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Gegenwind 141 - Juni/Juli 1997 Zwei „faule Säcke“
gegen Gabi Neben Gabriele
Iwersen wollen sich zwei Parteifunktionäre um ein Bundestagsmandat bewerben -
die Entscheidung über die Kandidatur fällt im Oktober (ef/noa) Seit 1990 ist Gabriele Iwersen für die SPD im Bundestag. Schon bei der Erstbewerbung wurden ihr parteiintern Hindernisse in den Weg gelegt: Der damalige Bezirksvorsitzende Theilen (heute Regierungspräsident) versuchte in letzter Minute (allerdings erfolglos), statt ihrer eine Kandidatin aus Friesland zu küren. Und 1994 war es der Wilhelmshavener Oberbürgermeister Eberhard Menzel, der sich selbst (ebenfalls erfolglos) als Mitbewerber präsentierte. Klar, daß es auch zur Bundestagswahl im kommenden Jahr
wieder Gegenkandidaten aus dem eigenen Lager gibt. Norbert Schmidt,
Wilhelmshavens SPD-Unterbezirksvorsitzender, “will nicht warten, bis Gabriele
Iwersen freiwillig ihre politische Karriere beendet” (WZ v. 31.5.97), und auch
Günther Heußen, Frieslands UB-Vorsitzender, strebt nach einem Sitz im
Bundestag. “Es ist das Fatale, daß Norbert und ich immer übereinstimmen”,
zitierte die WZ den Friesen, und so sind die beiden sich schon vor Monaten einig
geworden, als Mitbewerber um die Nominierung zum Bundestagskandidaten
anzutreten. Beide sind mit der politischen Arbeit Iwersens für die Region nicht
mehr so recht zufrieden. Anläßlich der gemeinsamen Präsentation aller drei
Kandidaten beim Ortsverein Siebethsburg forderte Heußen, der Abgeordnete müsse
vor allem Lobbyist der Region Wilhelmshaven/Friesland/Wittmund sein, und auch
Schmidt gab als Zielvorstellung an, sich für die Region einsetzen zu wollen.
Man kann annehmen, daß solche Aussagen beim Wahlvolk gut ankommen, aber sie
zeugen von wenig Einblick in die Arbeitsweise des Bundestages und damit von den
Möglichkeiten und Grenzen eines MdB. Im Bundestag werden Bundesgesetze gemacht
- Wirtschaftförderung für eine bestimmte Region ist jedoch
Landesangelegenheit. “Mit seinem kleinräumigen Anspruch sollte Heußen sich
besser für den Landtag bewerben”, so Iwersen, und da Schmidt so sehr mit Heußen
übereinstimmt, gilt diese Empfehlung wohl auch für ihn. Iwersen: “Beide
sollten sich darüber klar werden, welche Kompetenzen das Land und welche der
Bund hat.” Dasselbe gilt für das Thema “Expo 2000”. Der Bund
stellt zwar Gelder für die Weltausstellung bereit, doch welche Mittel davon
Hannover den Außenstandorten, z.B. für die “Expo am Meer” abgibt, darauf
hat ein MdB keinen Einfluß. Zum Vorwurf, sie kümmere sich zu wenig um die Parteiarbeit
vor Ort, sagt Frau Iwersen dem GEGENWIND, dieser Eindruck könnte aus der
“mangelnden Zusammenarbeit der Ortsvereinsvorsitzenden mit der
Bundestagsabgeordneten” resultieren: In regelmäßigen Abständen informiert
sie die Vorsitzenden der Unterbezirke und der Ortsvereine über Geschehnisse im
Bundestag und bietet sich für Veranstaltungen zu aktuellen Themen an. Mehr kann
sie nicht tun; es ist dann Sache der UB- bzw. OV-Vorstände, sie einzuladen. Aber auch ohne solche Einladungen kann sich ihre Arbeit im
Wahlkreis sehen lassen. Im Unterschied zu ihrem Vorgänger Ehrenberg hat sie in
ihrem Wahlkreis drei Bürgerbüros (Wilhelmshaven, Jever und Wittmund)
eingerichtet, wo nicht nur Aktivitäten der Partei stattfinden und unter-
schiedliche Gruppen zueinander in Kontakt gebracht werden, sondern Iwersen auch
regelmäßig ihre Sprechstunden durchführt und so den Kontakt zu ihrer Basis hält. Kommentar Gut nachdenken Beide Herausforderer Iwersens sind Lehrer. Diese
Berufsgruppe bildet mit 79 Abgeordneten jetzt schon die zweitstärkste
“Fraktion” im Bundestag und wird nur von den Juristen übertroffen, die 126
der insgesamt 672 Sessel im Parlament besetzt halten. Nicht von ungefähr spötteln
daher Bonner Journalisten, “daß der Bundestag zwar mitunter leerer, aber dann
immer noch voller Lehrer” sei. Die SPD-Arbeitsgemeinschaft für
Arbeitnehmerfragen (AfA) spricht sich gegen eine weitere Verbeamtung des
Bundestages aus. Da wir im Unterschied zu Gerhard Schröder, der Lehrer einmal
als “faule Säcke” bezeichnet hat, kein Problem mit Pädagogen haben,
spricht für uns dieser Beruf nicht gegen die beiden. Beide Herausforderer Iwersens sind Männer. Dies spricht
schon eher gegen sie. Denn die SPD hat DIE QUOTE erfunden. Die hiesige
SPD war 1990 stolz, eine Frau in den Bundestag schicken zu können. Doch
Gabriele Iwersen ist beileibe nicht nur eine Quotenfrau. Trotz aller Unkenrufe
einiger Funktionäre erzielte sie bei der Bundestagswahl 1994 mit 47,8 % einen
beachtlichen Zuwachs gegenüber ihrer Erstkandidatur 1990 (44%) und näherte
sich damit dem letzten Ergebnis Ehrenbergs (49,8%). Wie viel würde ein Norbert Schmidt oder ein Günther
Heußen beim ersten Versuch bekommen? Der Wahlbezirk 21 kann von der SPD nur direkt gewonnen
werden. Einen sicheren Listenplatz wird es nicht geben. Gabriele Iwersen hat den
Amtsbonus schon. Wie lange braucht ein Newcomer, um im Bundestag etwas
ausrichten zu können? Nach Iwersens Erfahrungen benötigt man etwa eine
Amtsperiode, um auch nur zu einem kleinen Zahnrad im parlamentarischen Getriebe
zu werden. Angesichts dessen sollten die SPD-Delegierten, ehe sie
im Oktober ihr Votum abgeben, darüber nachdenken, ob ein Wechsel taktisch
richtig und politisch klug für unsere Region ist. Denn wichtige politische
Entscheidungen werden in nächster Zeit im Bundestag fallen. Der Umbau (Abbau?)
des Sozialstaates ist noch nicht abgeschlossen und wird es auch bis zur Wahl
nicht sein. Außerdem fällt der Umzug des Parlaments nach Berlin in die nächste
Legislaturperiode - für Neulinge eine größere Umstellung und damit ein größerer
Reibungsverlust. Deshalb braucht man jemanden, die sich in diesem Laden bereits
auskennt. Erwin Fiege/ Anette Nowak Vorherige Seite Titelseite Nächste Seite
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