch ehren zu müssen. Unkommentiert und an zentraler Stelle steht im Freigelände das Denkmal einer Matrosendivision mit Aufschriften wie "Während der Aufstände in Südwest-Afrika starben in Treue vor dem Feinde...")
Bewusstes Verschweigen der Schattenseiten Alles, was nur entfernt an die "Schattenseiten" (Dr. Graul) der deutschen Geschichte erinnert, wird ausgeblendet. Hier eine Auswahl: die aktive Beteiligung der Marine am Völkermord an den Juden (Baltikum), die Marinerüstung durch Zwangsarbeiter und KZ-Insassen und der massive Terror gegen die eigenen Matrosen im 2. Weltkrieg, das Thema Marine und Widerstand, die demokratische und soziale Tradition der Marine, der Komplex Marine und Rüstungsindustrie, die antidemokratische und revanchistische Rolle der Marine während der Weimarer Republik, die Beteiligung der Marine an brutalen "Befriedungsaktionen" während der Kolonialzeit, die propagandistische Funktion und Wirkung der Marine im Kaiserreich und im Nationalsozialismus und so weiter ... Verschleiernde und verharmlosende Texte Fast allgegenwärtig ist eine Darstellungsweise auf den Texttafeln, die durch ihren Mix aus Verschweigen und scheinbar neutraler Darstellung auch den letzen Rest von Problemzonen verschleiert. Beispiel 1: Unter "Auslandstätigkeit der Reichs- und Kriegsmarine 1924-1939" lautet ein Absatz: "Die Segelschulschiffe und Schulkreuzer der Kriegsmarine vermittelten im Ausland das Dritte Reich als vorbildlichen neuen Staat. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) beteiligten sich Einheiten der Kriegsmarine an der internationalen Seeüberwachung, ergriffen aber auch die Partei der aufständischen Franco-Truppen. Ein Angriff regierungstreuer Flugzeuge auf das Panzerschiff "Deutschland" hatte 31 Tote zur Folge." Eingeleitet wird die Parteinahme NS-Deutschlands gegen die gewählte spanische Regierung wie in der "Deutschen Nationalzeitung". Die hegemonialen und bündnispolitischen Interessen der Nationalsozialisten werden alsdann von der "internationalen Seeüberwachung", die nur kurze Zeit bestand, neutralisiert. Es bleibt sprachlich unkenntlich, dass die deutschen den spanischen Faschisten halfen, wie insgesamt auch die brutalen Methoden (Guernica) und das Ausmaß der Kriegshilfe (200 Mill. Reichsmark) keines Wortes wert sind. dass die Marine auf ihre Kriegstauglichkeit getestet wurde, wird von den Toten der "Deutschland" überdeckt. dass als "Vergeltung" völkerrechtswidrig die Zivilbevölkerung der spanischen Hafenstadt Almeria beschossen wurde (24 Tote, 8.000 Obdachlose), ist vermutlich eines jener "allerkleinsten Details" der Geschichte, die für "das Wesentliche" (Dr. Graul) nun einmal weichen müssen. Setzte man für "regierungstreu" "rotspanisch", stammte der gesamte Absatz aus einem deutschnationalen Buch. Beispiel 2: In der Texttafel zum "Kriegsende 1945" heißt es: Nie wieder ein November 1918 (Raeder). Nur vereinzelt kam es zu Unbotmäßigkeiten der Mannschaften oder zur Überschreitung der Befugnisse durch Offiziere." Nur der Eingeweihte versteht, dass es hier nicht um die stilvolle, "soldatische" Beendigung eines "ehrenhaften" Krieges, sondern um die schmutzige Tötung von meist jungen Matrosen geht, die in einem aussichtslos gewordenen Krieg nicht das Leben verlieren wollten und deshalb ihre individuellen Konsequenzen zogen. Tausende von Marinesoldaten wurden wegen Fahnenflucht und nach der "Volksschädlingsverordnung" hingerichtet. Der Ausstellungstext nimmt die Perspektive der Nationalsozialisten ein ("Unbotmäßigkeiten", "Überschreitung der Befugnisse") und verunglimpft damit die Opfer der NS-Marinejustiz. Das Deutsche Marinemuseum Wilhelmshaven erlebte in 6 Wochen 30.000 Besucher. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen, sondern einer Konzeption, die aus geschäftlichen und politischen Gründen ein Museum präsentiert, das einem geschichtlichen Imbissstand gleicht und die deutsche Marinegeschichte bewusst verharmlost . qZum Autor: Hartmut Peters studierte Politik, Soziologie, Geschichte und Germanistik und arbeitet seit 1978 als Lehrer für Politik und Deutsch in Jever. Peters ist Mitarbeiter im Militärgeschichtlichen Arbeitskreis Wilhelmshaven (MAW), im Antifaschistischen Bündnis Wilhelmshaven und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg. Er veröffentlichte seit Anfang der 80er Jahre, z.T. zusammen mit Schülern, eine Reihe von Ausstellungen, Büchern und Aufsätzen zur Regionalgeschichte und ist Initiator des 1996 enthüllten Mahnmals für die ermordeten Juden Jevers. Peters arbeitet gegenwärtig an einem Videofilm über die Befreiung Wilhelmshavens 1945 durch die 1. Polnische Panzerdivision und in Kooperation mit der Universität Hannover und der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) über die Geschichte der Juden Jevers. Peters erhielt 1986 für das Schüler-Lehrer-Projekt "Juden besuchen Jever" die Medaille der FDP-nahen Theodor-Heuss-Stiftung.
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